Kontempäre Kunst aus China ist in den letzten 10 Jahren wie ein rote Rakete emporgeschossen; in jeder Galerie, Biennale oder vorausschauenden Retrospektive. Die Anzahl der KünstlerInnen, die promotet werden, ist eher klein, viele von ihnen bewegen sich im oder um den Nukleus der mit Shanghai verbunden ist, mit der Shanghart-Galerie von Lorenz Helbling und dem früheren Schweizer Botschafter in China, Uli Sigg. Diese Schweiz-China-Verbindung verknüpft auch die Architekten Herzog und de Meuron mit einem anderen chinesischen Künstler/Architekten, mit Ai Wei Wei, und zum ersten Mal sah ich seinen Namen im architektonischen Kontext in der Dokumentation über ein gemeinsames Projekt für die Olympischen Spiele 2008 in Peking, in einer Dokumentation über das Vogelnest-Stadion.

2009 hat Münchens “Haus der Kunst” eine umfangreiche Sammlung seiner Werke gezeigt (www.hausderkunst.de/hdk.de/index.php), und zwar beinahe in monumentaler Skala. Die Sammlung ist sehr beeindruckend, und viele der Fragen und Reflexionen von Ai Wei Wei sind provokant (der Katalog bietet eine exzellente Sammlung dieser Gedanken), aber es gibt einen befremdenden Unterton in der Ausstellung: Ein großer Teil des Materials für die Kunstwerke stammt aus antiken Gebäuden, Möbeln und Siedlungen. Es gibt einen Raum, in dem Säulen von Gebäuden aus der Qing-Dynastie Tische und Stühle aus der selben Epoche umgeben, ein Raum, in dem die Tische zerstört und in neuen Geometrien zusammengebaut werden, mit dem nüchternen Kommentar, dass es sich bei dem verwendeten Material um das gleiche handelt, welches auch von Fälschern von Antiquitäten verwendet wird (sind die Tische als “echte” Antiquitäten oder lediglich moderne Reproduktionen?) und schließlich gibt es eine Serie an Arbeiten, die sich antiker und neolithischer Keramiken bedienen. Ein beeindruckendes Bild ist jenes einer antiken Urne, die in Industriefarbe getaucht ist, wodurch ihre großartige stilistische Einfachheit betont wird und die Vase vollkommen kontemporär wirkt, aber auf der anderen Seite ist die Vase genauso sicher zerstört, wie wenn man sie in Staub geschleudert hätte (eine andere Arbeit Wei Weis)

Wieso bin ich so schockiert von dieser Dekonstruierung, die für mich einen Akt des kulturellen Vandalismus darstellt, der nicht sehr anders ist als jener der kulturellen Revolution? Was wäre die Reaktion, wenn wir römische Mauern nehmen und Roland McDonald unter die Gladiatoren malen würden? Wenn wir die Beine einer mesopotamischen Statue abbrechen und durch gelbe Entenfüsse ersetzen würden? Die Antiquitäten wären unwiderruflich zerstört. Selbst wenn die Farbe, die Ai Wei Wei verwendet, mit irgendwelchen Industriereinigern wieder zu entfernen ist, welche Information auch immer dieses keramische Gefäß beinhaltet (Essen, Komposition, Herkunft), sie ist verloren. Kann man denn so argumentieren, dass es so viele antike Gegenstände gibt, dass man es verkraften kann, einige wenige zu zerstören, um ein künstlerisches Statement abzugeben? Wenn man das macht, trifft man eine Entscheidung für die Zukunft: Es gibt keinen wahrnehmbaren Nutzen dieser antiken Artifakte, auch wenn Forschungsmethoden aufkommen sollten, die mehr verlangen, als wir im Moment für notwendig erachten. Und das ist nur das pragmatische Argument. Eine ähnliche Frage ist folgende: Was bedeutet der Verlust einer Spezie, von der wir nicht mal wussten, dass sie existiert, für die Menschheit? Oder der Tod einer kleinen Anzahl einer bedrohten Spezies? Oder eine Sprache, die mit der letzten Person, die sie beherrscht, stirbt?

Andererseits: Sollten alle Objekte aus der Vergangenheit konserviert werden? Von welchem Zeitpunkt an? 1000 Jahre zurück? 100? Letzte Woche? Die Gefahr dieses Denkansatzes ist die Mumifizierung der Vergangenheit, die Unmöglichkeit der Erneuerung und disneyfizierte, schrullige, kleine Städte, die nur für Touristen da sind und sonst nicht mehr viel anderes.

Und die abschließende Wende dieser Überlegungen: In der Ausstellung macht Ai Wei Wei den Eindruck, dass er dazu beigetragen hat, einige der Techniken zu konservieren, mit deren Einsatz man die Objekte vor hunderten von Jahren erschaffen hat, und vielleicht würden diese Techniken ohne seinem Patenschaft aussterben.

Michael Doser ist Mitglied der Prix-Jury 2012 und für die Kategorie “[the next idea]Voest Alpine Art and Technology Grant zuständig. Am 19.4.2012 hält er einen Vortrag zum Thema “Higgs, wo bist du?” im Ars Electronica Center im Deep Space.