WIR SIND HIER – Opening TOTAL RECALL – The Evolution of Memory

Am 5. September beginnt TOTAL RECALL – The Evolution of Memory, das Festival Ars Electronica 2013. Das Opening ist schon das erste Highlight, eine crossdisziplinäre, multimediale Performance, das Themen wie Erinnerung, Bewusstsein, Verantwortung ins Visier nimmt. Wir haben mit Salvatore Vanasco gesprochen, einem der Initiatoren des Projekts und einem alten Bekannten der Ars Electronica.

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Am 5. September beginnt TOTAL RECALL – The Evolution of Memory, das Festival Ars Electronica 2013. Das Opening ist schon das erste Highlight, eine crossdisziplinäre, multimediale Performance, die Themen wie Erinnerung, Bewusstsein, Verantwortung und Überwachung ins Visier nimmt. Wir haben mit Salvatore Vanasco gesprochen, einem der Initiatoren des Projekts und einem alten Bekannten der Ars Electronica.

WIR SIND HIER ist das Opening für TOTAL RECALL – The Evolution of Memory. Was hat es damit auf sich?

WIR SIND HIER ist ein kollektives Projekt, von Künstlern unterschiedlichster Herkunft aus verschiedenen Nationen mit verschiedenen Auffassungen, die sich mit der Geschichte des Totalitarismus auseinandersetzen und so einen Zusammenhang des 20. Jahrhunderts herstellen, von den Verträgen von Versailles aus 1918, über Auswirkungen der Nazizeit bis hin zur Jetztzeit, in der über Daten und Geheimdienste die Rechte des Menschen in Richtung Totalitarismus zunehmend eingeschränkt werden.

Wir versuchen, eine Brücke zu schlagen, im Sinne der Erinnerung und im Sinne der Erneuerung von Erinnerung, von den Schlachtfeldern des 20. Jahrhunderts bis hin zu den Schlachtfeldern des 21. Jahrhunderts.

Eine Geschichte der Zensur, eine Geschichte der Überwachung also?

Genau, das sind so die Ingredienzien. Überwachung, Zensur, Meinungs- und Aufmerksamkeitssteuerung. Das wird ja in der Regel staatlich verordnet, oder durch bilaterale Vereinbarungen der Alliierten mit den europäischen Ländern verordnet und umgesetzt.

Wieso gerade jetzt?

Es jähren sich gerade einige historische Ereignisse. Zum einen haben wir heuer 80 Jahre Bücherverbrennung, nächstes Jahr 100 Jahre 1. Weltkrieg. Es ist so, dass die Zeitzeugen, eine Generation, die das alles erlebt hat, gerade am Aussterben ist, zum anderen wurden wir aufgeschreckt, durch Umfragen, die letztes Jahr in Deutschland gemacht wurden, mit der Zielgruppe Digital Natives, und dabei festgestellt wurde, dass “Auschwitz” für 30% dieser Generation kein Begriff mehr ist, dass sie mit diesem Begriff keinen Zusammenhang mehr herstellen können.

Als Künstler und auch als Professional Human Beings und Bürger sind wir der Ansicht, dass das auch mit dieser Generation ausverhandelt werden muss, wie die Erinnerungsarbeit aussieht. Nicht um jetzt zu sagen: “Wehret den Anfängen!”, denn das wäre ja so, als würde man immer wieder alles vergessen und von Neuem anfangen, sondern als transformierender, gesellschaftlicher Prozess, dass diese Frage auch im Alltag gestellt wird, im Bildungsbereich, dass dadurch auch mit eigenen Mitteln angefangen wird, sich damit zu beschäftigen und dadurch eine womöglich andere Gesellschaft zu entwerfen.

Das heißt, Erinnerung ist Basis für eine gesellschaftliche Entwicklung.

Es gibt ja den Begriff kollektives Gedächtnis. Es wäre interessant, dass diese gemeinsame Geschichtsschreibung keine ist, die von oben herunterdiktiert wird, sondern eine, die in und mit und aus den Bürgern heraus geschrieben wird, über den Pluralog der Bürger, was natürlich eine viel tiefere Verankerung im kollektiven Gedächtnis zur Folge hätte. Von daher wagen wir uns vor, diese Fragen nochmal zu stellen und diese Frage nochmal in Diskurse zu bringen.

Jetzt sind die Fragen zum Thema staatlicher Überwachung, staatlicher Repression und womöglich auch staatlicher Zensur und Privatsphäre wieder ganz aktuell in den Medien, Stichwort PRISM, Stichwort Snowden, aber auch Stichwort Angela Merkel und ihr Umgang mit den Entwicklungen, die zu Tage gekommen sind. Wie siehst du den Stand der Dinge zu diesem Themenkomplex?

Ich sehe, dass der Bürger keine Rechte mehr hat, dass die Grundrechte des Bürgers auf die eigene Würde, auf den eigenen Privatraum, auf die eigene Privatsphäre, auf die Steuerung eigener Daten und damit letztendlich auch die Selbstbestimmung ausgehebelt wurden, durch bilaterale Verträge, bilaterale Verhältnisse von Sicherheitsdiensten, dass Staaten unter dem Schutzmantel der Terrorismusbekämpfung Maßnahmen setzen, die eigentlich außerrechtlichte und außerstaatliche Maßnahmen sind. Eigentlich bin ich dafür, dass man eine Sammelklage erhebt gegen die Unterwanderung der Bürgerrechte. Ich sehe einen konkreten Angriff auf die Würde, ich finde, dass die Rolle des Bürgers zum Staat und umgekehrt die des Staates zum Bürger neu verhandelt werden muss.

Mit WIR SIND HIER wollen wir Anreize schaffen, unterschiedlichster Art, intellektuell, körperlich, deswegen ist WIR SIND HIER nicht nur ein Diskurs, sondern eine Darbietung auf emotionaler Ebene mit künstlerischen Mitteln, die versucht, unterschiedliche Zugänge zu diesem Themenfeld zu schaffen.

Jetzt bist du kein Neuling was den Umgang mit Medien angeht, bei der Ars Electronica hast du ja schon einmal mit Van Gogh TV piazza virtuale für Furore gesorgt. Wenn du auf deine eigene Geschichte zurückblickst beziehungsweise auf die Entwicklung der letzten Jahre: Wie würdest du die heutige Generation einstufen, was Medienkompetenz angeht oder den Umgang mit dem eigenen Bild, mit fremden Bildern, ist es in eine Richtung gegangen, die du dir gewünscht hast, gibt es viel zu tun, wo stehen wir gerade?

Aus meiner Sicht ist viel passiert und es ist auch viel auf alle zugekommen, es ist vieles angenommen worden, vor allem im Vergleich zu den 80er Jahren oder auch Anfang der 90er Jahre, wo es gegenüber diesen neuen Technologien eine größere Befürchtung, eine größere Sorge gab, kamen mit der Proklamierung des sogenannten digitalen Lifestyles Anwendungen und Geräte auf die Menschen zu, mit denen sie vorher nicht umgegangen sind. Ich würde das als Anfang einer neuen Kommunikationskultur begreifen wollen. Ob die Menschen heute schon so bewusst damit umgehen, sich auch dessen bewusst sind, in welchem Umfeld sie stattfinden und mit welchen Mitteln sie agieren und über sie agiert wird, sowohl von Unternehmer- als auch Staatenseite, da glaub ich nicht, dass das Bewusstsein in der Tiefe vorhanden ist.

Es ist jetzt durch den Snowden-Vorfall und WikiLeaks ein gewisses Aufmerksamkeitspotential entstanden, in der Presse hat man auch diejenigen, die Sorge dafür tragen müssen, die Gesellschaft zu informieren, diese Leute nehmen jetzt einen kritischeren Standpunkt ein, aber diese Form des Kritischen ist beim Bürger noch nicht angekommen, und von daher wünsche ich mir auch, dass mit WIR SIND HIER eine Aufmerksamkeit entsteht. Ob der Homo Digitalis so ausgeprägt schon ist, mit allen Mitteln ausgestattet ist und aus eigener Vernunft agiert, das glaube ich nicht. Es gibt natürlich die Experten oder Avantgardisten dieser Welten, der große Unterschied ist, dass früher eben eine Speerspitze aus Avantgardisten, Künstlern, Wissenschaftlern sich mit etwas auseinandergesetzt hat, und heute die breite Masse schon damit umgeht, dass Dinge über sie hereingebrochen sind und sie im Alltag einen Umgang damit pflegen. Wenn man einen Schritt rauswagt und sich das nicht aus der Mitte ansieht, dann hat man das Gefühl, dass der Mensch zunehmend deformiert wird, es ist ja schon ein faszinierendes Bild, wieviele Leute heute auf Bildschirme starren, wie sehr das den sozialen Alltag bricht und auch durchmischt. Das sind große Veränderungen.

WIR SIND HIER geht nicht erst am 5. September los, was kann man jetzt schon machen?

Es ist ja so, dass WIR SIND HIER ganz stark den Fokus auf Partizipation setzt und insofern sind wir am 5. Juli mit einem Onlineportal gestartet, wo es Anwendungen gibt, an denen man teilnehmen kann. Einerseits durchs Aufsagen und Aufnehmen eines Gedichts von Bert Brecht, das wird unser User-generierter-Chor, der in die Performance einfließt, zum anderen haben wir den Aufruf abgesetzt, Töne und Tonfragmente einzuschicken, damit das in die Komposition für die Performance eingebezogen wird. Die Musik dafür macht FM Einheit, und FM Einheit hat seine Komposition für das Publikum geöffnet und ermöglicht damit, mit eigenen Tönen, mit eigenen Interpretationen Teil des Werks zu werden.

Des weiteren arbeiten wir an Leitartikeln, zu Themen wie Überwachung, Zensur, aber auch “Was ist Freiheit?”, “In welcher Phase der Demokratie sind wir heute?”, “Was bedeutet es, wenn ein Nationalstaat sich auflöst?”, was könnte ein Szenario sein, das man sich für die Zukunft wünscht, Mitgestaltung der Demokratie, insofern ist es auch ein Portal, das zunehmend um die Themenschwerpunkte, die am gesamten Abend stattfinden, Diskurse entfacht und in den sozialen Medien verlängert und von dort wieder zurück aufs Portal führt. Wir erhoffen uns dadurch eine breite und tiefe Diskussion über die Themen, als Vorbereitung und Einwirkung auf das Opening.

Werdet laut!

WIR SIND HIER baut einen User-generierten Chor, den Chor der vielen Stimmen. Machen Sie mit, werden Sie Teil des Openings!

http://www.wir-sind-hier.org/user-generated-choir

Zerstörung hören

FM Einheit blickt auf eine ausgiebige Karriere als Musiker zurück, war einer der ersten, die sich Alltags- und sonstige Gegenstände als Instrumentarium angeeignet haben, um ausgiebige Soundexperimente zu betreiben. Er zeichnet verantwortlich für den Soundtrack von WIR SIND HIER und wartet darauf, dass Leute verschiedene Geräusche einschicken, die er verarbeiten kann. Einfach der Soundcloud-Gruppe beitreten oder Lärm, Krach, Geräusche, Hämmern, Piepsen oder was auch immer in die Dropbox legen, via unterstehendem Link.

http://www.wir-sind-hier.org/sound-of-destruction/

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