Sorting Out Cities

Das Miraikan beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Visualisierung globaler Zusammenhänge. Seit Ende November zeigt der „Geo-Cosmos“ „Sorting Out Cities” – eine Animation von Dietmar Offenhuber und dem Ars Electronica Futurelab.

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Foto Credits: Dietmar Offenhuber

Das Miraikan, eines der wichtigsten Science Center Japans, beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Visualisierung globaler Zusammenhänge. Dazu wurde ein überdimensionaler Erdkugelsimulator als kugelförmiges Display mit einem Durchmesser von sieben Metern geschaffen. Der „Geo-Cosmos“ stellt die hellerleuchtete Erde im Weltall dar. Mit mehr als 10 Millionen LEDs werden darauf neueste Satellitenbilder und einprägsame Visualisierungen gezeigt.

Seit Ende November zeigt der „Geo-Cosmos“ eine Animation von Dietmar Offenhuber und dem Ars Electronica Futurelab. „Sorting Out Cities” lautet der Titel der Projektion, die unterschiedliche Daten über Städte, wie den Anteil von Stadtgebieten auf der Erdoberfläche, den Einwohnerzahlen in Städten oder die Transferrouten von Menschen und Ressourcen zwischen Städte, darstellen kann.

Wir haben mit Dietmar Offenhuber über seine Leidenschaft für Städte, dem Projekt „Sorting Out Cities“ und seiner Vorstellung über die Städte der Zukunft gesprochen.

DietmarHallo Dietmar, du hast in Stadtplanung am Massachusetts Institute of Technology promoviert und bereits mehrere Bücher im Bereich Stadt und Technologie veröffentlicht. Woher kommt dein großes Interesse für das Thema Stadt(-entwicklung)?

Dietmar Offenhuber: Ich denke es ist die Vielfalt und Komplexität in der sich das tägliche Leben räumlich abspielt, wie sich Gesellschaft räumlich manifestiert. Stadt ist hier nicht als Gegensatz zu Land gemeint, allerdings spielt Dichte sicher eine Rolle dabei wie diese Räume aussehen.

Dein letztes veröffentlichtes Buch trägt den Titel „Die Stadt entschlüsseln – Wie Echtzeitdaten den Urbanismus verändern“. Kannst du uns bitte einen kurzen Einblick in das Buch geben?

Dietmar Offenhuber: Das Senseable City Lab beschäftigt sich ja damit, wie digitale Kommunikationstechnologien uns dabei helfen können, die Stadt besser zu verstehen beziehungsweise die Stadt zu verbessern. Wir haben uns angesehen, welche Rolle diese Technologien für die Stadtforschung und Entwicklung spielen können und welche Probleme dabei angesprochen werden müssen. Wir verstehen das Buch allerdings nicht nur als Kommentar zu diesen Phänomenen, sondern lassen auch die Wissenschaftler und Entwickler neuer Methoden zur Datenanalyse zu Wort kommen.

IMG_0466Um Daten geht es auch bei der „Geo-Cosmos“-Projektion „Sorting Out Cities“. Was genau ist dabei auf dem Erdkugelsimulator zu sehen?

Dietmar Offenhuber: Es ging darum, die zunehmende globale Rolle von Städten aufzuzeigen. Wenn wir von globaler Entwicklung reden, verwenden wir üblicherweise abstrakte Größen wie das Bruttoinlandsprodukt, von denen sich aber niemand eine genaue Vorstellung machen kann. Bei Sorting out Cities ging es darum, diese abstrakten Größen in konkrete räumliche Maßstäbe zu übersetzen. Wir arbeiten dabei mit einem einfachen visuellen Prinzip: die Welt wird ständig umsortiert, damit man sich die Größenverhältnisse besser vorstellen kann. So sieht man zum Beispiel, dass Städte nur 3 Prozent der Landmasse einnehmen, aber mehr als 50 Prozent der Bevölkerung aufnehmen. Von diesen Städten sind auch ca. 90 Prozent der Landoberfläche mit gängigen Transportmitteln innerhalb von zwei Tagen erreichbar. Es zeigt auch die unglaublich wichtige Rolle, die Südostasien im globalen Zusammenhang spielt. In dieser Region befinden sich jetzt schon mehr Menschen als in allen anderen Regionen der Welt zusammengenommen. Die Urbanisierung hat aber in vielen Teilen dieser Region aber gerade erst so richtig begonnen.

IMG_0468Dazu sind doch Unmengen an Daten nötig. Wie habt ihr diese Daten generiert?

Dietmar Offenhuber: Die globalen Datensätze wurden von verschiedenen Forschungsprojekten an Universitäten und von internationalen Organisationen wie der UNO generiert. Es war uns sehr wichtig, hier nur nachvollziehbare, seriöse Quellen zu verwenden.

Diese Daten können natürlich auch wissenschaftlich ausgewertet werden. Was genau kann aus der Visualisierung abgeleitet werden?

Dietmar Offenhuber: Das Ziel des Projektes ist nicht wissenschaftlicher Natur, allerdings erfordert es wissenschaftliche Methoden, diese doch sehr heterogenen Datensätze zueinander in Beziehung zu setzen. Diese Kontextualisierung ist für mich auch ein sehr wichtiges Ziel – üblicherweise werden diese Datensätze ja isoliert betrachtet, und dann wird entweder über Bevölkerungswachstum, Wirtschaft, CO2 Ausstoß gesprochen. Natürlich hängen alle diese Dinge eng zusammen, aber es ist nicht einfach sie im selben Kontext zu betrachten.

IMG_0474Wie stellst du dir die Stadt der Zukunft vor? Was wird sich weiterentwickeln und was sollte künftig geändert werden?

Dietmar Offenhuber: Ein zentraler Aspekt der Stadt der Zukunft ist für mich Informalität. Von den weltweit 20 größten Städten in 2030 wird es nur noch eine einzige in Europa geben, zwei in Nordamerika. Der Rest ist in Staaten, die man früher als Entwicklungsländer bezeichnet hat, was aber schon lange nicht mehr stimmt. Diese Megastädte sind allerdings zu einem großen Teil von informellen Ökonomien und Infrastrukturen geprägt. Technologie spielt hier auch eine Rolle: das Smartphone macht zum Beispiel formelle Prozesse informeller, dadurch brechen viele Strukturen weg. Gleichzeitig macht es informelle Prozesse formeller, da zum Beispiel jede Bewegung und jedes Gespräch mit dem Smartphone Spuren hinterlässt. Die Stadt der Zukunft wird chaotischer und dynamischer, sicher nicht so wie in klinischen Science Fiction und Smart City Visionen dargestellt.

Dietmar Offenhuber

Dietmar Offenhuber ist Dozent und Leiter des MFA Programms in Informationsdesign und Visualisierung an der Northeastern University in Boston. Er promovierte am MIT Department of Urban Studies and Planning und studierte am MIT Media Lab in der Sociable Media Group. Seine Forschungsbereiche umfassen soziokulturelle Aspekte städtischer Infrastruktur sowie die Rolle digitaler Technologien im politischen Diskurs. Er war Research Fellow am MIT Senseable City Lab, Key-researcher am Ludwig Boltzmann Institut für Medienkunstforschung sowie Professor an der Fachhochschule Hagenberg und an der Kunstuniversität Linz.

Dietmar arbeitet mit den Soundkünstlern Sam Auinger und Hannes Strobel unter dem Namen Stadtmusik zusammen. Seine künstlerische Arbeit wurde unter anderem am Centre Pompidou, der Armory Show in New York, ZKM Karlsruhe, Ars Electronica, Sundance Film Festival, in der Secession Wien, bei der Seoul International Media Art Biennale und der Arte Contemporaneo in Madrid ausgestellt.

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