Die zukünftige Gesellschaft bei „The Conduit“ spielerisch mitgestalten

Die Society for Cultural Optimism hat mit „The Conduit“ ein Rahmengerüst für die Schaffung einer zukünftigen Gesellschaft entworfen, die von den Besuchern des Ars Electronica Deep Space 8K etabliert werden soll. Die Art in der die Simulation beeinflusst wird, bleibt den Teilnehmer*innen überlassen, genau wie die Rollen, die sie einnehmen wollen.

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Digital technology is used to construct a simulated tomorrow. (Friedrich Kirschner, Maike Drexler, Clara Fritsche, Monica Rikic, Emilia Giertler, left to right). Credit: Friedrich Kirschner

Cultural Optimism“ ist ein Konzept, das heutzutage, in Zeiten, die viele von uns eher durch die Linse kulturellen Pessimismus beschreiben würden, vermisst wird. Wir begreifen das Heute als eine Ausnahme zur Regel, die besagt, dass jede Ära gleichviel Anteil an Kreativität und damit eine bestimmte Qualität kultureller Artefakte mit sich bringt. Weil es so scheint, dass wir in einer Krisenzeit leben, in der die uns umgebende Kultur in Zweifel gezogen wird, hat es Sinn, dass die Society for Cultural Optimism ein Projekt mit dem Namen „The Conduit“ entwickelt hat. Es ist teils Performance, teils interaktive Installation, die soziales Engagement und die Konsequenzen spekulativer technologischer und politischer Rahmenhandlungen erforscht. Die Teilnehmer*innen verhandeln über eine 8 Bit-Simulation die Zukunft und ihre Auswirkung auf unsere alltäglichen, sozialen Interaktionen. Die Society for Cultural Optimism hat somit ein Rahmengerüst für die Schaffung einer zukünftigen Gesellschaft entworfen, die von den Besuchern des Ars Electronica Deep Space 8K etabliert werden soll. Die Art, in der die Simulation beeinflusst wird, bleibt den Teilnehmer*innen überlassen, genau wie die Rollen, die sie einnehmen wollen.

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„The Conduit“ – versinnbildlicht als elektronischer Leiter – vermittelt, genau wie das gleichnamige partizipatorische Rollenspiel. Credit: Friedrich Kirschner

„The Conduit“ wurde am „The Cube“ an der Queensland University of Technology von Prof. Friedrich Kirschner während dessen Transmit³ Residency entwickelt und wird im großen Projektionsraum am Ars Electronica Center in Linz vorgeführt. Die Besucher*innen sind dazu eingeladen, einen Tag lang am Gesellschaftsaufbau, bzw. Rollenspiel-Theater teilzunehmen – entweder am Samstag, den 13. August ab 19 Uhr, oder am Ars Electronica Festival, Freitag, den 9. September 2016, von 20 Uhr bis 22 Uhr.

Prof. Friedrich Kirschner und sein Team von Spielentwicklerinnen, interaktiven Theaterdesignerinnen und zeitgenössischen Puppenspielenden beschreiben, was Besucher*innen des Ars Electronica Deep Space8K erwarten können, wenn sie bei „The Conduit“ teilnehmen.

Hat Dich The CUBE am QUT beim Entwickeln von „The Conduit“ beeinflusst?

Friedrich Kirschner: Was wir als Gruppe versuchen zu erreichen, ist Technologie in ein soziales Konstrukt zu überführen – unser Fokus liegt also nicht auf der Technologie an sich, oder auf einer Person, die sich mit der Technologie auseinandersetzt. Unser Hauptaugenmerk liegt auf den Möglichkeiten von Technologie, Kommunikation anzuregen oder auf welche Art Technologie Kommunikation in einem größeren sozialen Kontext hemmt. Der CUBE ist ein sehr cooles Beispiel, weil er so monolithisch ist. Behält man den universitären Raum im Auge, der ihn umgibt, kommunizieren die Studierenden nicht so viel mit ihm in ihrem Alltagsleben. Er sitzt eher da wie ein Technologie-Totem, und wird nicht so sehr als Kommunikationsmittel genutzt, damit die Studenten und Studentinnen ihre Gedanken austauschen. Er spielte im Leben des Publikums einfach keine Rolle, nimmt dafür aber eine Menge Platz ein. Wir wollten ihm eine spielerische Funktion beisteuern, die Leute dazu anregt mit dem CUBE zu interagieren, um es möglich zu machen, das Alltagsleben und dessen Strukturen zu transzendieren.

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Die Entwicklung der Prototypen von physischen Schnittstellen und Regeln (Clara Fritsche, Emilia Giertler, Maike Drexler, von links nach rechts). Credit: Friedrich Kirschner

Bis zu welchem Grad qualifizierte sich ein Rollenspiel am besten als ein Vehikel, um dies zu erreichen? Weil Rollenspiele üblicherweise dazu gemacht sind, um Schätze zu bergen oder Feinde zu besiegen, etc.

Friedrich Kirschner: Da unser Background sowohl Theater als auch Spieledesign ist, sehen wir diese Set-Ups eher als partizipatorische Aufführungen und auch als die Erschaffung eines ästhetisierten Raumes um das Alltägliche. Wir benutzen Spiele-Technologie nur bis zu einem gewissen Grad. Unser Hauptaugenmerk liegt darauf, Leute zu haben, die an sozialen Szenarios teilnehmen. Es sind die Strukturen der Gesellschaft, die wir zur Verhandlung freigeben, sodass die Leute in der Rolle ein(er/s) Politiker*in, ein(er/s) Polizist*in, ein(er/s) Wissenschaftler*in  oder als Barkeeper*in sich darüber verständigen können.

Die grundlegende Frage lautet: „Welche Art von Gesellschaft würden wir bekommen, wenn wir den Leuten überlassen würden, sie zu formen.

Wir geben nur wenige Regeln vor, eher den Rahmen. Man nimmt eine gewisse Rolle ein, der eine bestimmte Machtstruktur und ein Aktionsraum innewohnen. Man ist eingeladen, mit seinem Gegenüber über das zu verhandeln, was geschehen soll. Wie kann man eine Gesellschaft gründen, in der jeder ein Sagen hat.

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Rollen und Zugehörigkeiten werden zum sozialen Raum, in dem die Mitspielenden Platz zum Navigieren finden. (Friedrich Kirschner, Emilia Giertler, Monica Rikic, Clara Fritsche, Maike Drexler, von links nach rechts). Credit: Friedrich Kirschner

Orientierst Du Dich mit dem Festlegen der Aufgaben an aktuellen politischen Entwicklungen, die zu einer lebendigen, wenn vielleicht auch überhitzten Debatte führen?

Friedrich Kirschner: Was wir vermeiden wollen, sind Themen, die man von den tagtäglichen News her kennt, weil wir die Leute nicht dazu anregen wollen, auf vorgefertigte Meinungen zurückzugreifen, die sich auf kürzlich zurückliegende Events beziehen. Wir versuchen uns eher auf die ursächlichen Muster, wie ein Diskurs funktioniert und wie Kommunikation zwischen verschiedenen Teilen der Gesellschaft in unterschiedlichen Machtstrukturen funktioniert, zu beziehen. Die Idee bezieht sich auf die Leute, sich eine Meinung aus einer anderen Perspektive anzueignen, und wie sie diese ausformen. Lass uns mal annehmen Du bist in der Rolle einer Polizistin; es bleibt völlig Dir überlassen, diese Position auszuschmücken, entweder „als guter Bulle“ oder „böser Bulle“ – oder eben irgendetwas dazwischen. Das Wichtige daran ist, dass Du Dich mit anderen Gesellschaftsteilen, wie zum Beispiel einem Demonstranten, oder jemandem, der nach Hilfe fragt, auseinandersetzen musst. Wir legen die Regeln wie Du das zu machen hast nicht fest.

Deshalb bezeichnen wir „The Conduit“ auch nicht als Spiel, denn sobald Menschen an traditionelle Spiele denken, erwarten sie starre Regeln, die den Aktionsradius einengen. Im Gegenteil, wir verwenden Simulationstechnologien in der Art, dass sie einen Blick auf den Alltag erlauben und wie das Alltägliche strukturiert ist. Ich denke dass die traditionelle Art, wie wir Geschichten mit Helden und Bösewichtern kennen, für das Hier und Jetzt nicht mehr taugen. Heute kämpfen die Menschen mit der Idee des Pluralismus und Du kannst ein Phänomen kaum noch aus nur einer Perspektive erfassen.

„Eine Menge aktueller Spiele beinhalten den Gebrauch von Waffen um eine starke und dramatische Situation zu schaffen, die Dich zum Handeln zwingt. Aber wenn Du Teilnehmer*innen stattdessen eine Stimme zum Verhandeln in Gestalt eines interaktiven Theaters gibst, und Du ordnest ihnen Rollen zu, mit denen sie teilnehmen, dann bekommst Du einen ästhetischen Rahmen um das Alltägliche, was genauso stark und dramatisch wirkt.

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Prof. Friedrich Kirschner ist Filmemacher, visueller Künstler und Software-Entwickler. Er nutzt Computerspiele und Echtzeit-Animationstechniken als Grundlage für animierte Kurzfilme und interaktive Installationen und digitale Performances. Credit: Friedrich Kirschner

Was genau werdet ihr also im Ars Electronica Deep Space machen?

Friedrich Kirschner: Was wir im Ars Electronica Deep Space tun werden, ist Teilnehmer*innen dazu einladen, einen Tag in einer zukünftigen Gesellschaft zu verbringen. Es wird bei ihnen liegen, ob jene Gesellschaft die Form  ist, in der sie leben möchten und wer die Macht hat, die Zukunft zu gestalten und wer nicht! Wir benutzen 8 Bit-Grafik, um die Umgebung zu simulieren, weil sie großartige Möglichkeiten bietet ein solch großes abstraktes Ganzes wie eine Gesellschaft abzubilden. Folglich lassen wir genügend offenen Raum zwischen den Pixeln, die die Besucher*innen mit Bedeutung füllen können.

Orientiert ihr Euch an existierenden Gesellschaften oder handelt es sich dabei um eine reine Utopie?

Friedrich Kirschner: Die Menschen müssen den Raum und die Regeln selbst schaffen, basierend auf einem Grundgerüst, das wir zur Verfügung stellen. Und ja, dieser Rahmen basiert auf der soziologischen und psychologischen Lesart der Welt und des menschlichen Wesens. Wenn die Teilnehmer*innen entscheiden, nicht mehr zur Arbeit gehen zu wollen, dann werden sie vielleicht lieber Roboter für sich arbeiten lassen. Aber das sind Fragen von Funktionalität und Identität, weil Du ja nicht nur wegen des Geldes zur Arbeit gehst, sondern weil es Deinem Leben eine Struktur verleiht. Ich glaube nicht an eine starre Utopie.

Im Leben geht es darum, viele verschiedene Optionen in komplexen Situationen abzuwägen und oftmals fühlt es sich mehr wie ein Kampf an, um uns vor dem Schlimmsten zu bewahren, als ein Hinarbeiten auf eine perfekte Welt. Es fühlt sich gerade jetzt so an; Nationen driften auseinander und rechtspopulistische Parteien sind am Aufsteigen. Man kann kaum sagen, dass unsere Realität nahe an irgendeiner Form von Utopie ist. Aber ich zweifele generell an, dass es etwas wie eine utopische Gesellschaft jemals geben wird. Das Problem besteht darin, dass wir die gleichen Begriffe verwenden und oft etwas ganz anderes meinen, weil unsere Terminologien als Ideologiebehälter nur unscharf voneinander getrennt sind. Deshalb ist es wichtiger denn je, sich beim Verhandeln genau auszudrücken, wenn es darum geht zu sagen, in welchem Zustand wir leben wollen. Wir müssen die Grauzonen zwischen tiefschwarz und strahlend weiß scheinenden Meinungen auffüllen.

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Das Publikum ist eingeladen in verschiedenen Rollen mitzumachen. (Clara Fritsche, Emilia Giertler, Monica Rikic, Friedrich Kirschner, Maike Drexler, von links nach rechts). Credit: Friedrich Kirschner

Wie viel Komplexität hält die Installation bereit? Menschen haben vielleicht nicht allzu viel Geduld sich lange mit dem Aufbau zu befassen

Friedrich Kirschner: Komplexität ist superwichtig, aber ich denke, das kann man ohne großes Regelwerk umsetzen. Lass uns bei dem Beispiel einer Polizistin oder eines Polizisten bleiben. Du bräuchtest vielleicht viele Regeln zu der Rolle, wenn Du nicht bereits eine Menge über sie wissen würdest. Aber wir gehen davon aus, dass die meisten Leute ein Konzept zu dem Beruf haben. Wir überlassen es also den Akteuren diese Annahmen ins Spiel einfließen zu lassen. Wir müssen nicht alles in technologische Strukturen ummünzen. Gesellschaften und wie sie sich konstant entwickeln, basieren im Großen und Ganzen auf Wissen und Haltungen. Wenn die Menschen mit den Erwartungen eines Gamers zum Deep Space kommen, dann werden sie sich anders verhalten als wenn sie vom Standpunkt des Improvisationstheaters aus agieren. Verhalten basiert auf Erfahrungen: wenn Du in Deinem echten Leben am Tag zuvor von einem Polizisten verprügelt wurdest, verhältst Du Dich anders, als wenn Du nett behandelt worden wärst. Um es kurz zusammenzufassen: es ist gerechtfertigt zu sagen, dass Verhalten durch den Kontext, Erfahrungen und Erwartungen gesteuert wird. Folglich ist die Konstruktion von Gesellschaften auch ein Mix aus all diesen Faktoren, die von einer vielfältigen Menge an Leuten geteilt werden.

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„Komplexitität ist superwichtig“: Einige der Tools, die zur Schaffung von Schnittstellen benutzt werden. Credit: Friedrich Kirschner

Was wirst Du mit den Resultaten aus „The Conduit“ machen?

Friedrich Kirschner: Wir hoffen, dass sich die Teilnehmer*innen eine Menge Geschichten erzählen werden. Die Besucher*innen werden viele andere Leute treffen und ihre Ideen und Ansichten über das alltägliche Leben austauschen und was es sein sollte. Das ist unser Anliegen jedenfalls. Wir tun das nicht um eine Menge Daten zu sammeln, die empirisch überprüfbar sein müssen. Unser Ziel ist es, den Spielern etwas aus dieser Spielerischen Situation heraus mitzugeben. Was mich auf das zurückbringt, worüber wir eingangs geredet haben: „The Circuit“ ist eine partizipatorische Performance und kein Spiel bei dem Du Punkte sammelst. Normalerweise gehen wir nach solchen Events mit den Teilnehmer*innen auf ein Getränk und tauschen Erfahrungen miteinander aus, weil wir auch nicht alles mitbekommen was da passiert ist. Und natürlich möchten wir ihren Reaktionen zuhören, wie sich die Dinge für sie in der Erwartung über einer perfekte Gesellschaft erfüllt haben… oder eben nicht.

„The Conduit“ wird im Projektionsraum am Ars Electronica Center in Linz vorgeführt. Wer mitmachen möchte, kann am Samstag, den 13. August 2016 ab 19 Uhr, oder am Ars Electronica Festival, Freitag, den 9. September 2016, von 20 bis 22 Uhr am Gesellschaftsaufbau- und Rollenspieltheater teilnehmen. 

Friedrich Kirschner (DE) ist Filmemacher, visueller Künstler und Software-Entwickler. Er nutzt Computerspiele und Echtzeit-Animationstechniken als Grundlage für animierte Kurzfilme und interaktive Installationen und digitale Performances. Seine Arbeiten sind auf zahlreichen internationalen Animations-Festivals und Ausstellungen gezeigt worden, unter anderem auf der Laboral Gameworld Ausstellung in Gijon, dem American Museum of the Moving Image in New York, dem Ottawa International Animation Festival und der Seoul Media Art Biennale. 

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