Hybrids – Im Dazwischen liegt die Kraft

Das Onassis Cultural Center in Athen widmet sich gemeinsam mit Ars Electronica noch bis zum 15. Jänner 2017 den „Hybriden“ – den neuen künstlerischen Ausdrucksformen, die unterschiedliche Genres miteinander verbinden und damit die Grenzen zwischen Kunst und Technologie überschreiten.

Social Soul
Credit: Andreas Simopoulos, Courtesy of Onassis Cultural Centre-Athens

Seit 2007 ist „Hybrid Art“ ein fester Bestandteil des Prix Ars Electronica. Mit dieser Kategorie begibt sich der Medienkunstpreis auch 2017 wieder auf die Suche nach hybriden und transdisziplinären Kunstprojekten. Bis es jedoch soweit ist zeigt die Ausstellung „HYBRIDS“ im Onassis Cultural Center in Athen eine beispielhafte Auswahl solch herausragender Projekte. Wir sind mit Manuela Naveau von Ars Electronica Export durch die Ausstellung spaziert.

Wir stehen hier in einer völlig verspiegelten Welt, sehen uns selbst, aber auch die digitalen Spuren um uns. Das ist wohl der beste Ausgangspunkt, um den ersten Bereich dieser Ausstellung erklären zu können…

Manuela Naveau: Genau, in der Kategorie Hybrid Realities hinterfragen wir, was das Wort „real“ heute bedeutet, wie die Welt der Daten tickt und welch enormen Einfluss sie auf unsere Wirklichkeit hat. Es geht um unsere Realität, die sich ungemein schnell im Netzwerkverbund mit so vielen Teilnehmenden – ob Mensch oder Bot – verändern kann. Wir hinterfragen soziale Medien und Onlineplattformen, computergesteuerte Algorithmen im Allgemeinen, die für uns entscheiden und – da sie bereits selbstlernende Systeme sind – uns zu überzeugen versuchen, welchen Weg wir in Zukunft weiterverfolgen sollen. „Social Soul“ von Lauren McCarthy und Kyle McDonald gibt die beste Möglichkeit dazu.

loophole

Loophole for All von Paolo Cirio, Credit: Andreas Simopoulos, Courtesy of Onassis Cultural Centre-Athens

Mit Daten, ihrem Wert und ihrer Undurchschaubarkeit beschäftigen sich auch drei weitere Projekte.

Manuela Naveau: Bei Paolo Cirio’s „Loophole for All“ werden die geheimen Systeme von Offshore-Finanzplätzen wie den Caymen Islands durchleuchtet und die gelisteten Firmen vom Künstler zum Verkauf angeboten. Manu Luksch hinterfragt hingegen bei „Third Quarterly Report“, welches soziale Kapital in die Gesellschaft retour fließen kann, wenn das „Internet der Dinge“ zwar eine „Smart City“ verspricht, sich dahinter jedoch eine große Firma als eine Art globaler Bürgermeister der Zukunft versteckt. Und „A Ship Adrift“ von James Bridle fragt zurecht, ob wir in solchen smarten Environments der Zukunft überhaupt noch verloren gehen können.

myconnect

MyConnect von Saša Spačal, Mirjan Švagelj und Anil Podgornik, Credit: Andreas Simopoulos, Courtesy of Onassis Cultural Centre-Athens

Der nächste Abschnitt der Ausstellung, „Mankind & Utopia“, geht da noch einen Schritt weiter…

Manuela Naveau: Die Kategorie „Mankind & Utopia“ untersucht, inwieweit wir nicht alle nur Teilchen und Informationsträger sind und wir daher mit anderen Organismen – ob pflanzlich, tierisch oder menschlich – direkte Verbindungen eingehen können. Als eine Art Spezies-Konnektor kann die Arbeit „Myconnect“ von Saša Spačal, Mirjan Švagelj und Anil Podgornik gesehen werden, bei der man in einen direkten Kreislauf mit einer Pilzkultur (fungal mycelium) tritt.

autophotosynthetic

Autophotosynthetic Plants von Gilberto Esparza, Credit: Andreas Simopoulos, Courtesy of Onassis Cultural Centre-Athens

Dass Mikroorganismen für die Reinigung von verschmutztem Wasser eingesetzt werden und dass dabei Energie gewonnen werden kann, die wiederum als Licht umgesetzt für die pflanzlichen Organismen im selbsterschaffenen Kreislauf benötigt wird, damit beschäftigt sich Gilberto Esparza bei „Autophotosynthetic Plants“. Mittels seiner Science Fiction ähnlichen Glaskreatur als Herzstück in der Ausstellung hinterfragt er künstliche Lebenszyklen und ihren möglichen Einfluss auf unsere Welt.

bodypaint

Body Paint von exonemo, Credit: Andreas Simopoulos, Courtesy of Onassis Cultural Centre-Athens

Gar nicht künstlich sondern eher menschlich blicken uns zwei andere Kunstwerke an…

Manuela Naveau: Wie ein grüner und ein roter Alien starren die beiden Figuren des „Body Paint“ von exonemo dem Publikum entgegen. Irritiert ist man jedoch spätestens dann, wenn man kleine Bewegungen im Gesicht erkennt und das inszenierte Bild scheinbar zu leben beginnt.

Ähnlich dazu ist auch die Arbeit von Alex Verhaest zu verstehen. Auch hier spielen die Zeit und im Besonderen Tod und Vergänglichkeit eine wichtige Rolle. Wie die Malereien der flämischen Renaissance-Künstler präsentiert die Künstlerin Portraits von Personen, die über einen erst kürzlich verstorbenen Menschen sprechen. Die ursprünglich historische Bildanmutung löst sich auch hier schnell auf ins Futuristische, sobald man mittels seinem eigenem Mobiltelefon mit den ProtagonistInnen im Bild Kontakt aufnimmt und sie bei „Temps Mort/Idle Times“ scheinbar zum Leben erweckt.

materialspeculation

Credit: Morehshin Allahyari, Material Speculation: ISIS, 3D Sculpture, Courtesy the artist and Upfor Gallery, 2016

Weiter geht es mit der Kategorie „Hybrid Remixed“, was ist damit gemeint?

Manuela Naveau: In der dritten Kategorie geht es um das scheinbar unstrukturierte und zufällige Zusammentreffen von unterschiedlichen Materialien und Medien, Inhalten und Personen. Gerade in der Wiederholung des Moments ungeplanten Aufeinandertreffens liegt die Qualität, die diese Arbeiten auszeichnet. Erst in einem zweiten Schritt sind die unterschiedlichen Intentionen erkennbar. Große Aufmerksamkeit gebührt hier der Iranischen Künstlerin Moreshin Allahyari. Sie beschäftigt sich in ihrer Arbeit „Material Speculation: ISIS“ mit den zerstörten Statuen und Fresken durch den IS im Sommer 2015. Ihr Interesse ist jedoch nicht von archäologischer Natur sondern rein inhaltlich und vor allem künstlerisch. Mittels 3-D-Druck reproduzierte die Künstlerin 12 Statuen aus der römischen Periode der Stadt Hatra und assyrische Artefakte aus Nineveh, zwei Städte im heutigen Nord-Irak. Zusätzlich versieht Allahyari die Objekte mit einem Speicherstick, der Hintergrundinformationen zu diesen Kulturgütern sammelt, den teilnehmenden BesucherInnen anbietet und die damit so ständig erweitert und modifiziert werden können.

fiftysisters

Fifty Sisters von Jon McCormack, Credit: Andreas Simopoulos, Courtesy of Onassis Cultural Centre-Athens

Ob digitale Information oder lebende Substanzen, hier wird vieles verändert…

Manuela Naveau: Auch die Arbeit „Newstweek“ von Danja Vasiliev und Julian Oliver kann erst im Kontext der gesamten Ausstellung erfahrbar werden: Wer im Eingangsbereich einen Newstweek-Infodesk findet, kann wohl meinen, dass hier das Onlineportal einer wichtigen lokalen Zeitung präsentiert wird. Erst die Beschäftigung mit den präsentierten Themen lässt verständlich werden, dass hier so mancher Inhalt auf den Kopf gestellt wurde und dass man selbst auch an der Manipulation von Inhalten Hand anlegen kann. Bei „Fifty Sisters“ von Jon McCormack ist es trügerisch, wenn man sich auf die wunderschönen Pflanzenmotive nur im Vorbeigehen einlässt. Denn der Baustein jeder einzelnen floralen Struktur ist ein Logo eines Ölkonzerns.

haresblood

Hare’s Blood von Klaus Spiess und Lucie Strecker, Credit: Andreas Simopoulos, Courtesy of Onassis Cultural Centre-Athens

Und schlussendlich remixen wir auch bestehende Kunstwerke: Hare´s Blood von Joseph Beuys wird in eine lebende Substanz umgewandelt. Die KünstlerInnen Klaus Spiess und Lucie Strecker extrahierten DNA Sequenzen des originalen Kunstwerkes, entwickelten ein synthetisches Gen, das sie aktivierten und das nun Teil der Installation und performativen Auseinandersetzung ist. Hare´s Blood+ stellt Fragen zur Authentizität und Autorenschaft, zu Kunst und ihrem Markt.

memory

Memory Overlay von Afroditi Psarra und Marilena Georgantzi, Credit: Andreas Simopoulos, Courtesy of Onassis Cultural Centre-Athens

Erzählen Sie uns doch noch etwas von den griechischen Beiträgen dieser Ausstellung!

Manuela Naveau: Gerne! Afroditi Psarra und Marilena Georgantzi schufen nicht nur eine künstlerische Arbeit, sondern gingen in Workshops mit Jugendlichen den Fragen einer möglichen zweiten Haut, der smarten Jacke, den e-crafts und den Ideen für Wearable-Fashion nach. „Memory Overlay“ soll dabei inspirieren: eine Jacke, die die immaterielle Welt der Gefühle, Erinnerungen und Sprache materialisiert und als Information an ihre Umwelt weitergibt; zum Zwecke der Kommunikation, der Diskursentwicklung oder gar einem besseren gegenseitigen Verständnis?

inhibition

Inhibition von Marinos Koutsomichalis, Credit: Andreas Simopoulos, Courtesy of Onassis Cultural Centre-Athens

Ähnlich dazu kann auch die Arbeit von Marinos Koutsomichalis gesehen werden: „Inhibition“ ist ein Headset, eine mit Sensoren versehene Kopfbedeckung, die Sounds und Rhythmen durch das Messen von Gehirnströmen entstehen lässt. Der Künstler lädt über seine Website nicht nur ein, das Projekt nachzubauen oder zu erweitern, er fragt auch nach Gedanken, Ideen und audiovisuellen Dokumenten von interessierten Beteiligten und stellt „Starter-Kits“ für seine Workshops bereit.

Wir sind am Ende der Ausstellung angelangt. Was fasziniert Sie am Thema der „Hybrids“ besonders?

Manuela Naveau: Wenn wir zumindest eines in der Auseinandersetzung mit dem Thema bisher lernten, dann das, dass es vor allem Offenheit und Mut zum Einlassen auf diese neuen, hybriden Konstellationen benötigt. Die Eröffnungsperformance der Ausstellung setzte genau hier an: Anastasis Germanidis lud uns ein, unser Vertrauen in Maschinen und Automaten kritisch zu überprüfen. Nachdem wir uns auf der Website zu Randomly Generated Social Interactions zu erkennen gaben, wurden wir in ein Spiel involviert und trafen auf BesucherInnen, die uns über einen Algorithmus zugeteilt wurden. Die entscheidende Frage dabei war für mich: Was verlieren wir und was gewinnen wir, indem wir unsere (sozialen) Interessen einem Computerprogramm übertragen?

Dieses Projekt erhielt Unterstützung der Onassis Cultural Foundation.

„Hybrids“ ist noch bis zum 15. Jänner 2017 im Onassis Cultural Center in Athen zu sehen. Infos über die einzelnen Medienkunstwerke sowie über deren KünstlerInnen finden Sie auf export.aec.at/hybrid.

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