Die virtuelle Rekonstruktion der Linzer Synagoge

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde die Linzer Synagoge, so wie viele andere jüdische Gotteshäuser auch, auf Veranlassung des NS-Regimes zunächst aufgebrochen und demoliert und anschließend in Brand gesteckt. Von der Synagoge blieb nur eine Ruine zurück.

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Im Rahmen seiner Diplomarbeit an der TU Wien hat sich René Mathe mit der virtuellen Rekonstruktion der Linzer Synagoge beschäftigt. Sein Ziel war die Synagoge der heutigen Betrachtung wieder zugänglich zu machen. Auf Grundlage seiner Diplomarbeit konnte das Ars Electronica Futurelab nun eine 3-D-Visualisierung erstellen, die im Deep Space 8K einen virtuellen Rundgang durch die Linzer Synagoge ermöglicht. Ergänzt wird die Rekonstruktion durch hochauflösende Aufnahmen eines Thoravorhangs, eines Thorazeigers, einer Heiratsurkunde und eines Thoraschildes – alles Exponate aus dem Jüdischen Museum Wien, aufgenommen durch den renommierten Fotografen Lois Lammerhuber. Der Linzer Fotograf Florian Voggeneder wiederum besuchte die neue Linzer Synagoge und fotografierte die Bima, die Rimonim, den Schofar und den Toramantel. Neben diesen allesamt noch in Gebrauch befindlichen sakralen Objekten bildete Florian Voggeneder auch den bis heute aufbewahrten Schlüssel der alten Linzer Synagoge ab.

Präsentiert wird der virtuelle Rundgang erstmals am 15.11.2016, 19:00 bei einem Deep Space LIVE Spezial mit Dr. Danielle Spera, Direktorin des Jüdischen Museum Wien, DI Herbert Peter und Prof. Bob Martens, beides Architekten und Spezialisten für virtuelle Rekonstruktionen.

Wir haben mit René Mathe über seine Diplomarbeit zur virtuelle Rekonstruktion der Linzer Synagoge gesprochen.

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Außenansicht

Warum haben Sie sich bei Ihrer Diplomarbeit für die virtuelle Rekonstruktion der Linzer Synagoge entschieden?

René Mathe: Bereits seit 1995 gibt es in Darmstadt ein Projekt mit dem Ziel, zerstörte Synagogen virtuell zu rekonstruieren. 1998 wurde dieser Gedanken auch in Wien aufgenommen und ich empfand es als eine spannende Aufgabe meinen Teil zu dieser Sammlung beizutragen. Obwohl die jüdische Gemeinde in Linz nie besonders groß war, konnten sie eine architektonisch und kulturell beeindruckende Synagoge errichten. Es hat mich deshalb besonders gefreut, dieses Gebäude mit meiner Rekonstruktion zumindest zu einem gewissen Teil wiederauferstehen zu lassen!

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Zugang von Westen – Dametzstraße

Wie schwierig war es Material für die Rekonstruktion zu finden? Wo haben Sie es gefunden?

René Mathe: Das NS-Regime war tunlichst darauf bedacht, sämtliches Kulturgut der jüdischen Gemeinschaft für immer aus der Geschichte zu entfernen. Dementsprechend war es auch schwierig, brauchbare Aufzeichnungen über die damalige Synagoge zu finden. Die bedeutendsten Grundlagen in Form von alten Umbauplänen und Fotografien haben die Linzer Archive, also das Archiv der Stadt Linz, das Diözesanarchiv und das Archiv der IKG, zur Verfügung gestellt. Ich habe für die Rekonstruktion aber auch textliche Beschreibungen und Augenzeugenberichte vom Novemberpogrom aus den Archiven des jüdischen Museums und der IKG in Wien herangezogen. Eine weitere Informationsquelle war das Kriegsarchiv. Von dort habe ich alte Luftbildaufnahmen. Sie geben Aufschluss über den damaligen städtebaulichen Kontext und die Eingliederung der jüdischen Kultur in das Linzer Stadtbild.

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Ostansicht

Auf Grundlage Ihrer Diplomarbeit konnte das Ars Electronica Futurelab eine 3-D Visualisierung für den Deep Space 8K machen, bei der ein virtueller Rundgang durch die Linzer Synagoge möglich ist…

René Mathe: Bei der großen Anzahl an Diplomarbeiten kommt es nur allzu oft vor, dass außer dem Betreuer und dem Verfasser selbst keiner jemals die Arbeit zu Gesicht bekommt. Besonders deshalb freut es mich sehr, dass meine Arbeit nicht zum „Verstauben“ in einem elektronischen Archiv verdonnert worden ist und Einzug in ein so renommiertes Museum gefunden hat! Durch den Deep Space 8K wird das Projekt nochmals um einen Schritt realer und kann damit auch an die Bevölkerung herangetragen werden. Es wird mit Sicherheit ein faszinierender Eindruck sein, wenn man sieht, mit welchen Methoden man ein bereits verlorengeglaubtes Kulturgut wieder zum Leben erwecken kann!

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Innenansicht

Was erwartet die BesucherInnen bei dem einstündigen Deep Space LIVE Spezial zur virtuellen Rekonstruktion der Synagoge in Linz?

René Mathe: Die Zerstörung der alten Linzer Synagoge liegt mittlerweile fast 80 Jahre zurück. Obwohl auch die neue Synagoge trotz der bescheidenen Größe eine der bedeutendsten Synagogen Österreichs in der Nachkriegszeit darstellt, wird es ein besonderer Moment sein, einen Sprung zurück in die Geschichte der alten Synagoge zu machen. Durch die Visualisierung im Deep Space wird man den Raum des alten Tempels betreten und auf sich wirken lassen können. Man kann nur hoffen, dass diesem Projekt noch viele weitere folgen werden, und dass damit das Interesse an dem historischen Gut weiterhin bestehen bleibt.

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Bima in der neuen Synagoge in Linz. Auf dem Gebiet der heutigen Synagoge befanden sich bis 1967 die Ruinen des 1938 zerstörten Bethauses. (Credit: Florian Voggeneder)

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