Die Linzer Synagoge in 3-D

Zumindest virtuell kann die 1938 zerstörte Linzer Synagoge im Deep Space 8K des Ars Electronica Center seit kurzem wieder betreten werden. Dr. Danielle Spera, Direktorin des jüdischen Museums Wien, spricht im Interview nicht nur über die allgemeine Bedeutung von Synagogen sondern auch über ihren persönlichen Bezug zur Synagoge in Linz.

Synagoge
Credit: Martin Hieslmair

Das Programm des Deep Space 8K ist wieder um eine Facette reicher. Seit Mitte November 2016 ist es möglich, die im Jahr 1877 eingeweihte und 1938 zerstörte Linzer Synagoge virtuell zu betreten und sich die verschiedenen Räumlichkeiten dieses jüdischen Gotteshauses näher anzusehen. Möglich gemacht hat dies der Architekt René Mathe, dessen virtuelle Rekonstruktion nun in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Wien und dem Ars Electronica Futurelab präsentiert wurde. Lesen Sie dazu ein Interview mit René Mathe auf dem Ars Electronica Blog. Dr. Danielle Spera, Direktorin des Jüdischen Museums Wien, hat sich nach der ersten öffentlichen Präsentation in Deep Space Zeit genommen und uns ihre Eindrücke geschildert.

Sie haben ja gerade zum ersten Mal die virtuelle Linzer Synagoge hier im Deep Space 8K gesehen. Wie gefällt Ihnen die Rekonstruktion?

Danielle Spera: Die Größe, die der Deep Space bietet, ist für mich einfach unglaublich. Dass man in dieser Dimension die Synagoge wieder besuchen kann, das ist für mich besonders beeindruckend. Denn wir zeigen zwar bei uns im Jüdischen Museum Wien und im Museum Judenplatz auch virtuelle Rekonstruktionen, wo man die Synagogen „besuchen“ kann, aber nicht in dieser Größe. Und das ist einfach unglaublich, dass man hier wirklich selbst hineingehen kann und förmlich das Gefühl bekommt, hier drinnen zu stehen. Das ist sehr beeindruckend.

Danielle Spera

Dr. Danielle Spera bei ihrer Präsentation im Deep Space 8K, Credit: Martin Hieslmair

Welchen Stellenwert hat für Sie die Linzer Synagoge?

Danielle Spera: Die Linzer Synagoge hat für mich einen ganz speziellen und sentimentalen Zusammenhang, denn die Synagoge wurde ja 1938 zerstört und es hat sehr sehr lange gedauert bis wieder eine Synagoge errichtet worden ist. Die heutige Synagoge wurde 1968 durch George Wozasek errichtet, einen ganz lieben Freund unserer Familie und von mir persönlich, den ich wirklich sehr gern gehabt habe. Und es ist so traurig, dass George Wozasek gerade vor 14 Tagen gestorben ist, denn für ihn wäre das der Abend gewesen, wo er so unglaublich glücklich gewesen wäre.

Synagogue

Credit: Rene Mathe

Ganz allgemein gefragt, welche Bedeutung nimmt die Synagoge als physischer Versammlungsort in der jüdischen Gemeinde ein?

Danielle Spera: Im Prinzip können Juden überall beten, aber eine Synagoge hat einen besonderen Stellenwert, weil sie an den Tempel in Jerusalem erinnert. Sie erinnert daran, dass dort einmal der große Tempel stand, den es aber heute auch nicht mehr gibt. Und daher versammeln wir uns in der Synagoge. Hier werden die Thorarollen aufbewahrt, das ist auch ein ganz wichtiger Aspekt. Hier versammelt sich die Gemeinde, hier werden Feste, Hochzeiten, Geburten, Bat Mitzwas und Bar Mitzwas gefeiert. Es ist ein ganz besonderer Versammlungsort, wie es auch auf Hebräisch „bet knesset“ heißt. Im Jiddischen hat man auch „Schule“ dazu gesagt, weil man hier ja auch etwas lernt. Die Synagoge ist ein ganz wichtiger Ort für uns.

Und das trotz all der Möglichkeiten digitaler Medien sich virtuell auszutauschen…

Danielle Spera: Auf jeden Fall! Es ist natürlich so, dass jedes physische Zusammentreffen von Menschen weit erbaulicher ist als es je ein virtuelles sein kann!

Hinweis: Wenn Sie selbst die virtuelle Rekonstruktion der Linzer Synagoge sehen möchten, fragen Sie am besten bei Ihrem nächsten Besuch des Ars Electronica Center unsere InfotrainerInnen im Deep Space 8K.

Danielle SperaDanielle Spera ist Direktorin des Jüdischen Museums Wien. Sie studierte Publizistik, Kommunikationswissenschaften und Politikwissenschaft und begann bereits Ende der 1970er Jahre für den ORF zu arbeiten. Nach zahlreichen Auslandsaufenthalten als Journalistin und Korrespondentin kehrte sie 1988 nach Wien zurück und moderierte bis 2010 unter anderem die Nachrichtensendung „Zeit im Bild“ des ORF. Seit 2010 ist sie Direktorin des Jüdischen Museum Wien, vergangenes Jahr wurde ihr Vertrag um weitere fünf Jahre verlängert.

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