THE ARTS+: Medienkunst auf der Frankfurter Buchmesse

Wie passen Medienkunst und Buch eigentlich zusammen? Mit „THE ARTS+“ wendet sich die Frankfurter Buchmesse erstmals direkt an die Kreativwirtschaft und startet eine neue Plattform für Buch, Kunst und Technologie.

THE ARTS+
Credit: Stefan Stark, THE ARTS+

Von der über 500-jährigen Tradition einmal abgesehen gilt die Frankfurter Buchmesse mit über 275.000 BesucherInnen und 7.100 Ausstellern pro Jahr zurecht als die größte Fachmesse für das „internationale Publishing“. Im Jahr 2016 öffnete sich die internationale Drehscheibe des Buchmarkts einen weiteren Schritt in Richtung Kunst und Technologie und schuf eine neue Plattform des Austauschs: Mit zahlreichen Workshops, Labs und Präsentationen zeigte sich „THE ARTS+“ in der Halle 4.1 von 19. bis 23. Oktober 2016 zum ersten Mal der Öffentlichkeit. Auch Ars Electronica war mit Vorträgen der KünstlerInnen Aoife van Linden Tol und Sebastian Neitsch, den zwei GewinnerInnen des art&science-Residency-Programms, vor Ort vertreten. Die Digitalisierung erreiche nun auch den Kunst- und Kulturbetrieb, steht für Holger Volland, Vizepräsident und Vorstandsmitglied der Frankfurter Buchmesse, außer Zweifel. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie (Medien-)Kunst und Buch zusammenpassen und welche Themen bei der diesjährigen Ausgabe von „THE ARTS+“ im Mittelpunkt standen.

„Fünf Tage voller Bücher und Ideen“ – wie passt (Medien-)Kunst zur Frankfurter Buchmesse?

Holger Volland: Da kann ich Ihnen viele Beispiele nennen! Das Van Gogh Museum hat etwa eine umfangreiche App entwickelt, um sich auf den Museumsbesuch vorzubereiten und ihn vor Ort mittels digitaler Tools zu erweitern. Dazu werden Texte, Bilder, Videos ergänzt – das ist nichts anderes als eine moderne Version des Ausstellungskataloges, eine der Disziplinen, in denen Kunst und Buch schon immer sehr nah waren. Ein anderer Fall: Der Künstler Oliver Laric arbeitet häufig mit 3D-Scans und 3D-Drucken. Zusammen mit dem Collection Museum und der Usher Gallery in Lincoln, UK, machte er einige ihrer Kunstwerke für jedermann verfügbar und zwar in Form nachgedruckter Skulpturen. Büsten von Beethoven, Dante oder Einstein wurden als 3D-Modelle nachgebildet und dann online verbreitet.

Ich denke, es braucht nicht viel Fantasie, um sich mögliche Geschäftsmodelle für Verlage, Kunstinstitutionen und KünstlerInnen vorzustellen, wenn Kunst digitalisiert wird. Aber es ist ebenfalls nicht schwer sich auszumalen, dass freie und oft kopierte Inhalte eine Herausforderung für die Kunstwelt darstellen könnten, ebenso wie es bei der Musik- und Buchindustrie der Fall war.

„Wenn Kulturgüter und kreative Güter digitalisiert werden, stehen damit Inhalte – oder technischer: Content – zur Verfügung, aus denen neue Inhaltsprodukte entwickelt werden können. Hier entwickelt sich gerade ein neues Ökosystem aus Kulturinstitutionen, Technologiefirmen, Verwertern und Inhalte-Agenturen.“

Was wir jetzt brauchen, ist eine Debatte darüber, wie wir mit dem schnell wachsenden Intellectual Property von digitalen, kulturellen Inhalten umgehen wollen. Wir müssen außerdem neue Geschäftsmodelle rund um diese neuen, digitalen Güter entwickeln. Verlage verfügen über eine umfangreiche Erfahrung bei der Weiterentwicklung von Inhalten und können daher wertvolle Unterstützung leisten. Andernfalls bleibt die Antwort auf die Fragen, was mit den 3D-Architektur-Modellen der späten Zaha Hadid, der digitalisierten Sammlung des TATE oder den digitalen Zeichnungen für in 3D gedruckte Modeobjekte passieren wird, ungewiss.

Aoife Van Linden Tol

Aoife Van Linden Tol während ihrer „Espresso-for-the-Mind“-Präsentation. Credit: Martin Hieslmair

2016 startete THE ARTS+, eine eigene Messe innerhalb der Frankfurter Buchmesse. Warum wurde diese neue Plattform geschaffen? Warum gerade in diesem Jahr?

Holger Volland: Nach der Musik- und Filmindustrie und der Verlagsbranche erreicht die Digitalisierung nun langsam aber sicher auch den Kunst- und Kulturbetrieb. Museen, Galerien und Kulturinstitutionen müssen sich denselben Fragen stellen, wie die anderen Kreativsparten: Wie Geld verdienen, wenn potenzielle BesucherInnen nicht mehr ins Museum gehen müssen, um sich van Gogh, Monet oder Picasso anzusehen? Im Netz ist schließlich alles zu besichtigen, und das kostenlos. Genau hier setzt THE ARTS+ an.

Digitale Produktionsprozesse wie das 3D-Scannen, der 3D-Druck, die Digitalisierung von Rembrandts Malstil (googeln Sie das Projekt „Next Rembrandt“) oder 360-Grad-Kameras sind nur einige Beispiele für neue Tools, die überall kulturelle und kreative Produktion ermöglichen – das wollten wir bei THE ARTS+ darstellen.

Ebenso wie zuvor in der Verlagsbranche, bringt der digitale Wandel jedoch viele Fragen mit sich: Wie stehen KünstlerInnen – oder die UrheberrechtsinhaberInnen – zu digitalen Kopien? Was bedeutet die Entwicklung für etablierte, kreative Produktionsunternehmen und AnbieterInnen? Welche Städte werden sich durchsetzen und die Standorte dieser neuen Kreativbranchen werden? Darüber wollten wir gemeinsam diskutieren – und wir sind der Meinung, dass die Zeit reif ist für eine Plattform wie THE ARTS+.

Quadrature

Sebastian Neitsch von der KünstlerInnengruppe Quadrature auf der Frankfurter Buchmesse. Credit: Martin Hieslmair

Was hat es eigentlich mit dem Plus bei THE ARTS+ auf sich?

Holger Volland: Wir verstehen THE ARTS+ als einen Business-Inkubator für Kreative und die Künste. THE ARTS+ ist eine Plattform, mit der wir dem Potenzial digitaler Kulturgüter zum Durchbruch verhelfen. Vor allem die Entstehung neuer Rechte- und Lizenzformen steht dabei im Vordergrund – das Plus steht also für den Mehrwert, der hier generiert wird.

Das heurige Motto der THE ARTS+ lautete „The Business of Creativity“. Sie waren selbst vor Ort und haben darüber mit vielen TeilnehmerInnen und BesucherInnen gesprochen. Was, würden Sie sagen, bewegt die Kreativbranche im Herbst 2016?

Holger Volland: Eines der virulentesten Themen im Bereich THE ARTS+ war sicherlich das Thema Virtual Reality. Am Messe-Wochenende wurde der THE ARTS+ Salon zu einem wahrhaften Virtual-Reality-Erlebnisort. In Kooperation mit dem Ersten Deutschen Fachverband für Virtual Reality (EDFVR) entstand ein Bereich, in dem die Messebesucher Filme, VR-Games und –Kunstinstallationen erleben konnten. Am Messe-Freitag und -Samstag konnte bei einer interaktiven Präsentation der KODAK Pixpro 360/4K Action Cam auf dem THE ARTS+ Runway verfolgt werden, wie 360° VR-Videos entstehen. Dieses Thema wird uns in nächster Zeit sicher noch beschäftigen.

Gibt es schon Ideen und Pläne für THE ARTS+ 2017 bei der Frankfurter Buchmesse?

Holger Volland: In diesem Jahr hat THE ARTS+ digitale Inhalte erlebbar gemacht und in einer Art Innovation Show gezeigt, was technologisch heute alles möglich ist. In 2017 werden wir die neuen Geschäftsmodelle und die Entstehung von Rechte- und Lizenzformen, die in diesem Bereich entstehen, verstärkt beleuchten. Das Kernstück von THE ARTS+ ist ein Lizenzmarktplatz für neue digitale Kulturgüter.  Auch Museen und Sammlungen werden vermehrt in den Mittelpunkt von THE ARTS+ rücken und für ihre digitalen Angebote werben. Es wird sicher wieder viel Technologie zu sehen geben, wie in diesem Jahr auch schon, auch aus dem Bereich der digitalisierten Illustration.

Hinweis: Die nächste Frankfurter Buchmesse findet von 11. bis 15. Oktober 2017 statt. Erste Infos dazu finden Sie auf www.buchmesse.de. Die Plattform „THE ARTS+“ stellt sich auf theartsplus.com näher vor.

Hollger VollandHolger Volland ist Vizepräsident und Vorstandsmitglied der Frankfurter Buchmesse. Er ist für die internationale Geschäftsentwicklung verantwortlich und leitet das Büro der Buchmesse in Peking sowie die Bereiche für Events und Special Sales. Gemeinsam mit Christiane zu Salm hat er „THE ARTS+“ gegründet.

 

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