Klemens Brosch – das Zeichengenie aus Linz

Mit seinen magischen Landschaften und melancholischen Bildwelten zählt der 1894 in Linz geborene Künstler Klemens Brosch zu den herausragendsten Zeichnern Österreichs des 20. Jahrhunderts. Im Deep Space werden seine kleinformatigen Zeichnungen nun ganz groß präsentiert.

Das Krokodil auf der Mondscheibe
Credit: Das Krokodil auf der Mondscheibe, Klemens Brosch, 1912

Kurz vor dem Ende der Ausstellung zu Klemens Brosch in der Landesgalerie Linz und im NORDICO Stadtmuseum präsentiert die Kuratorin Dr.in phil. Elisabeth Nowak-Thaller einen Ausschnitt des grafischen Werks des Zeichners im Deep Space. Am SA 7.1.2017, 15:00, geht sie bei einem „Deep Space LIVE Special“ im Ars Electronica Center auf seine außergewöhnliche Biografie ein, beleuchtet Broschs Bezüge zu Linz und zieht ein kunstgeschichtliches Resümee. Der Fotograf Florian Voggeneder steuert dazu hochauflösende Abbildungen der Zeichnungen bei, die Dr.in Nowak-Thaller bei ihrem Vortrag kommentieren wird.

Sie bezeichnen Klemens Brosch als ein „Wunderkind der Zeichnung“. Was macht ihn so besonders?

Dr.in Elisabeth Nowak-Thaller: Klemens Brosch (1894-1926) war bereits im Alter von 16 Jahren nicht nur ein herausragendes Zeichentalent, sondern bereits ein gereifter, aufstrebender, auch früh etablierter Künstler. 1912 tritt der Schüler erstmals mit seinen Werken an die Öffentlichkeit und stellt Meisterwerke im Oberösterreichischen Kunstverein aus, die umgehend von Sammlern erworben werden. Für Klemens Brosch bedeutet Zeichnen Lebenssubstanz, der grafische Gestaltungsprozess wird zu Manie, führt zur Besessenheit. Der mitunter schwerkranke Künstler hinterließ in rund sechzehn Schaffensjahren (1910 – 1926) ein grafisches Vermächtnis von mehr als 1000 Zeichnungen und Aquarellen, begleitet von einigen Druckgraphiken sowie vereinzelten Ölgemälden.

Voggeneder

Florian Voggeneder beim Abfotografieren der Zeichnungen im Nordico Stadtmuseum für den Deep Space 8K, Credit: Martin Hieslmair

Versucht man das Werk in seiner Gesamtheit zu charakterisieren, so überrascht neben der Vielfalt das hohe handwerkliche Niveau der Darstellungen. Bereits in den Schulzeichnungen ist die Neigung zur technischen, pedantischen Präzision, die von einem lebenslang währenden Schaffensrausch begleitet wird, sichtbar.

„Der sich im Zeichenprozess verlierende Künstler lebt zurückgezogen in seiner einsamen Bilderwelt. Sein überscharfes Auge – Brosch studiert u.a. pflanzliche Strukturen mit dem Feldstecher bzw. dem Mikroskop – und die Hand als ausführendes Organ bewältigen das scheinbar Unlösbare.“

Broschs Hyperrealismus, seine ungewöhnlichen Perspektiven, die Ausschnitte und Vergrößerungen einzelner Bildteile wirken stets dämonisch und hintergründig. Pflanzen und Tiere, auch Menschen, wirken bedroht von einer nicht sichtbaren, unheimlichen Macht. Die Landschaft – einer der wichtigsten und umfangreichsten Themenkreise – wirkt versteinert, verlassen. Die Melancholie und das „memento mori“ werden zu ständigen Begleitern des Künstlers. Die Virtuosität und technische Brillanz der Feder- und Bleistiftzeichnungen werden bis an die Grenzen des Magischen gesteigert. Mit psychologisierendem Blick schildert Brosch den Zauber und die Vergänglichkeit der Natur, das hintergründig „Überwirkliche“, das Unheimliche, Symbolhafte.

Wiegenblüten

Credit: Klemens Brosch / Weigelienblüten (1912), Grafische Sammlung_Landesgalerie Linz des OÖ. Landesmuseum

Als Kuratorin der Ausstellung im NORDICO haben Sie sich bereits intensiv mit seinen Werken befasst. Welche wiederkehrenden Motive sind Ihnen dabei besonders aufgefallen?

Dr.in Elisabeth Nowak-Thaller: Landschaft, Natur und Naturstudium, Kriegsdarstellungen, die Befassung mit technischen Themen z.B. Züge, Schiffe, Brücken, Kraftwerksbauten, Untergangs- bzw. Todesvisionen und Science-Fiction-Darstellungen.

Klemens Brosch wurde 1914 im Ersten Weltkrieg mehrere Wochen an die Front eingezogen. Welche Veränderungen sind in dieser Zeit in seinen Zeichnungen zu beobachten?

Dr.in Elisabeth Nowak-Thaller: Als Brosch 1913 als Einjährig-Freiwilliger sich dem Militärdienst unterwirft und 1914 nach Galizien ins Feld ziehen muss, manifestiert sich das Entsetzen über die erlebten Kriegsgräuel, über den Kriegsalltag in packenden, anklagenden grafischen Dokumentationen. Die Linie beginnt, der verwundeten Seele gleich, zu rasen, zu vibrieren, sie wird zum einzig möglichen Ausdrucksmittel eines körperlichen wie psychischen Infernos.

NORDICO

Die Ausstellung zu Klemens Brosch im NORDICO Stadtmuseum in Linz, Credit: Martin Hieslmair

Brosch, seit seiner Kindheit lungenkrank, kann den Strapazen im Feld nicht standhalten. Als sein Bruder Walter mit 21 Jahren bei Pilica in Galizien bei einer der ersten Schlachten 1914 fällt, wird Klemens als „Simulant“ zunächst vom Kriegsschauplatz Polen abgezogen, von Lazarett zu Lazarett geschickt und schließlich aus dem Militärdienst entlassen.

Bereits 1914 wird dem Künstler vom Militärarzt wegen seiner Schmerzen Morphium verordnet. Brosch verfällt nach seiner Rückkehr an die Akademie der Bildenden Künste ab 1915 zunehmend dem Rauschgift (Morphium und Kokain). Kennzeichnend nach dem Stilbruch, der im Jahr 1920 erfolgt, sind neben der Änderung der Technik (Tuschpinselzeichnungen), ein übersteigertes, oft von deutscher Literatur inspiriertes Bildpathos und von Suchtgift ausgelöste Albtraumszenarien und Untergangsvisionen.

Detail

Eine Detailaufnahme von Klemens Broschs Zeichnungen, Credit: Florian Voggeneder

Hinweis: Am 7.1.2017, 15:00, zeigt Dr.in Elisabeth Nowak-Thaller im Deep Space des Ars Electronica Center detailreiche Aufnahmen von Klemens Broschs Zeichnungen. Die Schau in der Landesgalerie Linz sowie im NORDICO Stadtmuseum ist noch bis 15. Jänner zu sehen.

Nowak-ThallerDr.in phil. Elisabeth Nowak-Thaller wurde 1960 in Linz geboren und lebt in Puchenau bei Linz. Studium der Kunstgeschichte, Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der Universität Salzburg (Dissertation Klemens Brosch/Promotion 1985). Seit 1986 als Kunsthistorikerin, Ausstellungsorganisatorin, Kuratorin, Kunstvermittlerin und Provenienzforscherin in der Neuen Galerie der Stadt Linz/LENTOS Kunstmuseum Linz tätig. Vizedirektorin, Leiterin der Gemälde- und Skulpturensammlung im LENTOS Kunstmuseum Linz und des Fachbereiches Kunst der Museen der Stadt Linz. Koordinatorin für Gleichbehandlungsfragen der Stadt Linz, Jurorin, Ankaufskuratorin für die Stadt Linz 2015/2016. Ab Jänner 2017 interimistische Direktorin der Museen der Stadt Linz.

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