Das sind sie: Die AlchemistInnen unserer Zeit

Beim Ars Electronica Festival 2016 „RADICAL ATOMS – and the alchemists of our time“ dreht sich alles um die AlchemistInnen unserer Zeit – aber wer sind diese eigentlich? In der Ausstellung zum Thema finden wir sie: KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen, AktivistInnen und UnternehmerInnen, die mit unorthodoxen Zugängen und inspirierenden Projekten an unserer Zukunft basteln. Zwölf von ihnen präsentieren gleich mehrere ihrer Werke, in sogenannten Artist Labs. Was Sie dabei genau erwartet, erfahren Sie hier.

Ciphering Beyond Prototypes Ars Electronica Festival 2016
Credit: Michael Burk

Jedes Artist Lab widmet sich einer oder einem der Ausstellenden, die wie die AlchemistInnen der Vergangenheit experimentieren und dabei ganz neue Entwicklungsprozesse starten. Sie verschmelzen digitale Daten mit der physischen Welt unserer Körper, erzeugen neue Materialien, benützen modernste Technologie, Robotik und Software. Insgesamt werden zwölf dieser zukunftsweisenden AlchemistInnen eine Auswahl ihrer Werke in Artist Labs bei der Alchemists Of Our Time Ausstellung in der POSTCITY präsentieren.

Alle Arbeiten, darunter natürlich auch die Artist Labs, werden vom 8. bis zum 12. September 2016 im alten Postverteilzentrum am Linzer Hauptbahnhof zu sehen sein. Hier geben wir Ihnen schon jetzt einen Überblick auf die teilnehmenden KünstlerInnen und führen Sie vorab durch die Ausstellung, von Artist Lab zu Artist Lab.

Sculpture Factory DRIVE Volkswagen Berlin Ars Electronica Export

Credit: Florian Voggender

Artist Lab Quayola

Den Anfang macht der Italiener Davide Quayola. Seine Arbeit „Sculpture Factory“ wird in der POSTCITY nicht zu übersehen sein: Riesengroß ragen seine Skulpturen in die Höhe. Es sind Repliken der berühmten Werke von Michelangelo, mit dem kleinen Unterschied, dass sie nicht wie die Originale von Hand gemeißelt wurden. Stattdessen arbeitet bei Quayola ein Industrieroboter daran, die bekannten Formen en masse zu produzieren.

Alchemists Of Our Time Kakehi Ars Electronica 2016

Credit: Yasuaki Kakehi and Michinari Kono

Artist Lab Yasuaki Kakehi

Beim Artist Lab des japanischen Medienkünstlers Yasuaki Kakehi gibt es keine ruhige Minute: seine Werke bewegen und verändern sich ständig und der Unterschied zwischen Tier, Pflanze und Maschine verschwimmt. Seine „Phytowalkers“ etwa sind Pflanzen-Maschinen-Hybride, die auf der Suche nach Sonnenlicht stets zu den hellsten Stellen wandern; die zwölf „Loopers“ sehen aus wie kleine Würmer, die sich aber nicht von selbst bewegen, sondern mithilfe eines elektromagnetischen Feldes; und die Strukturen der Installation „microcosm“ reagieren auf einander und das Umfeld und passen ihre Form ständig diesen äußeren Einflüssen an. Darum, wie man auf die Herausforderungen seiner Umwelt reagieren kann, geht es auch beim letzten ausgestellten Werk: die „Single-Stroke Structures“ sind aufblasbare Trennwände, die es erlauben, sich in einer zunehmend bevölkerten Welt einen eigenen Raum abzutrennen.

Magnetic Motion Iris van Herpen Ars Electronica STARTS Prix

Credit: Morgan O’Donovan

Artist Lab Iris van Herpen

Die niederländische Modeschöpferin Iris van Herpen stellt in ihrem Artist Lab ihre Modekollektion „Magnetic Motion“ aus. Für diese konnte sie 2016 den renommierten STARTS-Prize gewinnen, als ein künstlerisches Werk, das unsere Sicht auf Technologie maßgeblich beeinflusst. Inspiriert wurde Van Herpen durch einen Besuch des Large Hadron Collider am Forschungszentrum CERN: Sie nahm sich dessen Magnetfeld zum Vorbild und schuf eine Kollektion, die stark von den wissenschaftlichen Themen Magnetismus und Chaos beeinflusst ist. Die Kleidungsstücke werden nicht mit der Nähmaschine, sondern mit Spritzgießen, Laserschneidern und 3D-Druckern gefertigt, während die auffälligen Accessoires mit Magneten geformt wurden.

Die Ästhetik des Unheimlichen

Credit: Bernardo Aviles-Busch

Artist Lab Artificial Skins and Bones

Für die Werke in diesem Artist Lab wurde 2016 ebenfalls ein STARTS-Prize verliehen, für innovative Zusammenarbeit zwischen Industrie oder Technologie und dem Kunst- und Kulturbereich. Die insgesamt neun Arbeiten entstanden in einem Seminar an der Weißensee Kunsthochschule Berlin, in Kooperation mit dem Prothesenhersteller Ottobock. Sieben davon werden bei der Ausstellung in der POSTCITY zu sehen sein. Bei Artificial Skins and Bones dreht sich alles um künstlicher Körper und -Teile sowie unsere Beziehung zu ihnen.

Beyond Prototyping Jussi Ängeslevä Ars Electronica Festival 2016

Credit: Michael Burk

Artist Lab Jussi Ängeslevä

Unter dem Überbegriff „Beyond Prototyping“ werden beim Artist Lab von Jussi Ängeslevä drei Arbeiten ausgestellt, die sich alle mit den Dynamiken zwischen DesignerInnen, BenutzerInnen und HerstellerInnen befassen. Sie entstanden bei einem gemeinsamen Forschungsprojekt der Technischen Universität Berlin und der Universität der Künste Berlin, wo Ängeslevä auch als Professor tätig ist. „Ciphering“, „Locatable“ und „Highlight“ basieren auf leicht beeinflussbaren Algorithmen sowie interaktiven Online-Plattformen, womit die Produkte von den BenutzerInnen individuell angepasst werden können. Jedes entstandene Objekt, sei es ein Ring mit ausgestanzten, individuellen Nachrichten oder Daten wie bei „Ciphering“, ein Tisch mit unterschiedlichen Gravierungen, die auf Straßenkarten basieren, wie bei „Locatable“, oder eine Lampe, die unterschiedlich aussieht, je nachdem, wohin das Licht im Raum fallen soll, ist somit einzigartig, aber dennoch robust und formschön gestaltet.

ASSISIbf Ars Electronica Festival 2016

Credit: EPFL Artificial Life Lab

Artist Lab ASSISIbf

ASSISIbf“, das steht für Animal‌ and‌ Robot‌ Societies‌ ‌Self-Organize‌ and‌ Integrate‌ by‌ Social‌ Interaction‌ (bees‌ and‌ fish), übersetzt in etwa “Tier- und Robotergesellschaften Organisieren Sich Eigenständig und Integrieren mithilfe Sozialer Integration, Bienen und Fische“. Hinter dem langen Titel steckt ein Algorithmus, der die Kommunikation zwischen zwei oder mehreren verschiedenen Arten ermöglicht. Hier geht es konkret um das Verbinden von Fischen mit Bienen – Robotersysteme, die speziell auf die jeweiligen Tierarten ausgerichtet sind, lernen, mit den Tieren zu kommunizieren, und ermöglichen anschließend einen Austausch der beiden Arten. Somit können gemeinsam Probleme bewältigt werden – eine Idee, die besonders interessant wird, wenn man an die Kommunikation zwischen Mensch und Tier denkt. Wie das funktioniert, wird beim Festival live zu sehen sein: beim Artist Lab ASSISIbf werden Fische und Bienen gemeinsam eine Aufgabe lösen.

Joe Davis Artis Lab Ars Electronica Festival 2016

Credit: Carly Nix

Artist Lab Joe Davis

Joe Davis befasst sich in seinem Artist Lab mit der Frage, wie moderne Alchemie aussehen kann – und ob sie überhaupt noch existiert. Die Menschheit hat schon so viele Dinge erreicht, die früher unmöglich schienen. Gibt es denn dann überhaupt noch Raum für solche Wunder? Die Antwort von Davis ist ein klares Ja. Mit zwei Arbeiten zeigt er, wie Alchemie und die Suche nach dem Wunderbaren auch in heutigen Zeiten überleben können: Für „Bombyx Chrysopoeia“ züchtete er genmanipulierte Seidenspinner, Falter, deren gesponnene Seidenfasern Metalle wie Gold oder Platinum einbinden können. Bei „Astrobiological Horticulture“ hingegen geht es nicht um das Rezept für Gold, sondern um das Elixier des Lebens selbst: Hier werden Organismen gezüchtet, die theoretisch auch am Mars überleben könnten.

Marjan Colletti Ars Electronica Festival 2016

credit: REX|LAB

Artist Lab Marjan Colletti

3D-Druck ist jetzt auch bei großen Bauelementen angekommen: Dr. Marjan Colletti, Leiter des Instituts für Experimentelle Architektur/Hochbau an der Universität Innsbruck, stellt in seinem Artist Lab Methoden vor, mit denen Beton gedruckt werden kann. Schon seit 2012 stehen automatisierte Roboter-Herstellungsmethoden im Fokus der Arbeit des Instituts – damals wurde nämlich das „Robotic Experimentation Laboratory“, oder REX|LAB, gegründet. Das Potential des 3D-Drucks auch für groß angelegte Bauprojekte und Betonelemente auszuschöpfen, ist jedoch eine etwas spätere Entwicklung. Während der 3D-Druck bei kleineren Projekten schon häufig eingesetzt wird, ist er bei größeren Projekten noch weit entfernt von kommerzieller Anwendung – Dr. Marjan Colletti präsentiert Modelle, die dies schon bald ändern könnten.

Coded Skeleton Yoichi Ochiai Ars Electronica Festival 2016

Credit: Yoichi Ochiai

Artist Lab Yoichi Ochiai

Das Artist Lab rund um den japanischen Medienkünstler Yoichi Ochiai widmet sich den Arbeiten der von ihm geführten Digital Nature Group. Anhand von Beispielprojekten wird gezeigt, wie sich die Gruppe die Zukunft unseres Multimedia-Ökosystems vorstellt: Vor allem geht es um interdisziplinäre, rechnerbasierte Projekte, die die verschiedensten Bereiche miteinander verbinden. Von Systemen, die Gestik und Mimik eines Menschen direkt auf eine Puppe übertragen, über einen Projektor, der Sonnenlicht ohne jegliche elektrische Quelle in eine visuelle Anzeige wandeln kann, bis hin zu Untersuchungen zu Methoden, wie Holographien im Raum angezeigt werden – die Auswahl der Projekte ist vielfältig und abwechslungsreich.

koruza-troublemaker2@JureZagoranski

Credit: Jure Zagoranski

Artist Lab Institute IRNAS

Das slowenische IRNAS Institute bringt zwei Projekte mit ins Artist Lab: einerseits das fab&sciencelab, andererseits das Kommunikationssystem KORUZA. Beim fab&sciencelab können BesucherInnen mit den mitgebrachten Maschinen und 3D-Druckern experimentieren, forschen und selbst etwas schaffen, wie bei den großen Fab Labs, die mittlerweile in vielen Städten der Welt existieren. KORUZA hingegen ist eine Arbeit des Instituts selbst: das offene Kommunikationssystem bietet eine Alternative zu Wi-Fi-Netzwerken und kann ganz einfach selbst nachgebaut werden. Beim Artist Lab wird das System ausgestellt und gezeigt, wie eine solche Kommunikation funktioniert und warum es die Zukunft der existierenden Netzwerke sein könnte.

Masaki Fujihata Anarchive Ars Electronica Festival 2016

Credit: Masaki Fujihata

Artist Lab Masaki Fujihata

Beim Artist Lab von Masaki Fujihata werden die bahnbrechenden Arbeiten des japanischen Medienkünstlers, der international besonders für seine Interaktive Kunst hohes Ansehen genießt, präsentiert. Im ausgestellten Buch „Anarchiv°6“ sind die meisten seiner Arbeiten von 1972 bis 2016 enthalten. Erwartungsgemäß handelt es sich bei „Anarchiv°6“ aber nicht nur um ein Buch mit Seiten wie jedes andere – mithilfe von iOS-Geräten und Augmented-Reality-Technologien kann es auch als dreidimensionale Installation betrachtet werden. Somit wird es möglich, dass Bilder und Videos aus den Seiten zu springen scheinen – eine Art der Archivierung, die mit Masaki Fujihata jetzt schon in die sechste Runde geht. In den letzten fünfzehn Jahren wurden mit der „Anarchiv“-Reihe schon die Werke von fünf weiteren KünstlerInnen zusammengefasst.

Common Flowers Georg Tremmel Shiho Fukurhara Ars Electronica Festival 2016

Credit: Martin Hieslmair

Artist Lab BCL

Beim Artist Lab BCL stellt das künstlerische Forschungsprojekt BCL, gegründet von Georg Tremmel und Shiho Fukuhara, Arbeiten rund um sein Spezialgebiet aus: die Beziehungen, Übereinstimmungen und Unterschiede von biologischen und kulturellen Codes. „Common Flowers / Flower Commons“ zum Beispiel widmet sich den gen-manipulierten Moondust-Blumen, die von einer japanischen Brauerei in Kolumbien gezüchtet und dann in der ganzen Welt verkauft werden. Die KünstlerInnen von BCL „klonen“ diese Pflanzen und pflanzen sie in der freien Natur an – geben ihnen also somit einen Raum zurück und machen sie als „Common Flowers“ allen zugänglich. Mit Gentechnik befasst sich auch das zweite Ausstellungsstück, „Ghost in the Cell“: Es ist ein Projekt, bei dem das virtuelle Idol Hatsune Miku, ein Computerprogramm, in einem künstlich erzeugten Genom verkörpert und somit zum Leben erweckt wird.

 

Die Artist Labs, sowie viele weitere Ausstellungsstücke von AlchemistInnen unserer Zeit, werden beim Ars Electronica Festival 2016 in der POSTCITY von 8. bis 12. September 2016 zu sehen sein. Die Ausstellung ist am Donnerstag, 8.9.2016, bis Montag, 12.9.2016, von 10:00 bis 19:30 Uhr geöffnet.

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