Paul Dujardin: „Wir brauchen interdisziplinäre Teams“

Der künstlerische Leiter des Centre for Fine Arts (BOZAR) spricht im Interview über die Rolle der KünstlerInnen in der heutigen Zeit, dass Kunst auch außerhalb von Gemälderahmen geschieht und wie wichtig es ist, Disziplinen miteinander zu verbinden.

Paul Dujardin
Credit: Filip Naudts

Der STARTS Prize 2017 der Europäischen Kommission begibt sich auf die Suche nach KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen, TechnologInnen, Teams, Kollektiven und Unternehmen, die ganz bewusst ihren Fokus auf die Zusammenarbeit von Wissenschaft, Technologie und Kunst setzen. Den GewinnerInnen winken Preisgelder von 20.000 Euro und prominente Auftritte beim Ars Electronica Festival in Linz, am Brüsseler BOZAR Electronic Arts Festival und bei der Amsterdamer Waag Society. Wir haben uns vor dem Ende der Einreichphase am 13. März 2017 mit Paul Dujardin, dem künstlerischen Leiter des Centre for Fine Arts (BOZAR), getroffen und über das Zusammenspiel von Wissenschaft, Technologie und Kunst gesprochen.

Wissenschaft, Technologie und Kunst. Was denken Sie über die Zusammenarbeit dieser Bereiche?

Paul Dujardin: Als Direktor des Center for Fine Arts betrachte ich diese Zusammenarbeit aus der Perspektive eines Künstlers. Die KünstlerInnen sind die kritischen Antennen unserer Gesellschaft, das hat schon Ezra Pound gesagt. Sie sind es, die die Forschung verschiedener Disziplinen in menschlichere Richtungen steuern können. Andererseits müssen sie den wissenschaftlichen und technologischen Entwicklungen kritisch gegenüberstehen. Nehmen wir als Beispiel „Big Data“… das ist eine Technologie, die in positiver aber auch negativer Weise verwendet werden kann. Eine Stadt kann dadurch durchaus „smarter“ werden, aber mit diesem Werkzeug lassen sich auch Wahlen beeinflussen. So gibt es offensichtlich auch künstliche Systeme, die automatisch „Fake News“ an die Menschen senden. Um kritisch zu sein, sollten KünstlerInnen die „Technologie“ und ihren Einfluss auf die Gesellschaft verstehen – gerade deshalb ist das STARTS-Programm sehr interessant.

Was haben diese Felder heutzutage gemeinsam?

Paul Dujardin: Ob Industrielle, KünstlerInnen oder ForscherInnen, alle tragen eine Verantwortung für unsere Gesellschaft. Wir sind mit sehr vielen globalen Problemen konfrontiert – mit ökologischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen -, die allesamt miteinander interagieren. Und um hier Lösungen zu finden brauchen wir interdisziplinäre Teams. Ökologische Probleme, zum Beispiel, können nicht nur über ein technologisches oder wissenschaftliches Bemühen gelöst werden – es ist hier ebenso wichtig, all den Menschen bewusst zu machen, wie sich ihr persönliches Verhalten darauf auswirkt. PhilosophInnen sollten beispielsweise die Menschen davon überzeugen, dass sie nicht im Mittelpunkt des Universums leben, sondern dass gerade sie wichtige Akteure in einem globalen ökologischen System sind. So hat Alexander von Humboldt Anfang des 19. Jahrhunderts die Menschen bereits vor den Auswirkungen ihres Handelns in Lateinamerika gewarnt.

BOZAR

BOZAR Center for Fine Arts, Credit: Yannick Sas

Das BOZAR Center for Fine Arts in Belgien hat bereits eine Auswahl der PreisträgerInnen und GewinnerInnenprojekte des STARTS Prize 2016 präsentiert. Wie haben die BesucherInnen reagiert?

Paul Dujardin: In der Tat haben die BesucherInnen die ersten Ergebnisse des STARTS Prize hier bei uns bereits gesehen. Sie sind es gewohnt, Kunstwerke zu betrachten und nicht die Ergebnisse einer Zusammenarbeit von KünstlerInnen und ForscherInnen. Die meisten dieser BesucherInnen haben eine eher konservative Sichtweise auf die Rolle von KünstlerInnen in unserer Gesellschaft. Und sie erwarten Bilder, die sich auf die Kunstgeschichte beziehen. Natürlich sind sie es gewohnt, die intellektuelle oder emotionale Botschaft, die die Künstlerin oder der Künstler vermitteln wollte, zu dekodieren – das ist auch gar nicht zu kritisieren. Das ist immer noch das Wesen der Kunst. Der STARTS Prize hingegen ist aber völlig anders und zeigt digitale Projekte, die zu sozialer Innovation geführt haben, Wearables, technologische Experimente, Apps… Für uns ist es ganz klar, dass wir die Menschen viel mehr darüber informieren müssen, was das Ziel des STARTS-Programms ist und dass es Menschen dazwischen braucht, die persönlich diese Präsentationen den BesucherInnen erklären. Unsere MitarbeiterInnen bei BOZAR werden darauf geschult, dass sie grundlegende Diskussionen mit den BesucherInnen führen können, welche verschiedenen Rollen KünstlerInnen in unserer heutigen Gesellschaft spielen.

Welchen Tipp möchten Sie denjenigen mitgeben, die sich für den STARTS Prize 2017 bewerben?

Paul Dujardin: Ich glaube, jedes Projekt sollte die Vorteile der Zusammenarbeit verschiedener Partner betonen. Einige Projekte können meiner Meinung nach zu einem innovativen Kunstwerk führen, das auf technologische oder wissenschaftliche Entwicklungen in einer unerwarteten Art und Weise zurückgreift. In jedem Fall müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf die künstlerische Stärke des Kunstwerks und dessen kritische Komponente richten. Es kann aber ebenso auch eine industrielle Anwendung sein. Wir dürfen letztendlich nicht vergessen, dass der STARTS Prize eine Initiative von DG Connect ist, dessen Hauptziel es ist, Innovation in der Industrie zu fördern – mit dem kreativen Potential von KünstlerInnen. Irgendwo zwischen diesen beiden sich gegenüberliegenden Linien steht der Wert von STARTS. Zwischen kritischer Haltung und Innovation, zwischen Kunst und angewandtem Design, zwischen kunsthistorischen Faktoren und globalen Angelegenheiten. Das ist zwar keine eindeutige Beschreibung, aber genau das macht das Schöne des STARTS-Programms aus. Und genau hier ist der Unterschied von STARTS zu vielen anderen Programmen der Vergangenheit zu sehen.

Mehr zum STARTS Prize und alle Infos, was und wie Sie einreichen können, erfahren Sie auf starts-prize.aec.at!

dujradinPaul Dujardin ist seit 2002 CEO und künstlerischer Leiter des Centre for Fine Arts (BOZAR) in Brüssel. Unter seiner Leitung hat sich das Zentrum zu einem international anerkannten, multidisziplinären und interdisziplinären Kunstzentrum entwickelt, das seinen BesucherInnen eine Reihe an Veranstaltungen – von Konzerten, über Ausstellungen, Kino-, Literatur-, Theater-, Tanzperformances oder Debatten und Workshops – anbietet. Von 1992 bis 2002 war er CEO der Société Philharmonique de Bruxelles, wo er unter anderem das jährliche Festival „Ars Musica“ betreute, das sich zeitgenössischer Musik widmete. Er studierte Kunstgeschichte und Archäologie an der Vrije Universiteit Brussels (VUB) und hält einen Master in Management Sciences der Vlaamse Ekonomische Hogeschool (VLEKHO).

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