Ghalia Elsrakbi: „Kunst ist eine gemeinsame Spielwiese“

Medienkunst und ganz besonders „Hybrid Art“ – eine Kategorie des Prix Ars Electronica – stützen sich auf hybride und transdisziplinäre Projekte und Zugänge. Im Interview erzählt uns die Jurorin Ghalia Elsrakbi, was sie unter dem Begriff „Hybrid Art“ versteht und welche Rolle die Kunst im Jahr 2017 spielen kann.

Ghalia Elsrakbi

Ghalia Elsrakbi unterrichtet am Kunstinstitut der American University in Kairo und ist Ausstellungsleiterin des Symposiums für Elektronik und Neue Medien Cairotronica – ebenso in Kairo, Ägypten. Im April wird sie nach Linz kommen und sich gemeinsam mit anderen ExpertInnen auf die oder den GewinnerIn der Goldenen Nica in der Kategorie „Hybrid Art“ festlegen. Aber was versteht sie eigentlich selbst unter diesem Begriff, welche Trends sieht sie und haben MedienkünstlerInnen aus dem Nahen Osten einen anderen Zugang als ihre KollegInnen aus Europa oder der USA? Ghalia Elsrakbi hat Zeit gefunden, diese Fragen für uns vorab zu beantworten. Und nicht vergessen: Nur noch wenige Stunden – bis zum 13. März 2017, 23:59 Uhr (MESZ) – können Sie Ihre Projekte zum Prix Ars Electronica 2017 einreichen! Mehr dazu auf www.aec.at/prix!

Wie würden Sie selbst “Hybrid Art” beschreiben?

Ghalia Elsrakbi: Hybrid Art ist ein Begriff, der sehr schwer zu beschreiben ist. Für mich ist Hybrid Art ein Ort, an dem viele Disziplinen aufeinandertreffen, wo Grenzen überwunden werden; ein Labor, in dem KünstlerInnen experimentieren, und neue Technologien auf ihre künstlerischen Praktiken übertragen. Kunst ist eine gemeinsame Spielwiese für WissenschaftlerInnen, JournalistInnen und AktivistInnen, auf der das Experimentieren mit kritischem, progressivem und künstlerischem Denken zusammentrifft.

Bei Hybrid Art geht es über das Überschreiten der Grenzen zwischen Kunst und anderen Bereichen. Welche Rolle spielt Kunst im Jahr 2017 Ihrer Meinung nach?

Ghalia Elsrakbi: Wir leben in komplexen und unsicheren Zeiten mit großen Dilemmata, die Lösungen auf verschiedenen Ebenen erfordern – kulturell, sozial, politisch und ökologisch. Ich habe immer daran geglaubt, dass Kunst eine Ausdrucksform ist, in der Männer und Frauen über neue Perspektiven reflektieren, sie kritisieren und erforschen können. Viel wichtiger ist es heutzutage aber, über neue Möglichkeiten und Zukunftsszenarien nachzudenken. Ich denke, wir sind jenseits des Glaubens entfernt, alles überblicken zu können – wir sind mittlerweile an die Tatsache gewöhnt, dass wir in mehreren Realitäten und Wahrheiten leben.

Ghalia Elsrakbi stellt in diesem Video ihr Projekt „Failed Futures and Extended Borders“ vor. Mehr dazu auf foundland.info.

Welche Trends zeichnen sich derzeit in der Medienkunst bzw. Hybrid Art ab?

Ghalia Elsrakbi: Auch hier ist es wieder sehr schwierig, einen spezifischen Trend der Hybrid Art herauszugreifen, wenn es in dessen Natur liegt, Grenzen herauszufordern und zu erweitern. Angesichts der anspruchsvollen Themen liegt es nahe, dass sich Hybrid Art vor allem auf aktuelle Themen und das Experimentieren mit neuen Technologien konzentriert. Mit solch komplexen Themen zu arbeiten, das erfordert naturgemäß eine Form von Zusammenarbeit, in der die KünstlerInnen ihr Wissen teilen und weiterentwickeln müssen.

Sie unterrichten am Kunstinstitut der American University in Kairo – erkennen Sie Besonderheiten der Medienkunst aus dem Nahen Osten im Vergleich zu Europa oder der USA?

Ghalia Elsrakbi: Meiner Meinung nach haben KünstlerInnen aus dem Nahen Osten ähnliche Zugänge wie KünstlerInnen aus anderen Teilen der Welt. Ihr Interesse an neuen Medien und neuen Technologien ist jedoch sehr stark gestiegen nach den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen im Jahr 2011 – und vielen Menschen ist dessen Wichtigkeit nun viel bewusster geworden. Die Themen, an die KünstlerInnen aus dem Nahen Osten interessiert sind, haben auf jeden Fall etwas mit ihrer eigenen Realität zu tun, mit ihrer Geschichte und sie sind mit den sozialpolitischen Erzählungen verknüpft, aus denen sie agieren.

Ghalia ElsrakbiGhalia Elsrakbi ist Designerin, Forscherin und Pädagogin. Sie absolvierte ein BA-Studium in Grafikdesign an der Artez Hogeschool voor de Kunst, Arnheim, sowie ein Masterstudium in Design am Sandberg Institute, Amsterdam. 2009 machte sie eine Postgraduiertenfortbildung an der Jan van Eyck Academie in Maastricht und gründete die Kunst- und Designinitiative Foundland Collective in Amsterdam. In ihrer Arbeit versucht sie, unterschiedliche Disziplinen wie Kunst, Neue Medien, Grafikdesign und Schreiben zu verbinden. Sie arbeitete an Forschungs- und Ausstellungsprojekten und Initiativen mit Schwerpunkt Mittlerer Osten mit. Seit 2014 unterrichtet sie am Kunstinstitut der American University in Kairo und ist Ausstellungsleiterin des Symposiums für Elektronik und Neue Medien Cairotronica in Kairo, Ägypten. Ghalia Elsrakbi ist Stipendiatin der Smithsonian Institution und kam in die Endrunde des Prix de Rome (2016).

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