TIME OUT .07 – Über heimatliche Gefühle und industrielle Massenanfertigung

Am DI 23.5.2017 startete die Ausstellungsreihe „TIME OUT“ in die siebente Runde! In Zusammenarbeit mit der Kunstuniversität Linz zeigt das Ars Electronica Center aktuelle Medienkunstprojekte des Studiengangs „Zeitbasierte und Interaktive Medien“. Am Blog stellen wir Ihnen die teilnehmenden StudentInnen vor. Dieses Mal erzählen uns Lisa Bickel und Clemens Niel von ihren ausgestellten Arbeiten.

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Credit: Martin Hieslmair

Die Ausstellungsreihe „TIME OUT“ startete nun schon in die siebente Runde und bietet den BesucherInnen im Ars Electronica Center wieder wunderbare Einblicke in die studentischen Arbeiten des Studienzweigs „Zeitbasierte und Interaktive Medien” der Kunstuniversität Linz. Das künstlerische Bachelorstudium bietet den Freiraum, sich in kreativer Form mithilfe audiovisueller Mittel auszudrücken, mit digitalen Medien zu experimentieren und eigene Ideen zu verwirklichen. Kuratiert wurde die Ausstellung erneut von Gerhard Funk, Leiter dieses Studiengangs, und Gerfried Stocker, künstlerischer Leiter der Ars Electronica. Sie wählten insgesamt neun StudentInnen aus, die ihre Arbeiten im Ars Electronica Center präsentieren.

Lisa Bickels Arbeit „Heimkommen“ beschäftigt sich mit Fragen wie „Was hört man, wenn man nach einem langen Tag nach Hause kommt und das Licht einschaltet? Wie ist die Stimmung? Welches Geräusch empfindet man als angenehm? Welches als störend?“ In ihrer Installation hängen Glühbirnen von der Decke herab, die von den BesucherInnen nach Belieben ein- und ausgeschaltet werden können. Beim Einschalten ertönen jeweils unterschiedliche alltägliche Geräusche und Klänge, die an zu Hause erinnern sollen. Wir haben Lisa gebeten uns mehr über ihre Arbeit zu erzählen.

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Lisa Bickels Installation „Heimkommen“ während der Aufbau-Phase. Credit: Magdalena Sick-Leitner

Bitte beschreibe uns wie deine Installation funktioniert. Was können die Besucherinnen und Besucher machen?

Lisa Bickel: Die Installation „Heimkommen“ versucht die Besucherinnen und Besucher von der Ausnahmesituation im Museum in eine vertraute Lage zu versetzen. Man kommt nach Hause und schaltet das Licht ein. Durch das Ein- oder Ausschalten von Glühbirnen können individuelle Klanglandschaften generiert werden, die an zu Hause erinnern. Geräusche, die man täglich hört, doch oft nicht mehr wahrnimmt, können ein Gefühl von Vertrautheit entwickeln oder Erinnerungen wecken.

Wie bist du dazu gekommen, das Thema des Nach-Hause-Kommens zu bearbeiten?

Lisa Bickel: In der Zeit, in der ich dieses Projekt entwickelte, war in den Medien der Flüchtlingsstrom ein sehr aktuelles und viel diskutiertes Thema. Davon beeinflusst kam ich auf die Thematik „Heimat“ und „zu Hause“. Was bedeutet zu Hause? Wo fühlt man sich zu Hause? Kann man sich an einem anderen Ort zu Hause fühlen? Was löst dieses Gefühl aus? Fragen, die nicht nur Flüchtlinge, sondern eigentlich jeden Menschen betreffen.

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BesucherInnen interagieren mit Lisa Bickels Installation „Heimkommen“. Credit: Magdalena Sick-Leitner

Du hättest auch beispielsweise die Gerüche beim Heimkommen in den Mittelpunkt stellen können. Welche Bedeutung haben ausgerechnet die Geräusche für dich?

Lisa Bickel: Da ich viel mit dem Medium Film arbeite, ist mir die starke Bedeutung von Sound bewusst geworden. Mich hat schon immer fasziniert, wie bestimmte Geräusche, Emotionen und Erinnerungen wecken können. Bei diesem Projekt experimentiere ich damit, ob auch nur die Klangebene solche Gefühle hervorrufen kann.

Bevorzugst du selbst beim Heimkommen die Stille oder hast du lieber Geräusche um dich herum? Hast du ein Lieblingsgeräusch?

Lisa Bickel: Ich glaube, dass eine vollkommene Stille zu Hause unmöglich ist. Es gibt immer Geräusche, die wir aus Gewohnheit nicht mehr wahrnehmen wie z.B. die Straße von draußen, das Ticken der Uhr, Vogelgezwitscher oder das Surren einer Lampe. Ich selbst wohne in einer WG und mag es sehr gerne, wenn zu Hause was los ist und die Wohnung sich belebt anhört. Mein Lieblingsgeräusch?… Vielleicht wenn meine Mitbewohnerin „Es gibt Essen!“ ruft :-).

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In der Foyer Gallery des Ars Electronica Centers befindet sich Clemens Niels Installation „Greetings“. Credit: Martin Hieslmair

Die Installation „Greetings“ von Clemens Niel besteht aus von der Decke hängenden Grußkarten mit integrierten Tonmodulen, die üblicherweise Melodien oder Grußbotschaften abspielen. In Niels Arbeit öffnen und schließen sich die Karten durch kleine Steuerungseinheiten, sobald sich ein Besucher bzw. eine Besucherin unter die Installation stellt. Statt der bekannten Melodien hört man nun aber Hintergrundgeräusche aus der Produktion und Testsätze, die während des Fertigungsprozesses der Tonmodule von den FabrikarbeiterInnen gesprochen wurden. Wir haben uns mit Clemens unterhalten.

Der Aufbau deiner Installation sieht technisch aus und hört sich auch technisch an. Könntest du das bitte genauer erklären?

Clemens Niel: Greetings ist eine interaktive Rauminstallation bestehend aus 45 autarken, fast identen Maschinen, die dazu benutzt werden, Grußkarten mit Tonmodul zu öffnen und zu schließen. Sobald ein, auf den Maschinen angebrachter, Infrarotsensor eine Bewegung registriert, wird ein Signal an einen Servomotor gesendet und dadurch die Grußkarte geöffnet, was wiederum den Stromkreis auf dem Tonmodul der Grußkarte schließt und das darauf gespeicherte Tonfile abspielt.

Deine Installation beschäftigt sich mit dem Metathema Arbeit – Herstellungsprozesse, Arbeitsaufwand und Entfremdung von Arbeit. Wie bist du auf dieses Thema gekommen?

Clemens Niel: Arbeitsverhältnisse sowie die sichtbaren und unsichtbaren Strukturen, die dadurch entstehen sind für mich ein definierendes Merkmal einer Gesellschaft. Mit meiner Arbeit versuche ich einen abstrakten Gedankenanstoß in diese Richtung und hin zum kritischen Hinterfragen dieser Verhältnisse und Strukturen zu schaffen.

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Der Künstler Clemens Niel erläutert seine Arbeit. Credit: Martin Hieslmair

Warum hast du für deine Betrachtung von Arbeit ausgerechnet ein so unscheinbares Produkt wie Grußkarten verwendet?

Clemens Niel: Das war eine intuitive Entscheidung, aber im Nachhinein finde ich den Kontrast zwischen den filigranen Karten und der industriellen Massenanfertigung von den verwendeten Elektroteilen passend.

Dies ist nicht dein erstes medienkünstlerisches Projekt. Was planst du als nächstes?

Clemens Niel: Ich arbeite gerade an einer Reihe installativer und interaktiver Objekte, die durch kurze automatisierte Bewegungen Gegenständen ihre eigentliche Funktion rauben und sie hin zu ästhetischen Objekten modifizieren.

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Die Servomotoren öffnen und schließen später die Grußkarten – hier während des Aufbaus noch ohne Karten. Credit: Magdalena Sick-Leitner

Die Ausstellung TIME OUT .07 wurde am 23.5.2017 eröffnet. Die Arbeiten der Studierenden können jederzeit während der Museumsöffnungszeiten besichtigt werden.

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