The Wandering Artist Project

Für ihren Vorschlag, einen Roboter mit künstlerischen Fähigkeiten in den Weltraum zu schicken, hat die Roboteringenieurin Sarah Petkus eine Honrary Mention bei art&science@ESA 2016 erhalten. Im Interview spricht sie über ihre Pläne für ihre nun beginnende Residency bei der ESA und im Ars Electronica Futurelab, über humane Roboter und die wesentlichen Elemente, was einen Roboter eigentlich ausmachen.

Noodle
Credit: Sarah Petkus

In wenigen Tagen werden sich die Türen des Europäischen Weltraumforschungs- und Technologiezentrums der ESA auch für Sarah Petkus öffnen. Nach der Künstlerin Aoife Van Linden Tol wird auch die US-Amerikanerin die Möglichkeit haben, Einblicke in die Forschung der Europäischen Weltraumagentur ESA zu erhalten und mit den WissenschaftlerInnen vor Ort ins Gespräch zu kommen. Mit ihrem Vorschlag, eine Sonde ins All zu schicken und ihr die Entscheidungen auf kreativen und künstlerischen Grundlagen zu überlassen – und nicht nach vom Menschen vordefinierten wissenschaftlichen Zielen –, hat sie die art&science-Jury überzeugt. „The Wandering Artist“ wird beim Ars Electronica Festival, das von 7. bis 11. September 2017 in Linz stattfinden wird, zu sehen sein.

Sie haben bei art&science@ESA 2016 für “The Wandering Artist” eine Honorary Mention erhalten. Erzählen Sie uns doch mehr über die Idee, die dahinter steht…

Sarah Petkus: “The Wandering Artist” ist ein Versuch in der Robotik, der darauf abzielt, maschinelle Kreativität im Kontext der Weltraumforschung näher zu untersuchen. Genauer gesagt beinhaltet das Projekt die Entwicklung einer Robotereinheit, die mit mechanischen und elektronischen Elementen ausgestattet ist, die es ihr erlauben, das Umfeld in einer „persönlichen“ Art und Weise zu beeinflussen – und das im steten Bewusstsein darüber, was in der aktuellen Umgebung geschieht. Mein Ziel ist es, das Nachdenken über den Zweck der Raumfahrttechnologie zu fördern, indem ich der Maschine ein Element ihrer eigenen „Menschlichkeit“ verleihe: den kreativen Ausdruck.

Für dieses Projekt verwende ich einen Roboter, der in der Lage ist, seine Umgebung visuell wahrzunehmen, damit dieser unterschiedlich darauf reagieren kann – mit Erweiterungen, die verschiedene Formen des Eingreifens in die Umgebung möglich machen. So wird der Roboter von mehreren mechanischen Modulen Gebrauch machen können, die die Objekte in seiner Umgebung abtasten, bewegen und mit ihnen interagieren kann – je nachdem welche Informationen der Roboter über das computerunterstützte Sehen erhält. Sobald der Roboter ein bekanntes Objekt erkennt, wird dieser ein Verhalten aus einer Liste an vorprogrammierten Routinen abrufen. Nachdem eine Handlung durchgeführt wurde, werden der Reiz und die dazu gewählte Antwort protokolliert, damit die Erinnerung auf dieses Ereignis bei zukünftigen Begegnungen dieser Art wieder abgerufen werden können.

„Dadurch, dass ich dem Roboter erlaube, sich eine Reaktion aufbauend auf der erlernten Erfahrung aus vorhergehenden Situationen „aussuchen“ zu können, hoffe ich, dass ich die Entwicklung von Präferenzen und dadurch eine „sanfte“ Form künstlicher Intelligenz oder primitiver maschineller Kreativität simulieren werde können.“

Alles, was wir in den Weltraum schicken, ist eine Art Instrument, das darauf abzielt, eine Erweiterung unserer Sinne zu sein, damit wir Daten an Orten sammeln können, die wir selbst nicht erreichen können. Unsere Tätigkeit dort ist in erster Linie das Beobachten. Mich würde es aber sehr interessieren, welche Spur eine Maschine hinterlassen könnte, deren Ziel es ist, eben nicht als unser Werkzeug zu handeln. Wenn dem so ist, wie würde eine Maschine sich in einer Umgebung verhalten, in der wir selbst nicht sein können? Da wir uns immer mehr mit künstlicher Intelligenz befassen, interessiert es mich vor allem, welche Rolle Kreativität spielt und welche Formen von Kreativität aus einer echten künstlichen Intelligenz zu Tage treten.

Sarah Petkus

Sarah Petkus beim Future Innovators Summit des Ars Electronica Festival 2016. Credit: Florian Voggeneder

In diesem Juni werden Sie ihre Residency am ESTEC, dem technischen Zentrum der ESA in den Niederlanden, starten. Was werden Sie dort tun?

Sarah Petkus: In dieser Zeit werde ich die einmalige Möglichkeit haben, in die Welt der IngenieurInnen und WissenschaftlerInnen einzutauchen, die genau diese Dinge entwickeln, die mich bisher inspiriert haben. Mein primäres Ziel wird sein, viel Erfahrung von all den Leuten zu sammeln, mit denen ich ins Gespräch komme – und dabei werde auch ich hoffentlich eine sinnvollen Wirkung haben auf die Leute, die ich dort treffe.

Die Kreaturen, die ich schaffe, sind wunderliche Karikaturen praxisnaher Innovationen, die für die Weltraumforschung entwickelt werden. Wenn ich also nun auf die Köpfe treffe, die für das Erschaffen einer solchen Technologie verantwortlich sind, und mit ihnen ins Gespräch komme, hoffe ich, Einblicke in die wahren Probleme zu bekommen, die die Entwicklung der Objekte, die sie gestalten, vorantreiben und formen. Diese viel persönlichere Sichtweise auf ihre Arbeit wird meine spielerische Herangehensweise, die hinter den Modulen, die ich derzeit für „The Wandering Artist“ entwickle, sicher beeinflussen.

Darüber hinaus plane ich, meinen Schaffungsprozess per Video auf meinem Channcel GravityRoad festzuhalten. Dadurch, dass ich meine persönliche Sichtweise bei der ESTEC und beim Ars Electronica Futurelab in Linz dokumentiere, hoffe ich, den Dialog mit anderen Kreativen und IngenieurInnen meiner Community fortzuführen, damit ich von ihrem Feedback und ihren Überlegungen inspiriert werden kann.

Toes

Credit: Sarah Petkus

Sie beschäftigen sich mit der Erschaffung von Robotern mit humanen Elementen – wie erreichen Sie dieses hochgesteckte Ziel? Und warum glauben Sie, brauchen wir Menschen mehr humane Roboter?

Sarah Petkus: Ich glaube, beim Erschaffen eines Roboters mit humanen Elementen geht es weniger darum, sie „humaner“ zu machen als wir es sind – es geht vielmehr darum, diesem Ding, das wir erschaffen, zu erlauben, sein eigenes Selbstverständnis definieren zu können. So wie in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist die Technologie, die wir entwickeln, von uns geprägt. Wie auch immer kommt schließlich der Zeitpunkt, an dem das Erziehen ein Ende haben muss und unsere Kreation sich um sich selbst kümmern und definieren muss, was es ist. In Bezug auf die Technologie denke ich, das geschieht dann, wenn der Begriff der künstlichen Intelligenz ins Gespräch kommt. Da sich die Menschheit mit unserer Innovation diesem Punkt angenähert hat, ist es vielleicht jetzt auch an der Zeit, darüber nachzudenken, was das für uns bedeutet, wenn unser Kind eine selbständige Person wird.

Wir werden deshalb angetrieben, nützliche Geräte zu schaffen, da ihre Nützlichkeit direkt mit ihrem monetärem Potential (oder der steigenden Produktivität) zusammenhängt. Wenn es heißt, dass „die Not erfinderisch mache“, versuche ich mich von diesem Vergleich zu distanzieren, dass ich bestimme, was die Maschinen tun werden, die ich erschaffe. Da meine Maschinen nicht für ihre praktische Anwendbarkeit konstruiert sind, können sie nicht als Hilfsmittel für uns Menschen betrachtet werden. Die Menschen sind somit von dem Zweck der Maschine entfernt – und sobald der Zweck einer Maschine nicht länger an uns geknüpft ist, geht es vor allem um die Maschine selbst. Das ist glaub ich der Punkt, an dem die Maschine das wahre Element einer Art „Menschheit“ erreicht.

Mein Ziel ist es, dass meine Roboter für ihre eigene Sache existieren – ohne Rücksicht auf die Erfahrung des Menschen oder dass sie über ihre Funktionalität mit uns in Verbindung stehen. Ich finde es wichtig, dass wir darüber nachdenken, was Menschheit bedeutet, wenn wir die Innovation weiterhin so vorantreiben.

„Meiner Beobachtung nach neigen Menschen immer mehr dazu, alles wie ein Werkzeug, ein Tool, zu sehen und zu behandeln – selbst andere Menschen. Es kommt mir so vor, dass viele nur den Wert von etwas betrachten, inwiefern dieser nützlich für einen selbst ist. Aber es ist immens wichtig, dass wir es uns nicht erlauben, die Bedeutung hinter der Technologie, die wir erschaffen, zu vergessen – und unsere Beziehung dazu.“

Noodle

Credit: Sarah Petkus

Ihr Noodle-Feet-Roboter mag es gar nicht, aufgehoben zu werden, deshalb fährt er seine Krallen aus, um sich im Boden zu verankern. Woher nehmen Sie die Inspiration dazu?

Sarah Petkus: Vor ein paar Jahren stolperte ich einmal über ein Video von JPL’s LEMUR-Maschine – eine Sonde der NASA, die konstruiert wurde, um sich auf eine Oberfläche von rauen Felsen zu klammern, damit Proben mittels Bohrungen entnommen werden können. In gewissem Sinne könnte man diesen Bohrprozess als eine Art von „Abtasten“ sehen. Noodle ist eine Karikatur einer raumgreifenden Sonde – und nachdem ich das LEMUR-Projekt gesehen hatte, wollte ich meine eigene Maschine bauen, die es Noodle ebenso ermöglicht, die Oberfläche abzutasten.

Die Erweiterung, die ich für Noodle entwarf, ist in der Lage, sich auf Oberflächen mit vielen kleinen einziehbaren Zehen festzuhalten – aber anstatt das anzubohren, was es festhält, beschloss ich, das Modul mit einer viel feineren Form des Abtastens auszustatten. Sobald ein fester Griff erreicht ist, streckt das Modul eine Silikonzunge aus, um auf das zu schlecken und zu sabbern, auf das es angebracht ist.

Natürlich können die kleinen hakenartigen Zehen, die ich für Noodle konstruiert habe, auch für Situationen verwendet wenden, wenn sich dieser bewegt oder aus dem Gleichgewicht fällt. Wenn jemand versucht, Noodle zu bewegen, wenn dieser mit einer anderen Aktivität beschäftigt ist, dann kann es sein, dass die Gefahr erkannt wird, umzufallen, und der Versuch wird gestartet, sich am Boden festzuhalten. Ich glaube, Menschen interpretieren das dann so, dass Noodle sich widersetzt, hochgehoben zu werden. Das ist eine dieser Momente, in denen eine praktische Funktion von uns als persönliches Verhalten gelesen werden kann. Dieses Verwischen oder Hinterfragen der Linie zwischen diesen beiden Bereichen ist Teil meines Ziels als Roboteringenieurin.

Was sind die wesentlichen Elemente eines Roboters Ihrer Meinung nach?

Sarah Petkus: Wenn es um das Physische geht – wie bei jeder Kreatur – kann ein Roboter in seine Einzelteile zerlegt und anhand der körperlichen Aspekte klassifiziert werden: Die äußere Form besteht aus Objekten, die sowohl passiv als auch für die Bewegung konzipiert sind. Die Bewegung oder die kinetische Natur, die dann durch Antriebe und Motoren erzeugt wird, entsprechen den Muskeln des Roboters. Diese Muskeln sind mit einem Nervensystem aus Schaltkreisen miteinander verbunden, die durch „Gedanken“ angesteuert werden. Diese „Gedanken“ sind die Programmierung, die bestimmt, wie sich der Roboter verhält und wie Erinnerungen in dem Siliziumgehirn gespeichert werden.

So wie bei Tieren spiegelt die Form eines Roboters seine Funktion wider. Kreaturen sind die Manifestationen dessen, was sie tun mussten, um im Laufe der Zeit erfolgreich überleben zu können. Maschinen sind so geschaffen, dass sie ihren Zweck effizient ohne Ausfallrisiko erfüllen können. Der Zusammenbau einer erfolgreichen Maschine wird weiterhin existieren, wenn dieser wiederholt werden kann… das ist auch Evolution.

All diese Aspekte, die ich gerade genannt habe, sind wesentliche Elemente eines Roboters, aber was mich wirklich an ihnen interessiert, sind die Ähnlichkeiten, die ich hervorgehoben habe. Es ist viel spannender, die Frage zu stellen: Was sind die wesentlichen Elemente eines Menschen? Und diese dann mit einem Design eines Roboters zu beantworten. Die Tatsache, dass Menschen Identitäten annehmen und daraus Individualität formen, sind die wichtigsten Elemente des menschlichen Wesens. Wenn ich über Roboter und darüber, was ich schaffe, nachdenke, komme ich immer wieder auf diese Qualitäten als die wesentlichen Ausgangspunkte zurück.

Mehr zum Thema Kunst und Wissenschaft finden Sie auf der Website Art&Science sowie auf dem art&science@ESA Blog.

Sarah PetkusSarah Petkus ist eine kinetische Künstlerin und Roboteringenieurin aus Las Vegas, USA. Ihr Schwerpunkt liegt in der Entwicklung von mechanischen Systemen, die einen Hauch des Verhaltens von Lebewesen widerspiegelt. Derzeit arbeitet sie mit dem Ingenieur Mark Koch als KünstlerInnengruppe namens „Robot Army“ zusammen. Die Gruppe konzentriert sich auf die Schaffung von reaktiven kinetischen Skulpturen und Lichtinstallationen, die als mechanische Erweiterungen des menschlichen Körpers agieren. Sarahs Herangehensweise ist durch traditionelle Kunstformen wie Malerei oder Druckgrafik geprägt, und lebt ihr Interesse in diesen Bereichen aus, indem sie über sequenzielle Kunst schreibt und illustriert. Über ihre Rolle als selbst definierte „Hybrid-Künstlerin“ hinaus dokumentiert sie die Produktion und den Fortschritt ihrer Projekte als Videos und Kommentare auf ihrem Channel GravityRoad.

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