BigPoopData gewinnt den netidee Spezialpreis

Es ist ein durchaus kritischer Kommentar zur um sich greifenden Sammelwut digitaler Daten und ein Plädoyer für den Schutz unserer digitalen Privatsphäre: Mit ihrer zahlreich mit Sensoren ausgestatteten Toilette haben vier Schüler beim Prix Ars Electronica 2017 den netidee Spezialpreis gewonnen. Im Interview erklärt Ernst Langmantel, Leiter der netidee, was ihm an diesem Projekt so gefällt und stellt dabei auch die größte Internet-Förderaktion Österreichs näher vor.

Big Poop Data
Credit: Miller, Rameder, Wetzelhütter, Wolschlager

Es ist bereits das zweite Mal, dass neben dem Hauptpreis des Prix Ars Electronica, der Goldenen Nica, ein weiterer Preis an Jugendliche in Österreich vergeben wird. Der netidee Spezialpreis der Kategorie „u19 – CREATE YOUR WORLD“ würdigt Arbeiten, die sich auf innovative Weise mit dem Internet der Zukunft auseinandersetzen oder das Internet als Impulsgeber für regionale Entwicklungen nutzen.

2017 haben für ihr Projekt „BigPoopData“ Robert Miller, Nico Rameder, Daniel Wetzelhütter und Max Wolschlager 1.000 Euro erhalten. Die Toilette des Wiener Metalab – ein Hackerspace in Wien – ist Brennpunkt des Projekts. Hier wurde das „stille Örtchen“ still und heimlich mit zahlreichen Sensoren versehen und auf diese Weise Informationen rund um den Verbrauch von Klopapier und Wasser bis zur durchschnittlichen Verweildauer der ToilettenbenutzerInnen gesammelt. Diese Daten sind öffentlich zugänglich und man kann sich über bigpoopdata.com stets informieren, wie lange die Toilette durchschnittlich genutzt wird – und vor allem auch wann die  Kernfrequenzzeiten sind.

Ernst Langmantel ist Vorstandsvorsitzender der Internet Privatstiftung Austria, die hinter der netidee steht. Wir haben ihn gebeten, über das Projekt aber auch über die „große“ netidee zu erzählen – im Gegensatz zum Prix Ars Electronica 2017 sind hier noch Einreichungen bis zum 20. Juli 2017 über www.netidee.at möglich.

Big Poop Data Screenshot

Was gefällt Ihnen an dem Projekt „BigPoopData“ besonders und welche Aspekte  machen es zu einer auszeichnungswerten netidee?

Ernst Langmantel: Das Projekt demonstriert eine der ganz großen aktuellen Entwicklungslinien im Internet: Internet of Things (IoT), die Vernetzung von allem und jedem (Ding). Durch den für das Projekt gewählten Bereich der„menschlichen Basisbedürfnisse“ ist es auch sehr plakativ und leicht kommunizierbar, sogar ein wenig provokativ. Das ist perfekt, weil damit nicht nur aufgezeigt wird, wie sehr diese Thematik das tägliche Leben durchdringen könnte, sondern auch die notwendige Diskussion um Vor- und Nachteile, Chancen und Gefahren, stimuliert wird.

Mit ihrem Projekt sprechen die Schüler ihre Bedenken und Sorgen zum Erhalt der Privatsphäre im Internet der Dinge an. Wie sehen Sie die weiterschreitende digitale Vernetzung der Dinge im Alltag?

Ernst Langmantel: Durch Einsatz von IoT entstehen in vielen Bereichen enorme Möglichkeiten für bessere Effizienz und auch für innovative, gänzlich neue Produkte und Services. Gerade auch in Bereichen, an die man vielleicht im Zusammenhang mit der Digitalisierung nicht gleich gedacht hätte – wie die Landwirtschaft. So kann beispielsweise durch Einsatz vernetzter Feuchtigkeitssensoren auf den Feldern die Bewässerung automatisiert und entscheidend optimiert werden. Mit dem Ergebnis höherer Ernte, Verringerung der ausgebrachten Wassermenge und geringerer Arbeitsbelastung für den Landwirt – ein Gewinn für Mensch und Umwelt!

„Für den Privatbereich bin persönlich noch eher zurückhaltend. In der Regel landen ja die im privaten Umfeld erhobenen Daten auf „irgendwelchen“ Servern im Internet ohne jede NutzerInnenkontrolle darüber, was mit den Daten danach tatsächlich passiert, wer sie bekommt und wie sie ausgewertet werden. Das finde ich unbefriedigend, ich bin gespannt wie sich die neue EU-Datenschutz-Grundverordnung hier auswirken wird.“

Ich hoffe jedenfalls auf eine Entwicklung, wo private Daten – für den Nutzer transparent und nachprüfbar – nur ausnahmsweise ins Internet übertragen werden. Oder, soweit solche Datenübertragungen technisch erforderlich sind, vertrauenswürdige, effektive Kontrollmechanismen für die Betroffenen verfügbar werden. Lokale Datenhaltung und lokale Steuerungsintelligenz sind ja auch für die Verfügbarkeit der Dienste ein entscheidendes Asset. Verbindung mit dem Internet ist zwar mittlerweile sehr verbreitet, aber Überlastungen, Störungen und temporäre Komplettausfälle wird es immer wieder einmal geben und dann sollen, vereinfacht gesagt, im Smart Home ja auch nicht alle Lichter ausgehen bzw. nicht mehr einschaltbar sein.

Big Poop Data Screenshot

Mit insgesamt einer Million Euro ist die netidee der größte Fördertopf für innovative Projektideen und wissenschaftliche Abschlussarbeiten in Österreich. Worauf wird dieses Jahr ein besonderes Augenmerk bei der Vergabe der Gelder gelegt?

Ernst Langmantel: Wichtig ist uns, dass die netidee zwar keinen „imposanten“ Businessplan verlangt, aber eine ausreichende „Überlebenswahrscheinlichkeit“ der Projektergebnisse nach dessen Abschluss – mit Potential für wachsenden Impact – im Antrag jedenfalls glaubhaft gemacht werden sollte. Die Bewertungskriterien lassen sich auf unserer Website im Detail nachlesen. Drei zentrale Aspekte möchte ich hier gerne hervorheben:

Erstens: Wie gut trägt das Projekt zur Erreichung der netidee Mission bei? Also kurz gesagt, zur Weiterentwicklung des Internet in Österreich und der Unterstützung einer positiven gesellschaftlichen Entwicklung. Gesucht sind Projekte mit Wachstumspotential. Wachstum im Sinne möglichst selbstverstärkender Nutzungsverbreitung und Potential zur Weiterentwicklung, auch durch Dritte – alle geförderten Projektergebnisse stehen ja Open Source allgemein zur Verfügung!

Zweitens: Wie gut ist die Qualität des Antrags? Wichtiger Teilaspekt: der Innovationsgrad des Projektkonzeptes. Was ist das Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen, gegebenenfalls ähnlichen, öffentlich verfügbaren Lösungen.

Drittens: Wie hoch sind die Chancen einer Verwertung einzuschätzen? Wir wollen Impact erreichen, daher stellt sich immer wieder die Frage der Relevanz des Projektziels für die Öffentlichkeit und natürlich sollten die im Antrag beschriebenen Projektressourcen zum Anspruchsniveau des Projektes passen.

Screenshot netidee.at

Die Website der netidee.

Jedes Jahr werden auch Sonderpreise zusätzlich zu den Förderungen vergeben, dieses Jahr sind es gleich drei…

Ernst Langmantel: Ja, genau, für erfolgreiche Projektanträge sind dieses Jahr in drei Themenbereichen zusätzlich zur Projektförderung noch jeweils 3.000 Euro Sonderpreis möglich. Die drei Sonderpreise werden an das beste geförderte Projekt in den thematischen Sonderpreiskategorien „Blockchain“, „Closing the Gender Gap“ und „Privacy by Design“ vergeben.

Blockchain ist eine Technologie, die das Potenzial hat, ganze Branchen auf den Kopf zu stellen. Bekanntestes Beispiel ist die Digitalwährung Bitcoin und auch „smart contracts“ sind in aller Munde. Eine erste Klassifikation ist dabei jene in private und public blockchains. Während erstere proprietär sind und nur innerhalb einer Firma oder Firmengruppe genutzt werden, sind public blockchains ganz bewusst öffentlich im Internet für jeden sicht- und nutzbar.

Zum Thema „Closing the Gender Gap“: Das Internet wird von Frauen und Männern genutzt – doch wenn es ums Entwickeln, Mitgestalten und Programmieren geht, haben Burschen und Männer nach wie vor die Nase vorn. netidee sucht nach neuen und innovativen Ansätzen oder Tools, die Mädchen und Frauen jeden Alters für das Internet begeistern, ihren technischen ForscherInnengeist wecken, ihre IT-Skills fördern und zur digitalen Gleichberechtigung führen.

Und dann ist da noch „Privacy by Design“: Mit der EU-Datenschutzgrundverordnung, die im Mai 2018 in Kraft tritt, werden europaweit einheitliche Datenschutz-Standards gesetzt. Auf Unternehmen kommen große Herausforderungen zu, diese auch umzusetzen. Wo liegen die Stolpersteine in der Praxis? Wie kann Technologie dabei unterstützen? Was sind die besten Vorgangsweisen für bestehende Systeme und Anwendungen einerseits und für neue andererseits? Die netidee ist gespannt auf neue Ideen, praxisnahe Analysen, zielgruppengerechte Hilfestellungen und Entwicklungen dazu!

Alle ÖsterreicherInnen können also ab sofort zur netidee einreichen…

Ernst Langmantel: Genau! Der netidee Call 2017 für Projekte und Stipendien ist seit 18. Mai 2017 offen. Einreichungen sind online auf www.netidee.at noch bis 20. Juli 2017 möglich. Für Projekte gibt es bis zu 50.000 Euro. Abhängig vom Antrag können bis zu 100% der Projektkosten gefördert werden. Master- und Diplomarbeitsstipendien betragen bis zu 5.000 Euro, PhD und Doktoratsstipendien bis zu 10.000 Euro. Zentrale Förderauflage ist die Bereitstellung der geförderten Projektergebnisse für die Allgemeinheit (Open Source, Creative Commons).

Das Förderantragsformular ist im Vergleich mit anderen Förderaktionen sehr „knapp“ gehalten und der Aufwand  für eine Einreichung bleibt dadurch sehr überschaubar. Also jetzt unbedingt einen Blick machen auf www.netidee.at! Wir freuen uns auf viele Anträge mit spannenden Internet-Innovationen bzw. Studienarbeiten!

netidee

LangmantelDas Berufsleben begann für Ernst Langmantel nach AHS und einem Studium der Nachrichtentechnik an der TU Wien 1983 mit einem Software-Entwicklungsjob bei Siemens in Wien. Im Bereich Kommunikationstechnik stand das analoge deutsche Mobilfunknetz-C am Programm, wo noch Jubel ausbrach, als der Beschluss bekannt wurde, das System für damals sensationelle 100.000 Teilnehmer zu erweitern. In weiterer Folge wechselte Langmantel in den Bereich der privaten Kommunikationssysteme, wo er mit seinen Mobilfunknetzerfahrungen und einigen Patenten als Projektleiter maßgeblich an den mobilen Funk-Mehrzellen-Erweiterungen für die Telefonsysteme auf Basis des digitalen Schnurlos-Standards DECT beteiligt war. Mit Beginn der EU-weiten Deregulierung öffentlicher Telefonnetze 1998 wechselte Langmantel als Leiter der technischen Abteilung zur österreichischen Regulierungsbehörde für Telekommunikation, später auch für Rundfunk RTR. In dieser Funktion arbeitete er in einem spannenden interdisziplinären Umfeld aus Technik, Wirtschaft und Recht und war in dieser Zeit auch Hauptverantwortlicher für das österreichische Telefonnummernsystem. Die Suche nach neuen Herausforderungen führte 2011 in die Selbstständigkeit als Unternehmensberater im Bereich Kommunikationstechnik mit Projekten bis in den Nahen Osten. Seit Beginn 2013 ist er auch Vorstandsvorsitzender der Internet Privatstiftung Austria – Internet Privatstiftung Austria (IPA) und dort unter anderem für Abwicklung und Weiterentwicklung des netidee-Förderprogramms verantwortlich.

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