Frischer Wind: Markus Poschners erste Große Konzertnacht

Markus Poschner, der neue Chefdirigent des Bruckner Orchesters, wirbelt nicht nur das Brucknerhaus ordentlich auf, sondern bringt auch frischen Wind in die Große Konzertnacht am Ars Electronica Festival 2017. Am Sonntagabend, den 10. September 2017, wird man ihn zum ersten Mal in seiner neuen Funktion sehen und hören können. Im Interview verrät er mehr.

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Credit: Frank Thomas Koch

Das Konzert „Aufbruch“ bei der Großen Konzertnacht am Ars Electronica Festival 2017 bildet den Auftakt für Markus Poschners Zeit als neuer Chefdirigent des Linzer Bruckner Orchesters. Das Motto ist durchaus als Aufforderung zu verstehen – Poschner hat vor, das Brucknerhaus und die Große Konzertnacht am Festival gehörig durchzumischen. Am Festivalsonntag, den 10. September 2017, kann man ab 19:30 Uhr sein erstes Konzert als Chefdirigent des Bruckner Orchesters in der Gleishalle der POSTCITY Linz bestaunen.

Welche Chancen Markus Poschner in Linz und am Bruckner Orchester sieht, wie die Große Konzertnacht dieses Jahr aufgebaut ist und was sich unter seiner Leitung alles verändert, verrät er im Interview.

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Credit: Florian Voggeneder

Sie übernehmen im Herbst das Bruckner Orchester von Dennis Russell Davies. Worauf können Sie aufbauen und was werden Sie verändern?

Markus Poschner: Ich kann auf ein hochmotiviertes und großartig disponiertes Spitzenorchester aufbauen –  da muss ich mich bei meinem Vorgänger aufs herzlichste bedanken, dass er so eine tolle Arbeit gemacht hat. Ohne Dennis Russell Davies wäre das Orchester nicht da, wo es jetzt ist. Es ist für mich eine große Freude, daran anknüpfen zu können. Natürlich werden das Orchester und ich gemeinsam Fragen anders beantworten, als das in der Vergangenheit der Fall war. Wir werden sicherlich eine neue Richtung einschlagen, was viel mit meiner Biographie zu tun hat, aber das ist normal. Ich glaube, wir sind mittendrin, einen neuen Kurs zu finden, und ich freue mich sehr auf die Projekte, die unmittelbar vor uns liegen.

Welche Chancen sehen Sie hier in Linz?

Markus Poschner: Ich sehe hier in Linz eine so große kulturelle Vielfalt, spannende und neugierige Menschen mit außergewöhnlichen Ideen in den unterschiedlichsten Disziplinen. Das inspiriert mich ungemein. Ich freue mich auf viele neue Begegnungen. Dazu kommt dieses ungeheure musikalische Fundament, auf dem die ganze Region steht und damit meine ich nicht nur den Bruckner. Ich bin absolut sicher, hier lässt sich Tradition ganz neu denken und verstehen, vielleicht sogar auch ein wenig neu begründen. Wenn uns dies gelänge, wäre ich überglücklich.

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Credit: Florian Voggeneder

Sie bringen auf jeden Fall viel frischen Wind in das Bruckner Orchester. Wie werden Sie die Große Konzertnacht am Ars Electronica Festival 2017 durchwirbeln?

Markus Poschner: Ich glaube, akustisch kann man sie fast nicht besser aufwirbeln als auf die Art und Weise, wie wir das geplant haben. Wir haben großartige Künstler mit am Start – neben dem Bruckner Orchester kommen mit dem E-Gitarristen Nguyên Lê, dem Bassisten Harald Scharf, Hugo Siegmeth auf den Reeds und dem Schlagzeuger Bastian Jütte preisgekrönte Jazzmusiker, die sich mit Bruckner beschäftigen. Das ist schon etwas Unerhörtes, fast möchte ich sagen: etwas Verbotenes. Wir wollen zeigen, dass das aber sehr viel Sinn macht, vor allen Dingen auch deswegen, weil es sehr viel mit Bruckner selbst zu tun hat: Bruckner selbst war einer der begabtesten und berühmtesten Improvisatoren. Das war sein Metier. Über dieses Stilmittel der Improvisation werden wir ganz andere Brücken zu seinen Meisterwerken schlagen, als das in einem gewöhnlichen Konzertsaal der Fall wäre.

 

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Credit: Bremer Philharmoniker

Sie haben bei der Pressekonferenz zum Ars Electronica Festival gescherzt, dass Sie selbst nicht genau sagen können, was uns erwartet, gerade weil so viel Improvisation dabei ist. Warum haben Sie diese offene Form für die Große Konzertnacht gewählt?

Markus Poschner: Improvisation, vor allem im Jazz, bedeutet Freiheit. Improvisation kann zwanzig Minuten dauern oder auch nur zwei, das ist nicht so einfach festzulegen. Es entsteht sehr viel im Moment, man kann nicht planen, was man hört, welchen Weg man verfolgt, was man letztendlich kreiert. Ich kann allerdings einen Rahmen stecken, muss ich sogar, weil wir das Orchester mit dabei haben, dasja sehr wohl mit Noten spielt und mit der 8. Sinfonie von Bruckner agiert. Wie das auf die Jazzband trifft und vor allem wieder zurückschwappt, dieses Echo, dieses Ping-Pong-Spielen zwischen den beiden, das ist dem Moment überlassen. Man kann das bis zu einem gewissen Grad sogar gut vorbereiten, weil wir all diese Impulse schon jetzt kennen, aber zu viel möchte man nicht vorschreiben, weil es den Moment vielleicht kleiner macht, als er sein könnte.

Warum haben Sie die 8. Sinfonie als Kernstück der Großen Konzertnacht ausgewählt?

Markus Poschner: Zum einen ist die 8. Sinfonie ein Opus Magnum, sie ist eines der größten Werke, die es überhaupt im 19. Jahrhundert gab. Zum anderen ist ein Grund, dass es das erste Werk der ersten Klangwolke war! Mit der 8. Sinfonie ging hier alles los. Ich finde, es hat einen tollen Symbolcharakter, dass wir gerade auf dieses Werk zurückgreifen. Wir haben die Große Konzertnacht auch deshalb „Aufbruch“, Departure, genannt. Es ist eine Art Spatenstich.

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Credit: Florian Voggeneder

Sie wird auch ganz anders aufgebaut sein als in den Vorjahren…

Markus Poschner: Entscheidend für uns war die Idee, dass wir nicht mit einem klassischen Konzert oder einer klassischen Konzertsituation konkurrieren wollen. Das heißt, wir wollen kein stilles, unbewegliches, andächtiges Publikum, sondern wir wollen dem Publikum die Möglichkeit geben, sich zu bewegen. Man kann selbst hinter das Orchester kommen und andere Positionen des Raumes einnehmen. Das ist der Charakter dieses Raumes, der Gleishalle. Ich denke, das wird ein großes Erlebnis, diese Sinfonie auf verschiedene Arten zu hören und zu erfahren. Man erfährt damit auch etwas über sich selbst. Einmal neben acht Hörnern stehen, wenn sie anfangen,  im Adagio zu spielen, das ist sicherlich eine Erfahrung, die man im Konzerthaus so nie machen kann, weil man dort still sitzen muss. Zum anderen ist die Architektonik der POSTCITY für uns eine unglaubliche Inspiration, weil der Raum so viel kann. Er ist unauslotbar, beinah schon eine traumartige Situation. Vielleicht ist es manchmal sogar eine alptraumartige Situation, weil die Gleishallte diese Mächtigkeit hat, diese Tiefe und Dunkelheit und auch die Gefahr, die lauert. Es ist eine archaische Situation.

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Credit: Florian Voggeneder

Bringt das auch Herausforderungen im musikalischen Sinne?

Markus Poschner: Mit Sicherheit. Man muss den Raum akustisch bewältigen. Wir haben hier aber Hilfe und Unterstützung, weil wir verstärkt sind und zum Teil elektronisch arbeiten. Wir versuchen, diese Schwingungen, diesen Grundton oder den Grunddreiklang des Raumes zu erfahren und damit umzugehen. Wir müssen in relativ kurzer Zeit verstehen, was funktioniert und was nicht funktioniert. Der Reiz ist, hier all das machen zu dürfen, was im herkömmlichen Konzertsaal nicht geht oder irgendwie „verboten“ erscheint. Hier können wir Grenzen verschieben. So ein Raum akzeptiert von vorne herein keine Tabus, das wird einem sofort klar, wenn man da drin steht. Gleichzeitig entzieht er einem die Kontrolle. Gerade als Dirigent ist das eigentlich ein schrecklich unangenehmes Gefühl, Akustik zum Beispiel nicht kontrollieren zu können. Und doch wiederum ist dies doch eine fantastische Chance, Dinge zu Gehör zu bringen, Klang erleben zu dürfen, auch visuell, wie es sonst niemals möglich wäre. Auch das Publikum muss sich frei fühlen dürfen, jederzeit andere Perspektiven einnehmen zu können. Es soll sich sogar bewegen. Eine wunderbare Chance für uns alle.

Markus PoschnerMarkus Poschner ist ein deutscher Dirigent. Er studierte an der Hochschule für Musik und Theater München. Von 2000 bis 2006 war er Chefdirigent des Georgischen Kammerorchesters Ingolstadt. Anschließend arbeitete er in der Komischen Oper Berlin, bei den Bremer Philharmonikern und dem Theater Bremen. Er ist regelmäßiger Gast der Münchner Philharmoniker und der Dresdner Philharmonie und hatte bereits Gastauftritte beim Gürzenich-Orchester Köln, den Bamberger Symphonikern, der Staatskapelle Halle, beim Bruckner Orchester Linz, beim Berliner Konzerthausorchester und mehr. Er ist außerdem begeisterter Jazz-Pianist. Ab Herbst 2017 ist Poschner neuer Chefdirigent des Bruckner Orchester Linz.

Die Große Konzertnacht findet am 10. September 2017 um 19:30 Uhr in der Gleishalle der POSTCITY Linz statt. Neben dem Klassik-Programm finden auch Konzerte der digitalen Musik statt. Alle Informationen zum gesamten Programm der Großen Konzertnacht finden Sie auf unserer Webseite. Hier geht’s zum Katalogtext.

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