„Corpus Nil“: Eine Performance von Mensch und Künstlicher Intelligenz

In der Performance „Corpus Nil“ trifft Mensch auf Künstliche Intelligenz: Je nach Körperspannung und Muskelhaltung des Künstlers Marco Donnarumma verändert ein künstlich intelligenter Algorithmus Licht und Sound auf der Bühne. Bei der Großen Konzertnacht am Festivalsonntag, 10. September 2017, kann man das Spektakel live beobachten. Im Interview erklärt Marco Donnarumma die Hintergründe zur beeindruckenden Performance.

34294605222_e42ad2d7f8_k
Credit: Marco Donnarumma

Die Bühne ist verdunkelt. Ein Künstler steht teils nackt, teils schwarz bemalt in der Mitte. Biosensoren bedecken seinen Körper – sie messen verschiedene Daten, die an eine künstlich intelligente Software geschickt werden. Der Algorithmus reagiert in Echtzeit auf den Künstler, der sich wiederum in seinen Reaktionen an die Maschine anpasst.

Marco Donnarumma, der Künstler hinter der Performance, beschreibt mit „Corpus Nil“ eindrucksvoll eine hybride Identität und vernichtet vorgefertigte Ideen davon, was es bedeutet, entweder Mensch oder Maschine zu sein. Er nennt es eine „ekstatische Zelebration des Unbekannten“, die fast einer Geburt gleicht: Mensch und Maschine betreten zwar im übertragenen Sinne zusammen die Bühne, es entsteht jedoch ein neues, hybrides Wesen.

Was uns genau bei seiner Performance in der POSTCITY erwartet, was hinter dem Titel steckt und warum der Künstler überhaupt begann, mit Künstlicher Intelligenz zu arbeiten, erklärt uns Marco Donnarumma im Interview.

Deine Performance „Corpus Nil“ wurde für einen menschlichen Körper und eine künstlich intelligente Maschine geschaffen. Wie treffen die beiden in der Performance aufeinander?

Marco Donnarumma: Ich nenne es eine Choreographie, ein Dialog zwischen dem Körpers des Performers und der künstlich intelligenten Maschine. Aus technischer Sicht trage ich zwei verschiedene Biosensoren, die Geräusche und Daten von meinen Muskeln zur Software senden. Die Software merkt sich die einzigartige Art und Weise, wie ich meinen Körper bewege, indem sie Drehkraft, Spannungs- und Entspannungslevels meiner Muskeln misst. Basierend auf dieser Information erstellt die Software Geräusch- und Lichtmuster ihrer Wahl. Ich reagiere auf diese Geräusche und Lichter, indem ich eine neue Bewegung mache, auf die die Maschine dann schließlich wieder mit neuen Mustern reagiert. Es ist eine Feedbackschleife. Ausgehend von dieser Schleife oder Choreographie entsteht ein Fremdkörper vor den Augen des Publikums.

Es ist sehr wichtig, dass diese Schleife nicht kontrolliert werden kann. Ich kann nicht vorhersagen, was genau die Maschine machen wird, genauso wie die Maschine nicht vorhersagen kann, wie ich mich bewege. Es ist ein sehr unvorhersehbares Feedback, bei dem die Maschine und ich aufeinander hören, versuchen, den Moment zu maximieren, genau hier, genau jetzt. Natürlich hat das Stück eine lose Handlung, eine generelle Zeitstruktur mit einem Anfang, einem Klimax und einem Ende, aber die Maschine und ich improvisieren durchgehend, versuchen, zusammen bestimmte Schlüsselstellen zu erreichen. Es ist eine ephemere, körperliche Erfahrung von Computerrechnungskraft, eine Erfahrung, die sich von Aufführung zu Aufführung verändert.

34754737106_2aa8ad6cdc_k

Credit: Onuk-ZKM

Auf deiner Webseite sagst du, dass der menschliche Körper in der Performance von Algorithmen „besudelt“ wird – was meinst du damit?

Marco Donnarumma: Besudeln, oder verunreinigen, heißt, die Reinheit von etwas zu beschädigen, etwas Heiliges zu entweihen. Im Kern unserer Euro-Amerikanischen Kultur ist die Idee, dass der Körper eine pure, ganze Einheit ist, isoliert und unabhängig von jeglicher anderer Lebensform. Wir tendieren dazu, den Körper als ein fast heiliges Gefäß anzusehen, oder, wie es im Neoliberalismus ist, als den heiligen Hafen individueller Freiheit. In Wirklichkeit war der Körper schon immer einer großen Anzahl unterschiedlicher Kräfte und Mächte unterworfen: institutionelle Macht von Regierungen oder Gesetzen; disziplinäre Macht, erzwungen von kapitalistischer, wirtschaftlicher Produktion und Konsum; sowie auch personelle Macht, ausgeübt in intimen Beziehungen. Der Fortschritt von Künstlicher Intelligenz, den wir heute beobachten und der von einer Handvoll multinationaler Firmen angeführt wird, verstärkt diese Machtdynamiken nur noch mehr.

In „Corpus Nil“ wollte ich diese Annahme des Körpers als eine pure, ganze Einheit entweihen und ein angreifbares Erleben von Hybridität schaffen. Ein Hybrid ist Nachkomme von zwei verschiedenen Spezies. In „Corpus Nil“ schaffen mein Körper und der Algorithmus eine hybride Mensch-Maschine. Das algorithmische System kann die Funktionen meines Körpers auf  verschiedenen Levels stören – physisch, kognitiv und empirisch. Das ist keine Metapher. Durch Wiederholung und Rhythmus beeinflussen die pulsierenden Vibrationen, Geräusche und Lichtmuster, die von der künstlich intelligenten Software erschaffen werden, die Art und Weise, auf die ich und das Publikum meinen Körper auf der Bühne wahrnehmen, beziehungsweise wie ich performe. Es ist wie ein Trancezustand, den ich nur durch diese bestimmte Software erleben kann.

Die Maschine und der Körper beeinflussen sich gegenseitig, aber können sich nie ganz kontrollieren. Wer oder was kontrolliert letztlich die Performance?

Marco Donnarumma: Das ist eine interessante Frage. Lass sie mich mit einer anderen Frage beantworten: Ist „Kontrolle“ wirklich nötig für eine erfolgreiche Performance? Die Abwesenheit von Kontrolle, die Abwesenheit eines Körpers, der als menschlich definiert werden kann, und auch der Verlust von absichtlichem Bewusstsein sind die Elemente, die die Performance ausmachen. Das kann es natürlich auch sehr schwierig für das Publikum machen, zu rationalisieren, was es hört, sieht und während der Show erlebt. Wenn es ein Ziel in diesem Kunstwerk gibt – und generell in allen meinen Arbeiten -, dann ist es genau das: eine performative Erfahrung zu schaffen, die nicht sofort rationalisiert werden kann, sondern dich schnell und hart trifft und damit sehr lebendig in deiner Erinnerung bleibt. Erst danach entstehen eine rationale Interpretation und damit auch Gedanken und Ideen. Das ist es, was ich mit jeder Aufführung von „Corpus Nil“ versuche; eine Erfahrung, die einem Geburtsritual gleicht, eine ekstatische Zelebration des Unbekannten und Ungewöhnlichen. Ich möchte die Vorurteile und Stereotype, die wir alle gegenüber verschiedenen Körpern und Identitäten haben, aufreißen. Und ich möchte das Potential von Künstlicher Intelligenz, genau das zu tun, aufzeigen.

34294605132_41eac7c5d1_k

Credit: Marco Donnarumma

Wie und warum hast du „Corpus Nil“ als Titel für die Performance gewählt?

Marco Donnarumma: Ich habe eine Leidenschaft für Latein, das ich als Kind gelernt habe, also greife ich oft auf das lateinische Vokabular zurück, um Konzepte auszudrücken, die ich in keiner der modernen Sprachen, die ich spreche, wirklich ausformulieren kann. Das lateinische „Corpus“ ist ein faszinierendes Wort; seine erste Bedeutung ist „Körper“ in einer sehr breiten Auffassung. Es kann der Körper eines Objekts sein, aber auch von Literatur oder eines Lebewesens. Es bedeutet gleichzeitig „Fleisch“, „Person“, manchmal wurde es auch dazu verwendet, eine Leiche zu beschreiben. Also, du siehst, „corpus“ ist ein sehr reichhaltiger Begriff und es kann eine Menge von Konzepten vermittelt, Leben und Tod, das Materielle und das Immaterielle, Identität und Persönlichkeit.

Auf der anderen Seite ist „nil“, oder „nihil“, ein sehr genereller Begriff, der als Wurzel anderer, spezifischerer Wörter gebraucht wurde. Steht es alleine für sich bedeutet es „nichts“, „Nullität“. Im Grunde genommen ist es eine sehr einfache Verneinung. Ich erfand „Corpus Nil“ als Titel, um den Willen zu verneinen auszudrücken, alles zu löschen, was wir über den Körper kennen, sei er menschlich oder maschinell. In „Corpus Nil“ geht es auch darum, die Identität und die Wünsche des Körpers, wie wir ihn kennen, auszulöschen und eine neue Definition davon zu schaffen, eine Definition, die losgelöst ist von der Kultur, die wir erben, und den Vorurteilen, die wir kultivieren. Ein neues Verständnis, das den menschlichen Körper öffnet und ihn sein lässt für das, was er ist – ein Hybrid, eine gemischte Einheit das andere Menschen, andere Lebewesen, andere Technologien, andere Algorithmen einnimmt und sich von ihnen nährt.

Das Festivalthema dieses Jahr ist „Artificial Intelligence – Das Andere Ich“. Deine Performance arbeitet, wie gesagt, mit Künstlicher Intelligenz – wann hast du begonnen, mit künstlich intelligenten Maschinen zu arbeiten? Worin liegt die Faszination, sehr physische Elemente wie Tanz mit Sound, aber auch Maschinen zu verbinden?

Marco Donnarumma: Vor fünf Jahren, also 2012, wurde ich von der European Conference of Promoters of New Music beauftragt, ein neues Werk zu schaffen. Innerhalb von sechs Monaten schuf ich „Ominous“, eine solo Performance biophysikalischer Musik, die ich auch heute noch aufführe. Es war das erste Mal, dass ich ein maßgeschneidertes, künstliches neuronales Netzwerk verwendete. Im selben Jahr begann ich ein Doktorprogramm in Computing an der Goldsmiths University of London, wo ich Dr. Baptiste Caramiaux traf, einen brillanten Forscher und Computerwissenschaftler vom IRCAM Institut in Frankreich. Wir begannen, zusammenzuarbeiten und bald tauschten wir unser Wissen fast täglich aus. Meine Expertise im Bereich der Biomedizintechnik, Musikprogrammierung, Performance und Sound Art wurde gepaart mit seinem Wissen in den Bereichen Machine Learning, Ausdruck, Psychologie der Bewegung und Mensch-Computer-Interaktion Methoden. Wir wurden enge Freunde und verbrachten schließlich einige Jahre damit, wissenschaftliche Forschung über Mensch-Computer-Interaktionen durch biophysikalische Sensoren und Machine Learning zu publizieren. Schließlich, 2016, nachdem wir zwei Jahre daran gearbeitet hatten, stellten wir „Corpus Nil“ fertig, das mehrere Aspekte unserer Forschung in einem einzigen Kunstwerk verband.

In der Zwischenzeit war ich, nachdem ich meinen PhD im Oktober 2015 abgeschlossen hatte, nach Berlin gezogen und begann eine Fellowship an der Universität der Künste Berlin, zusammen mit dem Neurorobotics Forschungslabor. Dieses Labor spezialisiert sich darauf, humanoide KI-Roboter zu schaffen, die physische und kognitive Fähigkeiten haben, die, auf einem sehr einfachen Level, denen von Menschen und anderen Tieren ähneln. Momentan vertiefe ich mein Wissen über Künstliche Intelligenz, im Speziellen das über adaptive neuronale Netzwerke im Bezug auf Robotik und Prothesen. Das ist auch Teil meines neuen Projekts – zusammen mit Ana Rajcevic Studio, dem Neororobotics Labor und Prof. Alberto de Campo erstellen wir KI prothetische Roboter, seltsame, menschenähnliche Maschinen, die automatisch lernen, wie man alte Rituale der Purifikation durchführt. Das erste Ergebnis dieses Projekts ist Amygdala, eine KI-Prothese, die ein Ritual des Hautschneidens am eigenen „Körper“ lernt. Diese Installation wird in den nächsten Monaten fertig werden und in Europa auf Tour gehen. Mein Ziel für das nächste Jahr ist es, eine Serie von KI-Prothesen zu schaffen, die mit mehreren menschlichen Körpern performen. Wir arbeiten mit unseren KI-Prothesen daran, dass sie Ausdrücke in Geräuschen und auch biologischen Daten verstehen und darauf reagieren können.

Ich möchte herausfinden, bis zu welchem Grad der menschliche Körper mit künstlich intelligenten Maschinen hybridisiert werden kann, und umgekehrt, welches die Grenze von künstlich intelligenten Maschinen ist, den menschlichen Körper zu inkorporieren. Noch wichtiger ist mir die Frage: Was sind die politischen und kulturellen Konsequenzen davon, diese Art von Hybriden zu schaffen und zu leben?

Marco DonnarummaMarco Donnarumma (DE/IT), 1984 in Neapel geboren, ist ein in Berlin basierter Künstler und Wissenschaftler. Donnarumma enthüllt die chimärische Natur der Körpers mit neuer und verstörender Intensität, indem er mit Biotechnologie, biophysikalischen Sensoren, Künstlicher Intelligenz und Neurorobotik arbeitet. Seine Kunstwerke sind zugleich intim und kraftvoll, traumartig und kompromisslos, sinnlich und konfrontierend. Er ist für seinen Fokus auf Sound bekannt, dessen Physikalität und Tiefe er ausnutzt, um Erlebnisse von Instabilität, Bewunderung, Schock und Fesselung zu schaffen. (Foto Credit: Ugo Dalla Porta, New York City, US)

Die Performance „Corpus Nil“ wird am Festivalsonntag, 10. September 2017, bei der Großen Konzertnacht um 22:10 Uhr in der POSTCITY Linz zu sehen sein. Weitere Details zur Großen Konzertnacht finden Sie hier. Den Folder zum Event können Sie hier downloaden. 

Um mehr über das Ars Electronica Festival zu erfahren, folgen Sie uns auf FacebookTwitterInstagram und Co., abonnieren Sie unseren Newsletter und informieren Sie sich auf https://www.aec.at/ai/.

Join the discussion

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.