Feminismus und der Klimawandel: UCLA am Ars Electronica Festival 2017

Seit 2002 lädt Ars Electronica, gemeinsam mit der Kunstuniversität Linz, herausragende internationale Universitäten dazu ein, eine eigene Ausstellung am Ars Electronica Festival zu präsentieren. Dieses Jahr ist es die University of Califorinia, Los Angeles (UCLA) – Professorin Victoria Vesna erklärt im Interview, was uns bei der UCLA Campus Ausstellung „FEMINIST CLIMATE CHANGE: Beyond the Binary“ erwartet.

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Credit: The School of Creative Media 2012

Die University of California, Los Angeles (UCLA), geht in der Campus Ausstellung am Ars Electronica Festival 2017 „beyond the binary“: KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen, Studierende und AbsolventInnen der Universität zeigen in unterschiedlichsten Projekten, was es bedeutet, starres Schwarz-Weiß-Denken, binäre Geschlechterkategorien und umweltschädliches Denken hinter sich zu lassen. Die Ausstellung „FEMINIST CLIMATE CHANGE: Beyond the Binary“ macht Öko-Feminismus zum Thema und zeigt Verbindungen zwischen zwei Themen, die in der breiten Öffentlichkeit vielleicht nicht immer gemeinsam gedacht werden.

Warum der Klimawandel auch ein feministisches Problem ist, was es bedeutet, das Binäre zu verlassen und sich einem fluideren Denken zuzuwenden, und wie Öko-Feminismus seinen Platz am diesjährigen Ars Electronica Festival findet, erklärt Victoria Vesna, Künstlerin und Professorin am Department of Design Media Arts an der UCLA.

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Believe Campaign von Tomorrow Girls’ Troop. Credit: Tomorrow Girls’ Troop 

Der Titel der Campus Exhibition der UCLA beim Ars Electronica Festival 2017 ist „Feminist Climate Change: Beyond the Binary“. Sie behaupten, dass der Klimawandel auch ein grundsätzlich feministisches Problem ist – warum?

Victoria Vesna: In Wirklichkeit ist das keine neue Behauptung. Durch mein Interesse an natürlichen Systemen und meine Arbeit am Art Sci center, an dem ich Umweltforschung und Kunst unterstütze, entwickelte ich diesen Gedanken. Als ich mit Xin Xin und der feministischen Gruppe voidLab an dieser Ausstellung zu arbeiten begann, fingen wir an, das Thema tiefer zu erforschen. Ich war überrascht, als ich herausfand, dass die öko-feministische Bewegung so extensiv und aktiv ist, aber gleichzeitig so unsichtbar.

Anthropozentrisches, also Menschen-zentriertes Denken sitzt tief in der westlichen Weltanschauung und ist stark in einem problematischen Dualismus verwurzelt. Wenn man zum Beispiel die englische Sprache untersucht wird es sehr schnell offensichtlich, dass Frauen, Tiere und die Natur oft abgewertet werden. Damit wird, auch unterbewusst, die dominante, binäre Narrative verstärkt. Die beiden Gegensätze Kultur versus Natur und Geist versus Körper sind historisch gesehen nicht geschlechtsneutral. Die Ausbeutung von Frauen, Tieren und der Umwelt können als sich gegenseitig unterstützende Systeme und Praktiken gesehen werden. Diese ungerechtfertigte Domination ignoriert die Vernetzung zwischen kultureller und ökologischer Diversität. Sehen Sie sich ein beliebiges politisches System an und Sie werden nur wenige Frauen unter den ansonsten männlichen Entscheidungsträgern finden. Genau wie im Computerwesen ist der simple Ein- und Ausschalter die Basis von unglaublich komplexen Systemen, die auftreten: Diese Widersprüche und Gegensätze werde immer feiner und versteckter.

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The Antmaster von Gil Kuno. Credit: Gil Kuno 

Es wird sogar noch komplizierter, wenn man die Diversität von Geschlechtsidentität berücksichtigt. Kindern werden allzu einfache Erklärungen über Sex und Geschlecht durch XX und XY beigebracht. Biologie und natürliche Systeme werden genauso reduktionistisch gelehrt, also enden wir automatisch mit der dominanten Narrative, die jegliche Diskussion von Sexualität über der Norm von männlich/weiblich ausschließt und Natur von Kultur trennt. Damit zusammenhängend ist die Ansicht, dass Menschen besser als nicht-menschliche Tiere und andere Lebewesen sind. Durch diesen Gedankengang wird Feminismus nur auf Frauen reduziert. Diese Idee, dass Feminismus den Frauen gehört, muss sich ändern. Im Feminismus geht es darum, von den simplifizierten binären Gegensätzen abzuweichen und sich mehr Inklusivität, Diversität und einer Balance von weltweiten System, die momentan von unseren männlichen Gegenstücken dominiert werden, zuzuwenden.

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Carboniferous von Pinar Yoldas. Credit: Pinar Yoldas

Was bedeutet es für Sie, „beyond the binary“, also über das Binäre hinaus zu gehen – generell und besonders auch im Kontext von Kunst und Wissenschaft?

Victoria Vesna: Im Computerwesen, die die treibende Kraft in unserer „globalen“ Welt ist, ist Binärcode die grundlegende, mathematische Struktur, die grundsätzlich auf ja-nein, aus-ein, und oder nicht basiert. Diese Einstellung ist das Resultat einer Art von Philosophie, die soziale Systeme mit simplifizierten Interpretationen von wahr und falsch, männlich und weiblich aufbaut. Es ist zwar erstaunlich, wie dieser Ein- und Ausschalter in solcher Komplexität resultieren kann, aber dennoch ist dieses Modell nicht nachhaltig, wenn man es auf Menschen, Kultur und miteinander verbundenen natürlichen und kosmischen Kräften anwendet.

Diese Herangehensweise verankert unbewusste Vorurteile gegenüber dem Nicht-Binären. Das ist offensichtlich sichtbar in sozialen Einstellungen, die ignorieren, was wir von der modernen Genforschung über die komplexen Prozesse der Geschlechtsbestimmung lernen. Die wissenschaftliche Revolution trug maßgeblich zur Trennung der Kultur von der Natur bei, indem sie automatisch die Natur als mechanistisch interpretierte. Das macht es leicht, die Ausbeutung unseres Planeten Erde zu rechtfertigen.

Die Trennung von Kunst und Wissenschaft ist ein Produkt des Industriezeitalters mit ihren Spezialisierungen. Mit der Ankunft vom Computerwesen entstanden neue Wissenschaften und die alten Methodologien, die sich auf binäres Denken stützen, erreichen ihre Grenzen. In der Kunst ist die Zeit des abgesonderten Künstlers oder der abgesonderten Künstlerin längst vergangen, der Mythos bleibt jedoch.

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Cyborg Portraits von Noa Kaplan. Credit: Noa Kaplan 

Warum wählten Sie dieses Thema aus, um es am Ars Electronica Festival 2017 zu präsentieren?

Victoria Vesna: Es ist kein Geheimnis, dass einige Aktivistinnen, die in der Medienkunst arbeiten, zu Recht darauf hingewiesen haben, dass auch Ars Electronica zu wenige Frauen aus Kunst und Technologie vor den Vorhang holt und damit nicht genügend wertschätzt. Das ist allerdings ein systemisches Problem, mit dem Frauen in der traditionellen Kunstwelt, den Wissenschaften, der Technik, in der akademischen Welt und in jedem Lebensbereich konfrontiert sind. Oftmals ist das so tief in einem System verwurzelt, dass es nicht einmal als Problem erkannt wird.

In den letzten drei Jahren habe ich mich besonders mit dem Festival beschäftigt und mir fiel auf, dass das Organisationsteam das Problem erkennt und proaktiv daran arbeitet, weibliche Inklusion und, noch wichtiger, Gleichberechtigung zu schaffen. Als ich von Christa Sommerer gefragt wurde, die diesjährige Campus Exhibition zu organisieren, beschloss ich, die Gelegenheit zu nutzen und das Thema in den Vordergrund zu rücken. Dafür rekrutierte ich Xin Xin, eine Absolventin des Departments für Design Media Arts und Mitbegründerin des voidLabs. Es war mir wichtig, direkt mit jemandem zu arbeiten, der die neue Generation von feministischen Medienkünstlern und Medienkünstlerinnen repräsentiert und sicherzustellen, dass ihre Stimmen auch gehört werden. Schnell nahm ich die Rolle einer Mentorin und Betreuerin an und wir lernten beide sehr viel in diesem Prozess. Genau die Probleme, die wir beleuchten wollten, traten in einigen Situationen auf und bestärkten uns darin, weiterzumachen. Ich bin froh, sagen zu können, dass wir positiv davon überrascht waren, welch starke und unerschütterliche Unterstützung wir vom Leiter und den Angestellten der Ars Electronica wir bekamen.

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Prologue von Xin Xin. Credit: Xin Xin

Am Festival wird die UCLA Arbeiten von Studierenden, aber auch AbsolventInnen präsentieren. Welche Highlights erwarten die BesucherInnen in der Ausstellung?

Victoria Vesna: Unser Ziel ist es, hervorzuheben, dass Feminismus mit unserer Auffassung von und Beziehung zum Planeten Erde zusammenhängt und dass Diversität der Schlüssel zu einer positiven Veränderung ist. Um das zu erreichen, wird das Publikum mit verschiedenen Sichtweisen konfrontiert – wir präsentieren 23 Künstler und Künstlerinnen, die Absolventen und Absolventinnen des Departments für Design Media Arts, des Art Sci centers oder auch Mitgleider von voidLab sind. Um nur ein paar zu nennen – Anne Niemetz und Xin Xin widmen sich dem Thema der Überwachung, Mary Maggic und Byron Rich präsentieren Molecular Queering, Scott Hessels teilt seine Dokumentation über extreme Umwelten und A.M. Darke und Lauren McCarthy befassen sich mit der Identitätsformung durch Technologie.

Außer Absolventen und Absolventinnen zu zeigen, die jetzt aktive Künstler, Künstlerinnen, Lehrer und Lehrerinnen sind, war es uns auch sehr wichtig, weibliche Wissenschaftlerinnen zu zeigen, die mit Künstlern und Künstlerinnen zusammenarbeiten. Probleme rund um das Thema Gender und Geschlecht sind in der Wissenschaft sehr viel tiefergehend und problematischer als jene, mit denen die Kunstwelt konfrontiert ist. Wir wollen die mutigen, jungen Wissenschaftlerinnen ehren, die mit Umweltproblematiken arbeiten. Die Ausstellung zeigt daher auch Absolventinnen des Art Sci center: Christina Agapakis, die einen Postdoc in Molekular-, Zell- und Entwicklungsbiologie an der UCLA machte und jetzt bei einer Biotech-Firma arbeitet, Olivia Osborne, Postoc am UC Center of Environmental Implications of Nanotechnology, und Rita Blaik, eine PhD-Absolventin der Materialforschung und mittlerweile die Bildungskoordinatorin an der UCLA CNSI.

Wir werden am Festival außerdem einen Leseraum zur Verfügung stellen, wo das Publikum die Möglichkeit bekommt, mehr über Öko-Feminismus zu lernen. Auch, wenn die Besucher und Besucherinnen sich die Bücher und Ressourcen nur kurz ansehen, die wir zusammengetragen haben – es werden sicherlich viele davon überrascht sein, wie weitläufig diese Bewegung ist.

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Shadow Glass von voidLab: Jen Agosta, Sanglim Han, Xin Xin. Credit: Sanglim Han

Wie reflektieren die präsentierten Arbeiten das Thema „Feminist Climate Change“?

Victoria Vesna: Wir wollen inklusiv sein und eine Diversität an Narrativen und Stimmen mit unterschiedlichen kulturellen Perspektiven zeigen. Das Ziel ist es, von einer monistischen und simplifizierten Idee von Feminismus und Umweltaktivismus abzuweichen und die unsichtbaren, binären Kräfte aufzudecken, die unseren Diskurs formen. Außerdem hoffen wir, Empathie als notwendige emotionale Intelligenz zu fördern, die dazu beiträgt, ethisches Entscheiden und Verhalten zu stärken. Es nicht zu schaffen, sich um andere zu kümmern, inklusive nicht-menschliche Tiere und die Natur, führt zu sozialer Ungerechtigkeit, die noch sichtbarer als jemals zuvor ist.

Victoria VesnaVictoria Vesna (US), Ph.D., ist Künstlerin und Professorin am Department of Design|Media Arts an der UCLA sowie Leiterin des Art|Sci Center an der School of the Arts sowie des California NanoSystems Institute (CNSI). Sie promovierte 2000 an der University of Wales. In ihren Installationen untersucht sie, wie Kommunikationstechnologien das Kollektivverhalten beeinflussen und ob sich die Identitätsauffassung in Zusammenhang mit wissenschaftlichem Fortschritt verändert. Sie unterhielt im Rahmen ihrer Projekte langfristige Kooperationen mit Komponisten, Nanowissenschaftlern, Neurowissenschaftlern, Evolutionsbiologen und vermittelt die dabei gewonnenen Erfahrungen ihren Studenten. Vesna ist Herausgeberin der Zeitschrift AI & Society und publizierte die Sammelbände Database Aesthetics: Art in the Age of Information Overflow (2007) sowie Context Providers: Conditions of Meaning in Media Arts (2011).

Mehr über das Art Sci Center und die Arbeit von Victoria Vesna finden Sie auch in diesem vorhergehenden Interview am Ars Electronica Blog.

Die Ausstellung „FEMINIST CLIMATE CHANGE: Beyond the Binary“ wird am Mittwoch, 6. September 2017, um 20:00 in der Kunstuniversität Linz eröffnet. Sie kann täglich beim Ars Electronica Festival, von 7. Bis 11. September 2017, zu den Öffnungszeiten besucht werden. Hier finden Sie alle weiteren Informationen zur Ausstellung. Auf der Webseite von Feminist Climate Change finden Sie noch zusätzliche Informationen. 

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