Digital Design Weekend: Die Sehnsucht nach neuen Welten

Eine Reihe von jungen KünstlerInnen aus Österreich bekam bereits zum zweiten Mal die Gelegenheit, beim Digital Design Weekend 2017 im Victoria and Albert Museum London ihre Werke zu präsentieren.

V&A
Credit: Harvey Shepherdson-Beck, Instagram: @harvsphotography

Junge Kunstschaffende aus Österreich waren auch heuer wieder beim Digital Design Weekend vertreten, das von 22. bis 24. September 2017 in London stattfand. Irini Papadimitriou, Kuratorin des Digital Programmes am Victoria and Albert Museum, hat Ars Electronica Export eingeladen, herausragende junge Künstlerinnen und Künstler zum Thema „Bridging Open Borders“ in London zu präsentieren. Möglich gemacht wurden die Präsentationen vom Österreichischen Kulturforum London (ACF) und unterstützt wurde das Gesamtprojekt von der Österreichischen Botschaft London, der AVL Cultural Foundation (AT) und NIO Nextev Limited (UK).

Am Freitag, 22. September 2017, starteten wir in das geschäftige Wochenende mit der Buchpräsentation “Bridging Open Borders”. Wir sind wieder besonders stolz und dankbar, dass Irini Papadimitriou die Präsentation des Katalogs nicht im V&A unter den Massen an Ausstellungsbeiträgen und Informationen situierte, sondern dass die Publikation im kleinen jedoch sehr interessierten Kreis an KünstlerInnen, Kulturschaffenden und kreativen Technologen gefeiert wurde.

Nachdem am ACF London die Direktorin des Kulturforums Frau Katalin Tünde Huber den Abend eröffnete, stellte Irini Papadimitriou erstmals den Katalog zum Digital Design Wochenende vor.

Irini Papadimitriou

Irini Papadimitriou, Kuratorin des Digital Design Weekend. Credit: Harvey Shepherdson-Beck

Eingeläutet wurde der Abend mit dem Film „Our Friends Electric“ von Superflux. Anab Jain, die CoFounderin und Leiterin des Designcollectives Superflux ist auch Professorin für Industrial Design an der Universität für angewandte Kunst, Wien. Der Kurzfilm zeigt mit viel Humor, wie drei unterschiedliche künstlich intelligente Devices, die uns hören und uns zu verstehen versuchen, auf unser Leben Einfluss nehmen könnten.

Leo Peschta hingegen ist ein Künstler, der Maschinen in seiner Purheit liebt. Er zeigt gerne seine Apparaturen mit all ihrem Innenleben und verzichtet bewusst auf dekorative Hüllen. In der Bibliothek des ACF präsentierte Leo Peschta nicht nur die Installation „17:40 – 18:40“ (eine kinetische, robotische Skulptur, die von der Decke hängt und in ständiger Bewegung den Weg des Künstlers durch die Stadt Wien im aufgenommenen Zeitraum von 17:40 bis 18:40 im Minutentakt simuliert), sondern performte auch mit seinen Schlagwerkrobotern „BM MKIII“.

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Credit: Leo Peschta / Galerie Lisi Hämmerle

Es handelte sich dabei um kleine Schlagwerksmaschinen, die mit ihrem Untergrund und dem damit verbundenen Resonanzraum spielen. Die Soundperformance ist somit immer eine Art Lokalimprovisation – das Resultat hört sich dementsprechend immer wieder anders an.

Leo Peschta

Leo Peschta spielt „BM MKIII“. Credit: Harvey Shepherdson-Beck

Im V&A wiederum zeigte Peschta seinen elektromechanischen Schmuck: wunderschöne Halsketten, die mittels kleiner Motoren eine Bewegtheit der schmucken Elemente hervorruft und somit eine ständige Reflexion der Oberfläche provozieren.

Peschta

Credit: Harvey Shepherdson-Beck

Ein Haarreifen, der die Haare im wahrsten Sinne des Wortes zu Berge stehen lässt. Mehrere Hingucker allemal, die selbst den österreichischen Botschafter Dr. Martin Eichtinger mit seiner Frau ins Staunen versetzte.

Peschta

Credit: Harvey Shepherdson-Beck

Eine weitere Performance fand im ACF von Davide Bevilacqua statt. “Ursuppe” ist der Titel des modularen Synthesizers, der organische und anorganische Materialen in einem Stromkreislauf miteinander verbindet. Jedes einzelne Modul fungiert hier als ein Klanggenerator des Systems und der Künstler Bevilacqua modifiziert das Setting gekonnt. Er generiert live Klangwelten, die ausschließlich auf die elektrische Vernetzung der einzelnen Elemente basieren.

Ursuppe

Credit: Harvey Shepherdson-Beck

Zusätzlich zur „Ursuppe“-Performance während des Digital Design Weekends präsentierte Bevilacqua gemeinsam mit Veronika Krenn den „Tischrechner“.

Tischrechner

Credit: Harvey Shepherdson-Beck

Es handelte sich dabei um zwei alte Rechenmaschinen, die miteinander verbunden sind und sich gegenseitig Informationen übermitteln. Eine Art persiflierter Zugang zum viel diskutierten Thema der künstlichen Intelligenz, bei der sich scheinbar Karl Marx und Max Weber treffen und sich gegenseitig Statements zum Thema Ökonomie zusenden.

Tischrechner

Credit: Harvey Shepherdson-Beck

Ein weiteres Projekt von Veronika Krenn, das sie in Zusammenarbeit mit Vesela Mihaylova erarbeitete, nennt sich „Data Slicers“. Beim Digital Design Weekend präsentierten die beiden Künstlerinnen nicht nur ihre unterschiedlichen Schneidegeräte, die auf Datensammlungen und Statistiken basieren.

Data Slicers

Credit: Harvey Shepherdson-Beck

Prazlab, so wie sich die beiden Künstlerinnen als Kollektiv nennen, sieht vor allem seine Aufgabe im Hinterfragen von Daten, dem Visualisieren als auch vor allem dem Spürbar machen von digitaler Information.

prazlab

Credit: prazlab

In einer Performance im ACF gaben die Künstlerinnen eine Kostprobe davon und servierten Chips, die mit der Immigrationsstatistik von Großbritannien in Verbindung stehen: Jene Länder, aus denen vermehrt Zuwanderung in das englische Königsreich verzeichnet wurde, wurden mit einem speziellen Gewürz in Verbindung gesetzt und das Publikum musste erraten, welche Tüte Chips ein Hinweis war auf welche Einwanderungsflut in jenem Jahr ist, welches auf der Chipstüte vermerkt war.

Prazlab

Credit: Harvey Shepherdson-Beck

Ein Ratespiel begleitet mit einem kritischen Augenzwinkern – und das den Abend auflockerte. Befinden wir uns doch in einer Zeit von Brexit-Verhandlungen, dem „Inseldenken“ allgemein und mehr und mehr verschlossenen Grenzen.

Irene Posch, eine junge Künstlerin und Forscherin, die ihren PhD zur Zeit an der technischen Universität Wien erarbeitet, beschäftigt sich seit längerer Zeit mit Praktiken aus der textilen Verarbeitung und kombiniert diese gekonnt mit elektrotechnischen Systemen. Stecknadeln, die leitende Materialien verbinden,  Häkelnadeln, die Strom messen und bestickte magnetische Accessoires, die aufgrund von Induktionsphänomenen zum Bewegen gebracht werden. Irene Posch, die gemeinsam mit ihrer Studiokollegin Ebru Kurbak am Forschungsprojekt „Stitching Worlds“ kollaboriert, zeigte im V&A nicht nur deren selbsterarbeiteten Werkzeuge, sondern bereits erste elektromagnetische Prototypen.

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Credit: Harvey Shepherdson-Beck

In einem Workshop am Sonntag im Österreichischen Kulturforum konnten außerdem interessierte BesucherInnen an Werkzeugen Hand anlegen sowie Ideen für Kleidungsstücke kreieren, die über Batterien oder diverse andere elektrische Impulse ihre Kleidungsstücke zum Leuchten, Bewegen, also zum Verändern bringen konnten.

„Die Sehnsucht nach neuen Welten kennt keine Grenzen“ ist also unsere Antwort auf des Digital Design Weekend in London und geht zurück auf Nicolas Camille Flammarion, eine herausragende Person zwischen den Naturwissenschaften und Science Fiction dessen wissenschaftliche Schriften und fantastischen Erzählungen nicht nur auf die Surrealisten in Paris Einfluss hatten. Die Sehnsucht nach neuen Welten ist nicht nur die treibende Kraft des Wanderers in „Flammarion‘s Holzstich“, sondern auch die treibende Kraft jener KünstlerInnen, die seitens der Ars Electronica Linz beim Digital Design Weekend in London und dem Österreichischen Kulturforum präsentiert wurden.

Hinweis: Sarah Kriesche berichtete für Radio Ö1 vom Digital Design Weekend in London. Mehr dazu auf oe1.orf.at.

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