Der Popcorn-Effekt: Was Erfolg mit einem Maiskorn zu tun hat

Wie entsteht Erfolg? Warum werden manche Menschen erfolgreich, andere nicht? Und – gibt es ein Erfolgsrezept? Die Journalistin und Moderatorin Claudia Reiterer geht in ihrem Buch „Der Popcorn-Effekt: Vom Traum zum Erfolg“ genau diesen Fragen nach. Zum Auftakttreffen des UGL Frauennetzwerks gab sie eine Lesung im Ars Electronica Center – und traf sich mit uns zum Interview.

20171114_194542
Credit: Johanna Firmberger

Achtundzwanzig erfolgreiche Menschen, aus den unterschiedlichsten Disziplinen, vom Skifahrer Marcel Hirscher über die Bergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner bis zum Starkoch Alfons Schuhbeck: Sie alle wurden von Claudia Reiterer für ihr Buch „Der Popcorn-Effekt: Vom Traum zum Erfolg“ interviewt. Die berühmte Journalistin und Moderatorin versuchte herauszufinden, was diese Menschen antreibt. Warum sind sie so erfolgreich? Welche äußeren Einflüsse spielten eine Rolle, welche Voraussetzungen braucht Erfolg?

Das Ergebnis: die Theorie vom Popcorn-Effekt. Wie bei einem Maiskorn sind Stärke, Energie und Druck ausschlaggebend für den Erfolg; welches Korn aber letztendlich zum Popcorn wird, hängt von vielen Faktoren ab.

Zur Auftaktveranstaltung des neuen UGL Frauennetzwerks in Linz im Ars Electronica Center las Claudia Reiterer aus ihrem Buch vor und erzählte, was sie in der Recherche für ihr Buch über Erfolg lernen konnte. Neugierig geworden? Im Interview verrät die Journalistin mehr.

20171114_190257

Credit: Johanna Firmberger

Können Sie uns von Ihrem Werdegang erzählen?

Claudia Reiterer: Nach der Hauptschule wollte ich unbedingt ins Gymnasium. Meine Pflegeeltern erlaubten das nicht, sie sagten, ich solle „etwas Anständiges“ lernen. Ich wollte Journalistin werden, das sahen sie nicht als anständig genug. Also machte ich die Krankenschwesternschule in Graz. Danach arbeitete ich fünf Jahre lang auf der Herzchirurgie. In der Zeit machte ich aber auch die Studienberechtigung und studierte schließlich Pädagogik, Psychologie und Sozialmedizin in einer Fächerkombination.

Während der Studienzeit machte ich Jobs, wo ich zum Beispiel für ein Schuhgeschäft Leute animierte, an einem Gewinnrad zu drehen. Dort wurde ich von Peter Rapp entdeckt, der mich in die Unterhaltung bringen wollte. Genau das habe ich in Wien versucht, habe bei ihm wahnsinnig viel gelernt, aber schließlich gemerkt: Die Unterhaltungsindustrie, das ist nichts für mich. Es gab zu der Zeit ein Casting für das erste Privatradio in der Steiermark, die Antenne Steiermark. Privatradio war damals, 1995, eine totale Ausnahme, es gab nur das Radio Melodie in Salzburg und eben die Antenne Steiermark. Beim Casting wurde ich sofort genommen. Ich arbeitete zweieinhalb Jahre dort, machte in der Zeit auch schon ein bisschen Privatfernsehen beim Grazer Stadtfernsehen, wurde von dem Landesstudio Steiermark ORF abgeworben und schließlich für ZIB engagiert, als die Bergwerkskatastrophe in Lassing passierte. Ich arbeitete für ZIB 1, den Report, das Hohe Haus, zehn Jahre lang bei „konkret“, dazwischen habe ich auch getanzt – und jetzt bin ich seit Januar bei Im Zentrum. In der Zeit habe ich außerdem auch zwei Bücher geschrieben.

Ihr aktuelles Buch heißt „Der Popcorn-Effekt“ – was genau ist dieser Popcorn Effekt?

Claudia Reiterer: Man sagt doch: „Wenn’s läuft, dann läuft’s“. Wenn einmal dieser Knoten aufgeht, dann hat man das Gefühl, es funktioniert. Wann ist dieser Durchbruch in der Karriere da? Dafür wollte ich ein Bild finden. Für mich ist das wie beim Popcorn: Mais besteht aus Stärke, es geht um Energie, es geht um Druck und irgendwann explodiert es. Ich wollte wissen: Warum explodiert nicht jedes Maiskorn? Da zählen viele Faktoren dazu: Wo wächst das Maiskorn? Welche Erde hat es? Kommt Sonne hin, kommt sie nicht hin? Manchmal gibt es auf einem Feld genau eine Maispflanze, die besonders schön ist. Warum ist das so? Nicht nur die Genetik, sondern in erster Linie die Umwelt spielen eine Rolle. Genau damit habe ich mich schon immer beschäftigt. Als Kind musste ich mich oft ärgern, weil ich als Pflegekind wirklich zum Großteil als Kind zweiter Klasse behandelt wurde. Dieses Gerechtigkeitsthema interessierte mich also schon immer. Ab wann explodiert also das Können? Ab wann funktioniert es?

20171114_192923

Credit: Johanna Firmberger

Sie haben für Ihr Buch verschiedene Leute interviewt …

Claudia Reiterer: Die Intention war, herauszufinden: Was hatten sie für Kindheiten? Welche Schule haben sie besucht? Gibt es Gemeinsamkeiten? Ich hatte ein paar Thesen, die sich danach entweder in Luft auflösten oder auch nicht. Immer, wenn ich vorher gefragt wurde, was Erfolg ausmacht, habe ich gesagt: ein Drittel Glück, ein Drittel Sympathie und ein Drittel Können. Durch die Arbeit am Buch musste ich aber erkennen, dass Glück meistens Fleiß ist. Bei Leuten, die etwas erreicht haben, steckt dahinter wahnsinniger Fleiß. Und wahnsinniges Durchhaltevermögen.

Niemand sieht den Weg bis zum Erfolg. Viele sind zu neidisch, gönnen den Leuten den Erfolg nicht und sehen nicht, was für ein steiniger Weg davor lag. Und dass diese erfolgreichen Leute nicht aufgegeben haben. Ein Beispiel ist Alfons Schuhbeck, der berühmte Koch. Er hat 35 Mal bei seinem Traumlehrer angefragt, ob er bei ihm lernen könnte – und der Lehrer hat immer Nein gesagt. 34 Mal. Beim 35. Mal ist er beim Restaurant-Fußball eingesprungen und bekam schließlich den Job. Oder auch Gerlinde Kaltenbrunner – sie geht so lange auf den Gipfel, bis sie ihn erreicht. Das ist Durchhaltevermögen. Es ist aber ein Unterschied zu Geduld, das wird oft verwechselt. Wirklich erfolgreiche Leute können sehr ungeduldig sein. Man muss kein absolut geduldiger Mensch sein, sondern es so oft wie möglich versuchen, nicht aufgeben.

Gibt es umgekehrt auch Dinge, die dem Erfolg im Weg stehen?

Claudia Reiterer: Angst. Und Risikoscheue. Dann wird das nichts. Der Skirennläufer Marc Girardelli hat erzählt, dass man Kinder bat, vom Sessel zu springen, wenn ihre Eltern kamen und ihre Kinder für total talentiert hielten. Manche wollten einfach nicht vom Sessel springen – na, das wird nichts werden. Dieses Hineinspringen ins Risiko, keine Angst vorm Scheitern zu haben, keine Angst vor Fehlern zu haben, noch einmal aufzustehen, es noch einmal zu probieren – das ist wichtig.

Gibt es bestimmte Gruppen, für die es schwieriger ist, erfolgreich zu sein?

Claudia Reiterer: Ja, natürlich. Prinzipiell stellt sich die Frage: Wo bin ich geboren? Hier geht es ganz grundsätzlich um das Feld, in dem das Maiskorn wachst. Man kann noch so talentiert sein, manchmal ist es einfach schwierig. Bei uns, an dem halte ich fest, glaube ich aber, dass fast alles möglich ist.

Wie hilfreich sind Frauennetzwerke für den Erfolg?

Claudia Reiterer: Mir hat kein Frauennetzwerk geholfen. Ich bin in dieser Hinsicht ein bisschen kritisch. Manche Frauennetzwerke, die ich kennengelernt habe, mögen keine starken Frauen. Oft gibt es eine starke Führung, und manchmal will diese gar nicht, dass jemand dazu stößt, der ihr den Platz streitig machen könnte. Viele Frauennetzwerke, im Gegensatz zu vielen Männernetzwerken, achten in erster Linie nicht darauf, ob die Frauen stark sind. Stattdessen geht es um Fragen wie: Mag ich die oder mag ich die nicht? Könnte mir die gefährlich werden? Ich bin schließlich dazu übergegangen, persönliche Netzwerke zu pflegen und aufzubauen. Mit vielen Frauen.

20171114_184743

Credit: Johanna Firmberger

Wie sieht es aus mit Förderung von oben, von Menschen, die selbst schon erfolgreich sind?

Claudia Reiterer: Das ist sehr wichtig. Hannes Leopoldseder, damals mein Informationsdirektor beim ORF, glaubte an mein Talent. Einmal habe ich eine Sendung runtergeleert, wie man das sagt, das war furchtbar. Es war deswegen furchtbar, weil ich mich nicht gut vorbereitet hatte. Da hat er mich wirklich zur Schnecke gemacht! Das war aber richtig so. Genau das habe ich so geschätzt: Er hat mich gelobt, wenn ich etwas gut gemacht habe, aber er hat mich auch konstruktiv kritisiert, wenn ich etwas schlecht gemacht habe. So konnte ich lernen. Es war damals so und es ist heute nicht anders, dass die meisten in diesen Positionen Männer sind. Man braucht immer jemanden, der einem von oben hilft – bis man dann selbst dort ankommt und das hoffentlich nicht vergisst.

Gibt es so etwas wie „die“ Erfolgsformel?

Claudia Reiterer: Nein, natürlich nicht. Aber ich habe die Formel „Glück, Können und Sympathie“ erweitert – ich nenne das die Popcorn 6. Durchhaltevermögen, der unglaubliche Fleiß, das Können, der absolute Wille… Will ich das oder will ich das nicht? Die meisten wollen einfach nicht. Wenn man immer Gründe findet, warum etwas nicht geht, dann will man einfach nicht, dass es geht.

Haben Sie eine persönliche Erfolgsformel, die Sie zum Abschluss noch teilen möchten?

Claudia Reiterer: Dass man die Liebe und Freude an dem behält, was man tut. Wenn das vergeht, muss man etwas anderes tun. Letztlich geht es immer darum, ob beruflich oder privat. Wenn der Einsatz im Beruf so groß ist, dass die Liebe im Privaten vergeht, ist es falsch, und wenn der Einsatz im Privaten so groß ist, dass meine Freude und Liebe zum Job vergehen, dann ist es auch falsch. So romantisch es klingen mag, aber letztlich ist es wirklich die Liebe zu dem, was man macht.

Claudia Reiterer ist Moderatorin, Journalistin und Autorin. Seit 2017 moderiert sie „Im Zentrum“.

Um mehr über Ars Electronica zu erfahren, folgen Sie uns auf FacebookTwitterInstagram und Co., abonnieren Sie unseren Newsletter und informieren Sie sich auf https://www.aec.at/.

Join the discussion

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.