merk|würdig: Ein Film, zwei Perspektiven

Mit einem berührenden Kurzfilm über Demenz präsentiert das junge Team der Krmpf Krmpf Studios am 13. Jänner 2018 im Hollywood Megaplex Pasching bei Linz die Technologie der Stereonarrativität. Die BesucherInnen sitzen dabei zwar gemeinsam in einem Kinosaal, erleben die Geschichte von „merk|würdig“ aber aus zwei unterschiedlichen Perspektiven.

Merkwürdig
Credit: Krmpf Krmpf Studios

Im Team der Krmpf Krmpf Studios rund um Alexander Niederklapfer, Ehrentraud Hager, David und Magdalena Wurm und Liesa-Marie Wondrascheck treffen wir auf gute Bekannte der Ars Electronica. 2006 wurden sie beim Prix Ars Electronica in der Kategorie „u19 – CREATE YOUR WORLD“ bzw. „u19 – Freestyle Computing“, wie sie damals hieß, für den Clip „Abenteuer-Arbeitsweg” mit einer Goldenen Nica ausgezeichnet. Zwölf Jahre später präsentieren sie nun mit dem Kurzfilm „merk|würdig“ am 13. Jänner 2018, 18:00, im Hollywood Megaplex Pasching bei Linz das Konzept der „Stereonarrativität“, die sich der 3-D-Technologie des Kinos zunutze macht, um gleichzeitig zwei Versionen einer Geschichte in demselben Kinosaal zu erzählen – welche Perspektive die ZuseherInnen zu sehen bekommen, das hängt davon ab, welche Brille getragen wird. Erst durch das Gespräch lernen die KinobesucherInnen die ganze Geschichte kennen.

Wie habt ihr die Technologie der „Stereonarrativität“ entdeckt und was kann man sich darunter vorstellen?

Alexander Niederklapfer: Es begann schon vor sieben Jahren, als wir uns Gedanken zu unserem Projekt „verwohnt“ gemacht haben, und spekuliert haben, wie es denn wäre, wenn es einen Film in zwei verschiedenen Fassungen gäbe, und im Kino etwa zufällig ausgelost wird, welche Version konkret an diesem Tag gezeigt wird. Das Spannende daran wäre, dass die Leute, wenn sie danach über den Film mit anderen reden, feststellen würden, dass nicht jeder dasselbe gesehen hat und es verschiedene Versionen des Filmes gibt. Nun funktionieren 3D-Filme aber genau deshalb, weil es durch die Brillen im Kino möglich ist, für die beiden Augen jeweils ein verschiedenes Bild zu projizieren – Stereoskopie. Von da ist es nur mehr ein kleiner Schritt zu sagen: Was, wenn man nicht einer Zuseherin oder einem Zuseher zwei Bilder zeigt, sondern das ganze Publikum teilt und unterschiedlichen Leuten im selben Kino unterschiedliche Perspektiven zeigt? Wir teilen also nicht das Bild, sondern die ganze Erzählung auf zwei Perspektiven auf – Stereonarrativität. Einen solchen Film kann man nicht einfach „nur“ in 2D anschauen, man muss ihn gemeinschaftlich erleben, denn nur im Gespräch mit der anderen Hälfte des Publikums findet man die Teile der Geschichte, die man selbst vermisst. Und das geht nur im Kino. Und die 3D-Technologie, die heute oftmals einfach ein visuelles „Zuckerl“ ist, wird notwendiger Bestandteil des Filmkonzepts.

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Credit: Krmpf Krmpf Studios

Welche Hürden gab es bei der Umsetzung des Films und wie habt ihr sie gelöst?

David Wurm: Die erste Hürde war das Drehbuch für dieses Format. In den beiden Bildströmen hat man zwar jede Freiheit Unterschiedliches zu zeigen, aber das Publikum hört denselben Ton – jedes Geräusch, jeder Dialog muss also für beide visuelle Perspektiven passen. Wir haben mehrere Konzepte dafür entwickelt. Auch mit dem fertigen Drehbuch war es beim Dreh nicht leicht, denn jede Änderung – sei sie noch so klein – wirkt sich auf die zugehörige Einstellung in der anderen Perspektive aus. Und diese Schwierigkeit zieht sich durch den gesamten Entstehungsprozess des Filmes, in jedem Schritt der Produktion muss bereits „stereonarrativ“ gedacht werden.

Der Film „merk|würdig“ dreht sich um eine demente ältere Frau, die ihre Enkelin nicht wiedererkennt – warum habt ihr euch für dieses Thema entschieden?

Alexander Niederklapfer: Auch wenn der Film selbst kein direktes Vorbild hatte, waren einige im Team zu der Zeit mit dieser Situation konfrontiert. Beim Nachdenken über dieses Thema ist uns aufgefallen, wie gut es sich für eine stereonarrative Erzählung eignet. Wir können im Film einmal die Perspektive der Angehörigen, aber auch eine Innenwelt zeigen, in der sich die betroffene Person befindet. Wir haben uns an das Thema mit der Idee angenähert, dass das Handeln, Reden und Denken der dementen Person in ihrer Welt selbst logisch und kohärent ist – nur deckt sich die Art, wie solche Personen das Geschehen um sie herum wahrnehmen, nicht mehr mit der Realität, wie wir Angehörige sie empfinden. Es geht also darum, zwei verschiedene Perspektiven auf dasselbe Geschehen zu zeigen – und mit Stereonarrativität haben wir dafür das perfekte Format entwickelt.

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Credit: Krmpf Krmpf Studios

2006 wurdet ihr beim Prix Ars Electronica für euren Clip „Abenteuer Arbeitsweg“ mit der Goldenen Nica in der Kategorie u19 – CREATE YOUR WORLD ausgezeichnet. Was ist seither geschehen? Wie hat euch die Goldene Nica weitergebracht?

David Wurm: Zwischen „Abenteuer Arbeitsweg“ und „merk|würdig“ haben wir noch drei größere Filme gemacht. „IOCC“ war wieder ein Lego-Trickfilm, „verwohnt“ dann bereits eine Mischung aus Spiel- und Animationsfilm und „Fast Forward“ schließlich ein Zwei-Personen-Stück. Dazwischen gab es noch viele kleinere Projekte. Und wie man an den Filmen sieht, haben wir sowohl inhaltlich als auch technisch bei jeder neuen Produktion immer etwas ganz Neues probiert. Mit der Goldenen Nica haben wir einerseits einen großen Motivationsschub bekommen – eine Anerkennung dieser Größenordnung ist natürlich etwas ganz besonderes. Zum anderen aber ist es für uns die Möglichkeit gewesen in eine Medienkunst-Kultur hineinzuwachsen, die es erst ermöglicht, ein so großes Projekt wie „merk|würdig“ umzusetzen – da muss man oft Leute davon überzeugen, dass so etwas Neues wie Stereonarrativität auch interessant ist, und dabei hilft eine Referenz wie die Goldene Nica natürlich enorm.

Wie geht es weiter mit „Krmpf Krmpf“ bzw. habt ihr schon Pläne für 2018?

Alexander Niederklapfer: Vor allem sind wir erstmal gespannt auf die Reaktionen des Publikums auf diese neuartige Art und Weise Filme zu machen oder zu sehen. Nach der Premiere am 13. Jänner 2018 wollen wir natürlich, dass der Film auch weiter bei Festivals und Veranstaltungen gezeigt wird und dass das Konzept der Stereonarrativität Bekanntheit gewinnt. Was darüber hinaus passiert, das wissen wir noch nicht, aber es ist schwer vorstellbar, dass wir nie wieder ein neues Projekt machen werden ;-)

Die Premiere des Kurzfilms findet am 13. Jänner 2018 um 18:00 im Hollywood Megaplex in der PlusCity in Pasching bei Linz statt. Im Anschluss findet eine Premierenfeier statt. Tickets sind unter tickets@krmpfkrmpf-studios.com verfügbar.

Die Krmpf Krmpf Studios sind ein 2003 in Linz gegründetes, nichtkommerzielles Filmstudio. Die Gründungsmitglieder Alexander Niederklapfer, Ehrentraud Hager sowie David und Magdalena Wurm kennen sich seit ihrer Kindheit und arbeiten stets gemeinsam an (Film-) Projekten. Seit 2015 ist Liesa-Marie Wondrascheck als fünftes Kernmitglied mit dabei. Alles begann mit den Arbeiten zu „Abenteuer-Arbeitsweg“, einem Lego-Animationsfilm, der 2006 Premiere feierte und auch gleich beim Prix Ars Electronica, mit einer Goldenen Nica in der Kategorie u19 – CREATE YOUR WORLD, ausgezeichnet wurde. 2008 folgte dann „IOCC – Die Polizei im Rennen gegen die Zeit“, der zweite Stop-Motion-Film der Studios. Mit „Verwohnt“ erschien 2012 der erste Kurzspielfilm. In den folgenden Jahren wirkten die Mitglieder der Studios vor allem an zwei großen Projekten mit – „Ende Mai“ von Maria Schwab sowie „Bootstrapping“ von Elena Zhivun. 2014 begannen die Arbeiten für den Film „merk|würdig“, der nun im Jänner 2018 präsentiert wird.

Alexander NiederklapferAlexander Niederklapfer, geboren 1992 in Linz und Mitgründer der Krmpf Krmpf Studios, studiert derzeit Philosophie der Logik und Wissenschaften in München. Davor hat er einen Abschluss in Sprachwissenschaften und Mathematik erlangt. Von Anfang an war er der Regisseur der Krmpf Krmpf Studio Eigenproduktionen, war Co-Autor aller Drehbücher, Editor und Colorist und stark in den technischen Aspekten der Filme involviert.

David WurmDavid Wurm, geboren in Linz, Mitgründer der Krmpf Krmpf Studios. Für drei Jahre war er Teil des österreichischen Teams der internationalen Physikolympiade und hat später in München und Berkeley, CA Physik studiert. Derzeit arbeitet er an seinem Doktorat in Physik in München, wo er auch lebt. Innerhalb der Studios ist er Kameramann und häufig Leiter der VFX.

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