Kulturelles Erbe in 3D

2018 ist Europäisches Jahr des Kulturerbes! Auch das Ars Electronica Center widmet sich in verschiedenen Veranstaltungen das ganze Jahr lang dem kulturellen Erbe. Den Anfang macht das Deep Space Themenwochende von 27. bis 28. Januar 2018. Mit dabei ist Dr. Stefan Traxler, Archäologe am OÖ Landesmuseum. Im Interview spricht er mit uns über Kulturerbe, wie Technologie die Archäologie verändert und seine Vorträge am Themenwochenende.

28077775199_92a653c638_k
Credit: Robert Bauernhansl

Wie verändern sich Entdeckung, Forschung und Präsentation von kulturellem Erbe mit den Möglichkeiten neuer Technologien? Woraus besteht das Kulturerbe in Europa, und: Warum ist es überhaupt wichtig, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen?

Antworten auf diese Fragen gibt das Themenwochende zum Europäischen Jahr des Kulturerbes am 27. und 28. Januar 2018 im Ars Electronica Center. Zwei Tage lang beschäftigen sich Vortragende mit dem Thema Kulturerbe und nutzten für ihre Präsentationen die einmaligen Möglichkeiten des Deep Space 8K. Einer der Vortragenden ist Dr. Stefan Traxler, Archäologe am OÖ Landesmuseum – im Interview verrät er mehr.

38009293846_165782f8be_k

Credit: Robert Bauernhansl

2018 ist das europäische Kulturerbejahr. Warum ist es wichtig, sich mit seinem kulturellen Erbe auseinanderzusetzen?

Stefan Traxler: Kulturelles Erbe ist identitätsstiftend. In einer Zeit, in der es sehr viele Diskussionen darüber gibt, was Europa ist oder ob man wieder mehr in Richtung Nationen geht, sind genau solche Veranstaltungen sehr wichtig, um das Gemeinsame von Europa, gleichzeitig aber auch das Besondere von einzelnen Regionen gegenüberzustellen und zu zeigen, dass beides seine Berechtigung hat. Die nationale Identität ist sicherlich für viele relativ wichtig, aber insgesamt sind wir doch alle „Erdenbürger“, ein großes Ganzes.

Was ist dieses Gemeinsame in Europa? Was verbindet die verschiedenen Länder und Regionen?

Stefan Traxler: Wir haben eine gemeinsame kulturelle Wiege, den griechischen und römischen Kulturkreis. Alleine schon in unserer Sprache zeigt sich das  – überall tauchen lateinische Begriffe auf. Unser Denken und unsere Kunst sind extrem von der Antike beeinflusst. Das europäische Abendland ist ohne die Antike oder dem Antikenbild, das von der Renaissance überprägt wurde, überhaupt nicht vorstellbar.

Wie weit kann in diesem Kontext eine nationale Identität existieren?

Stefan Traxler: Nationale Identität basiert häufig auf heutigen Grenzen. Wir bewegen uns letztendlich immer in einem Geschichtsbild. Es sind gewachsene Grenzen, aus verschiedenen Gründen. Die Frage ist einfach: Will man Grenzen belassen oder will man sie durchbrechen?

22869598763_de89816722_k

Credit: Martin Hieslmair

Ars Electronica ist in allen ihren Aktivitäten sehr zukunftsorientiert. Warum lohnt es sich auch für eine solche Institution, einen Blick zurück in die Vergangenheit zu werfen?

Stefan Traxler: Ich glaube, Menschen, die sich nicht mit ihren Wurzeln beschäftigen, werden auch Probleme haben, sich um ihre Zukunft Gedanken machen zu können. Wir kennen das alle aus einem familiären Kontext, wir sind geprägt von der Familie, wir sind geprägt von unserem Freundesumfeld, und genauso ist es in der Menschheitsgeschichte auch. Wir sind von unserer Geschichte geprägt, von unserem großen Umfeld, von unserer Natur – auch, wenn wir es nicht immer vor Augen haben oder sogar verdrängen. Ich glaube, es ist deshalb sehr wichtig, sich auf die Wurzeln zu besinnen und darauf aufbauend seine Gedankenwelt größer zu fassen als nur aus der persönlichen Sicht.

Neue Technologien verändern, wie dieses Zurückschauen, aber auch das Entdecken von kulturellem Erbe stattfindet. Welche Veränderungen bringt Technologie in den Bereich des kulturellen Erbes?

Stefan Traxler: In den letzten 20 Jahren ist in dieser Hinsicht extrem viel passiert. Ich spreche hier natürlich vor allem für die Archäologie. Technologische Möglichkeiten wie die Geophysik – Georadar, Geomagnetik – sind wie ein Quantensprung für die Archäologie. Bei einer Grabung wusste man früher nicht, wo man anfangen oder aufhören sollte. Jetzt macht man großflächige Geophysik und hat sofort eine Vorstellung davon, mit welchen Ausdehnungen man bei einer Fundstelle rechnen kann. Teilweise weiß man sogar Tiefeninformationen, auch 3D-Bilder der Erde können generiert werden. Auch, wenn die Detailgenauigkeit nie an die Ausgrabungen selbst herankommt, wissen wir, womit wir arbeiten. Auch naturwissenschaftliche Methoden bei der Auswertung gehören mittlerweile zum Standardrepertoire. Da ist wirklich ein Quantensprung passiert, und wir sind sicher noch nicht am Zenit angekommen.

Wie verändern sich auf der anderen Seite die Präsentationsmöglichkeiten für kulturelles Erbe?

Stefan Traxler: Die Präsentationsmöglichkeiten sind durch diese Erkenntnisse extrem gewachsen. Mittlerweile ist alles georeferenziert, auf den Zentimeter genau eingemessen, ich kann in Präsentationen beliebig Layer aufeinanderlegen, verschiedenste Bilder generieren und mich sogar im Flug durch 3D-gescannte antike Anlagen bewegen.

21804415105_9601273fe0_b

Credit: commons.wikimedia / Magnus Manske

Genau das wird man auch bei Ihren Vorträgen im Deep Space 8K beim Themenwochenende zu Kulturellem Erbe erleben können. Was erwartet uns?

Stefan Traxler: Beim ersten der drei Vorträge, die ich im Deep Space halten darf, steht ein großartiges Dokument, wahrscheinlich eines der wichtigsten Zeugnisse zum Imperium Romanum überhaupt, im Fokus – die Tabula Peutingeriana. Sie gehört zum UNESCO Weltdokumentenerbe und zeigt 200.000 Kilometer römisches Straßennetz auf einer langgestreckten Karte, die nur 6 Meter 40 Zentimeter lang und 34 Zentimeter hoch ist. Sie zeigt das Imperium Romanum mehr oder weniger in seiner größten Ausdehnung, langgestreckt wie heute ein U-Bahnlinienplan. Etliche hunderte Städte, verschiedene Abzweigungen, Meilenangaben, Entfernungsangaben, alles ist eingezeichnet. Ganz nach dem Motto: Alle Wege führen nach Rom! Ars Electronica bietet die Möglichkeit, dass man sich die Karte in einer Detailgenauigkeit ansieht, wie man sie sonst nirgends findet.

Auch der zweite Vortrag dreht sich rund um das Thema Rom – worauf können wir uns hier freuen?

Stefan Traxler: „Das unsichtbare Rom“ war eine BBC-Dokumentation, die für Ars Electronica auf circa 15 Minuten zusammengeschnitten wurde. Im 3D-Flug bewegt man sich über und vor allem unter der Erde von Rom und lernt eine Seite der Stadt kennen, die man als normaler Tourist oder gewöhnliche Touristin nicht kennt. Man bewegt sich durch unterirdische Steinbrüche, fliegt durch Abwasserkanäle, durch die Aqua Virgo, eine Wasserleitung, die nach 2000 Jahren noch immer in Betrieb ist,  und verschiedene Denkmäler wie zum Beispiel das Pantheon. Es ist Rom aus einer anderen Perspektive.

20448108512_1e6bbfe043_k

Credit: Florian Voggeneder

Zusätzlich werden auch Aufnahmen vom Kalkbrennofen in Lauriacum, dem heutigen Enns, gezeigt…

Stefan Traxler: Der Kalkbrennofen von Enns passt sehr gut dazu. Bauwerke wie das Pantheon wären ohne Opus Caementitium und ohne die großartige Bauweise der Römer nicht möglich gewesen. Sie erfanden einen Mischbeton, der durch verschiedene Zusätze irrsinnige Haltbarkeit hatte, der unter Wasser band, der eine Festigkeit hat, bei der unser heutiger Zement nicht mitkommt. Unsere jetzigen Gebäude werden in 2000 Jahren wahrscheinlich nicht mehr stehen.

Was haben die Römer anders gemacht?

Stefan Traxler: Man benötigt auf jeden Fall römischen Kalk und einen Kalkbrennofen. Hier kommt die Kalkbrennofenbatterie in Lauriacum ins Spiel. Sie ist die größte derzeit bekannte Kalkbrennofenanlage, mit 12 Kalkbrennöfen, jeweils mit einem Fassungsvermögen von 31 Kubikmeter. Eine solche Massenproduktion ist unerreicht bis ins 20. Jahrhundert. Die Anlage wurde vor 1800 Jahren in Enns errichtet. Diesem Kalk mengte man verschiedene Zusatzstoffe, Sand, aber auch wasserbindende Elemente, Ziegelsplitt oder in Italien selbst vulkanische Asche bei, wodurch diese unglaubliche Haltbarkeit entstand. Gleichzeitig baute man so, dass man weiter unten stabiler und mit schwerer, festerer Zusammensetzung arbeitete, weiter oben dann mit leichten Materialien. Genau das macht sich auch die Kuppel vom Pantheon zunutze.

23388252552_9fae83bf31_k

Credit: Martin Hieslmair

Enns ist ein gutes Stichwort, denn im letzten Vortrag geht es um archäologische Ausgrabungen in Oberösterreich – und zwar in 3D. Was kann man hier sehen?

Stefan Traxler: Ab 27. April 2018 findet die Oberösterreichische Landesausstellung statt. Sie heißt „Die Rückkehr der Legion. Römisches Erbe in Oberösterreich“. Die Hauptausstellungsorte sind Enns – also das antike Lauriacum und gleichzeitig der einzige Legionsstandpunkt der römischen Provinz Noricum – Schlögen und Oberranna. An diesen drei Orten haben wir für die Landesausstellung drei Ausgrabungen durchgeführt, die alle auch zu besichtigen sein werden. Diese Ausgrabungen haben wir in 3D gescannt und aufbereitet, sodass man sie schon vorab im Deep Space wunderbar betrachten kann. Man wirft also bereits vor der Landesausstellung einen ersten Blick auf diese großartigen archäologischen Stätten!

Es handelt sich um zwei Gebäude und eben einen der 12 Kalkbrennöfen. Der Ofen war mit unglaublichen Funden gefüllt, weil er in der Spätantike als Mülleimer verwendet wurde. Wir fanden tausende Fundstücke, die uns die Lebenswelt von damals näherbringen. In Schlögen wurde ein römisches Bad ausgegraben, in dem man sich die Badekultur in einem kleinen, aber sehr feinen Badegebäude mit unglaublicher Technik dahinter ansehen kann. In Oberranna schließlich steht das besterhaltene römische Bauwerk Oberösterreichs, ein Quadriburgus, also eine spätantike Befestigungsanlage. Die Mauern stehen teilweise noch zwei Meter hoch aufrecht, dazu kommen Fundamente, die bis zu eineinhalb Meter in der Erde stecken. Dort gibt es auch einen mittelalterlichen Keller, der in einen römischen Turm eingebaut wurde. Wenn man dort steht, ist es wie im 15. und im 4. Jahrhundert gleichzeitig! Das sind wirkliche Highlights, die wir bei der Landesausstellung anzubieten haben und die wir schon vorab im Ars Electronica Center zeigen werden.

Dr. Stefan Traxler, geboren 1975 in Linz, studierte Klassische Archäologie, Alte Geschichte und Altertumskunde an der Universität Salzburg. Er ist als Archäologe am OÖ. Landesmuseum tätig und derzeit als einer der beiden wissenschaftlichen Leiter für die inhaltliche Ausrichtung und die Ausgrabungen im Rahmen der OÖ. Landesausstellung 2018 „Die Rückkehr der Legion“ verantwortlich: www.landesausstellung.at

Das Themenwochenende zum Europäischen Jahr des Kulturerbes findet von Samstag, 27. Januar 2018, bis Sonntag, 28. Januar 2018, im Deep Space 8K im Ars Electronica Center statt. Alle Informationen über die Vorträge von Dr. Stefan Traxler sowie über alle weiteren Programmpunkte finden Sie auf unserer Webseite.

Um mehr über Ars Electronica zu erfahren, folgen Sie uns auf FacebookTwitterInstagram und Co., abonnieren Sie unseren Newsletter und informieren Sie sich auf https://www.aec.at/.

Join the discussion

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.