„K-9_topology“: Von Menschen, Hunden und Bioethik

Die slowenische Künstlerin Maja Smrekar gewann beim Prix Ars Electronica 2017 die Goldene Nica in der Kategorie Hybrid Arts für ihre Werkreihe „K-9_topology“. Was sich hinter den vier Projekten verbirgt, wie Hunde und Wölfe ihre Arbeit prägen und welche ethischen Fragen in ihrer Arbeit untersucht werden, verrät Maja Smrekar im Interview.

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Credit: Tom Mesic

Es sind insgesamt vier Projekte, für die Maja Smrekar 2017 beim Prix Ars Electronica mit der Goldenen Nica in der Kategorie Hybrid Art ausgezeichnet wurde. Gemeinsam bilden sie die Werkreihe „K-9_topology“, eine Sammlung von vier hybriden Arbeiten, die an der Schnittstelle von Bioethik, Wissenschaft und Kunst liegen. „ECCE CANIS“ beschäftigt sich mit dem Serotonin der Künstlerin und ihres Hundes Byron, in „I Hunt Nature, and Culture Hunts Me“ geht es um die Synergien der Interspezies-Kollaboration, „Hybrid Family“ macht die Instrumentalisierung des weiblichen Körpers und des Stillens zum Thema und „ARTE_mis“ stellt symbolhaft die Verbindung von Mensch und Hund dar.

Beim Ars Electronica Festival 2017 konnte man die vier Arbeiten in der CyberArts Ausstellung im OK im OÖ Kulturquartier betrachten. Jetzt verrät die Künstlerin Maja Smrekar im Interview, welche Fragen sie in der Reihe „K-9_topology“ beschäftigen und warum Hunde und Wölfe ein wichtiger Teil davon sind.

Übrigens: Dieses Jahr kann man noch bis 12. März 2018 Arbeiten zum Prix Ars Electronica einreichen!

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Credit: Florian Voggeneder

Maja, du wurdest letztes Jahr mit der Goldenen Nica in der Kategorie Hybrid Arts für eine Reihe von Arbeiten ausgezeichnet. Kannst du uns ein bisschen darüber erzählen?

Maja Smrekar: Die Reihe „K-9_topology“ betrachtet die gemeinsame Entwicklung von Mensch und Hund als eine Matrix, um die Frage zu beantworten: Was definiert den Menschen als eine höhere Spezies in der ökologisch ruinierten, überbevölkerten und wirtschaftlich gefährdeten Welt? Im ersten Projekt, „ECCE CANIS“, forschte ich an der parallelen Entwicklung von Wölfen, Menschen und Hunden. Als Resultat vereinte ich Serotonin von mir und meinem Hund Byron, um es anschließend in einen Geruch zu verwandeln. Serotonin ermöglicht es uns als Folge unserer gemeinsamen Entwicklung, einander besser zu tolerieren. Es hat sich herausgestellt, dass Hunde und Menschen sich für tausende Jahre gegenseitig gezähmt haben.

Die Vorbereitung für das nächste Projekt, „I Hunt Nature and Culture Hunts Me“, fand an den JACANA Wildlife Studios in Frankreich statt, wo ich in Zusammenarbeit mit Tierethologen und –Ethologinnen eine Beziehung zu Wölfen und Wolfshunden aufbaute. In einer Performance mit den Tieren stellte ich Erinnerungen meines emotionalen Gedächtnisses über das Leben mit Hunden neben aktuelle Theorien über Natur und Kultur und die Werke von Joseph Beuys und Oleg Kulik.

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Credit: Miha Fras

Das dritte Projekt, „Hybrid Family“, hatte zum Ziel, die ausdrückliche Distanz zum Anderen festzustellen. Es ging darum, das, was von der Mehrheit abweicht, das sogenannte Cultural Other (das kulturelle Andere), als etwas Fremdes zu konfrontieren. Dieser Prozess wird oft mystifiziert, weil es anstrengend ist, ihn zu verstehen. Ich denke, eine reife Gesellschaft der „ersten Welt“ sollte in der Lage dazu sein, eine solche Anstrengung auszuhalten.

Im letzten Projekt, ARTE_mis, stellte ich mir die Frage, wer unsere reproduktive Position lenkt und wer die Regeln der Ethik generell schafft – sind es nicht dieselben, die immer in Positionen der Macht zu finden sind? Ganz offensichtlich ist nicht jeder und jede innerhalb einer Gesellschaft dazu eingeladen, an der Entstehung dieser Regeln teilzuhaben.

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Credit: Florian Voggeneder

Auffallend an „K-9_topology“ ist die starke Verbindung zu Hunden und Wölfen – wie entstand diese Faszination für dich?

Maja Smrekar: Die Verbindung zu Hunden und Wölfen adressiert eine emotionale Erinnerung meiner Kindheit. Die Erinnerung handelt davon, mit vielen Hunden in einer Familie zu wohnen, die beruflich in der Produktion von Pelz und Leder sowie auch in der Hundezucht tätig war. Die Einbindung von Hunden und auch Wölfen in meine Arbeit passierte auf sehr natürliche Weise, sobald ich begann, wissenschaftliche Forschung mit den kontemporären Interspezies-Kommunikationstheorien zu verschmelzen.

Du setzt dich außerdem sehr stark mit der Rolle von Menschen, insbesondere Frauen, in der Gesellschaft auseinander. Dein Projekt „Hybrid Family“ zum Beispiel hinterfragt die soziale und ideologische Instrumentalisierung des weiblichen Körpers. Warum hast du dafür das Thema des Stillens ausgewählt?

Maja Smrekar: Mit dem Akt des Stillens und seinen hormonellen Konsequenzen wollte ich einen Widerstand gegen Positionen etablieren, die einen Besitzanspruch auf den eigenen Körper stellen. In der K-9_topology Installation sind Brustpumpen symbolisch als Waffen dargestellt, die ich dazu benützte, meinen Körper zu unterwerfen, aber gleichzeitig auch als Kampfmittel, das es mir erlaubt, dem Zynismus unseres Zeitgeists zu widerstehen.

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Credit: Tom Mesic

Deine Arbeit untersucht oder enthüllt ethische Fragen, mit denen wir als Gesellschaft konfrontiert sind. In „K-9_topology“ geht es oft um Tierethik – warum? Welchen Fragen gehst du in dieser Hinsicht nach?

Maja Smrekar: Ich erforsche die Herausforderungen, die neue „Ökologien“ fordern, und denke daher über soziale Gerechtigkeit für alle Lebewesen, inklusive der Tiere, die wir Menschen nennen, nach. Angesichts der verschwindenden natürlichen Rohstoffe und der steigenden Nachfrage, globaler Migrationsbewegungen, Überbevölkerung und darauf basierenden Gefahren für die Umwelt und Biodiversität, hervorgerufen durch ein globalisiertes, kapitalistisches System, das den Pfad der Zerstörung so lange nachzugehen scheint, bis alles konsumiert wurde, versuche ich die Kunst, auf einem beschädigten Planeten zu leben, die Möglichkeit des Lebens in diesen kapitalistischen Ruinen, zu erforschen. Ich befasse mich außerdem mit dem Mythos der Menschlichkeit, der auf universellen Werten und Einzigartigkeit basiert und stets jene ausschließt, die nicht konform zum Ideal leben. Es gab immer schon feine Abstufungen des Menschen, je nach Geschlecht, Rasse, Klasse, Kultur, Nation, Religion, Spezies und so weiter. Also können nicht alle von uns mit einem Grad von Sicherheit sagen, dass wir immer schon menschlich waren, oder dass wir nur menschlich sind. Indem ich mich mit den Problemen unserer momentanen sozialen Ökologie auseinandersetze, versuche ich, eine Diskussion darüber loszutreten, was konventionelle, gesetzesbasierte, ethische Phrasen wie „Gefährdung der Würde des Menschen“ überhaupt bedeuten.

Was sind deiner Meinung nach die größten Herausforderungen, denen sich die Menschheit als Resultat des wissenschaftlichen Fortschritts und der Anwendung von Biotechnologien stellen muss?

Maja Smrekar: Ich denke, dass die Frage, die wir uns in einer post-humanen Zukunft stellen werden müssen, sein wird: Was macht uns (immer noch) zum Menschen? Das ist der Grund, warum in der Reihe „K-9_topology“ das Konzept, das unter anderem als spekulative Erfindung gelesen werden kann, eines Hund-Mensch-Werwolfs als Reminiszenz einer ausgestorbenen Kultur von Menschen existiert; es ist die Folgerung, die suggeriert, dass es unsere eigene Tierhaftigkeit ist, die uns am meisten vermenschlicht.

„ARTE_mis“ ist eines der Projekte, das Tierethik und die Ergebnisse von wissenschaftlichem Fortschritt untersucht. In dieser Arbeit wurde eine deiner Körperzellen mit der eines Hundes gekreuzt, um ein künstlerisches, nicht lebensfähiges Symbol einer Chimäre zu schaffen. Deiner Meinung nach hätten diese Zellen, wären sie wirklich lebensfähig, höhere Überlebenschancen auf unserem Planeten – warum?

Maja Smrekar: Ökologisch gesehen verbindet „ARTE_mis“ drei karnivore Spezies: Mensch, Hund und Wolf, wobei die letzten beiden genetisch zu 99.9% ident sind. Seit Anbeginn unserer Existenz regulierten alle drei Spezies die Umwelt zusammen – mittlerweile ist der Wolf eine gefährdete Spezies und daher nicht in der formalen Dimension dieses Projekts. Mensch und Hund wurden hingegen die größten angreifenden Spezies auf diesem Planeten. Davon ausgehend platzierte ich unser Zellmaterial in eine gleichwertige, kohabitierende Beziehung – auf symbolische Art und Weise, als ein künstlerisches Artefakt. Was daraus entstand ist keine Chimäre, sondern ein Statement. Obwohl dieses Projekt eine Fülle an biotechnologischen Potentialen mit sich trägt, dient es in erster Linie als ein ziviler, taktischer Medienakt. Obwohl die Zelle nur in flüssigem Stickstoff in gefrorenem Zustand existiert, ist sie Anlass für eine öffentliche Diskussion und agiert als Verweis auf die Theorie von Rosi Braidotti, die uns aufruft, über humanistische Limitationen hinaus zu denken, um die Risiken, die in der Zukunft mit dem Wandel zum Mehr-Als-Nur-Ein-Mensch auftreten werden, wahrzunehmen.

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Credit: Florian Voggeneder

Es gab sehr heftige Reaktionen auf „ARTE_mis“ in Österreich. Das Projekt entstand in deinem Herkunftsland, Slowenien – wie waren die Reaktionen dort? Warum glaubst du ruft dieses Projekt solche Reaktionen hervor?

Maja Smrekar:  Der offensichtlichste Grund für die starken Reaktionen in Österreich waren ganz klar die Wahlen letzten Herbst. Es gab einige sehr negative Reaktionen auf das Projekt in Slowenien, aber sie waren weniger organisiert und kollektiv als in Österreich – bis vor kurzem jedenfalls. Im Juli stehen auch bei uns Wahlen an, es hat sich jetzt geändert. Wie auch immer, ich verstehe den globalen, rechten Fundamentalismus, Populismus und Sensationsgier einfach nur als Proof of Concept in unserem Zeitgeist, etabliert als Status einer generellen Krise. Ob diese Krise wirklich existiert oder nicht, wird systematisch ausgenutzt, um das Gefühl von Angst in der Öffentlichkeit zu erhöhen. Diejenigen, die für diese Art von Angst empfänglich sind, beschuldigen üblicherweise die Vertreter und Vertreterinnen von den verletzlichsten Gruppen (Migranten und Migrantinnen, Islam, die LGBT Community, Frauen*, Tiere, etc.). Die ethische Pflicht einer Künstlerin, eines Künstlers ist es jedoch, diese derzeitigen Probleme zu adressieren und dadurch der radikalen Sensationsgier mit radikalen Kunstwerken zu begegnen. Auf diese Art, im Dienste der Meinungsfreiheit als unser Grundrecht, tritt Kunst in den Diskurs des täglichen Lebens. Was dann normalerweise passiert wurde schon von Leonard Cohen in seinem Lied „Anthem“ ausgedrückt: There is a crack in everything, that’s how the light gets in.

36312957453_01d68c4e3f_kMaja Smrekar wurde 1978 in Slowenien geboren. Im Jahr 2005 schloss sie ihr Studium an der Abteilung für Skulptur an der Akademie für Kunst und Design in Zusammenarbeit mit der Akademie für Theater, Radio, Film und Fernsehen in Ljubljana, Slowenien ab. Sie hat einen MA in Neuen Medien. 2010 leitete sie das internationale Festival HAIP10/New Nature, das im Multimediazentrum Cyberpipe in Ljubljana, an dem sie drei Jahre lang als künstlerische Leiterin tätig war, stattfand. Sie gewann den ersten Platz beim Cynetart Festival vom Europäischen Zentrum der Künstle Hellerau (Dresden/Deutschland), erhielt eine Anerkennung beim Ars Electronica Festival (Linz/Österreich), sowie den Golden Bird Award – die nationale Auszeichnung für besondere Leistungen im Feld der visuellen Künstle von der Liberal Akademy (Ljubljana/Slowenien). Maja Smrekar lebt und arbeitet in Ljubljana (Slowenien) und Berlin (Deutschland).

Die Einreichung zum Prix Ars Electronica 2018 ist noch bis 12. März möglich. Alle Details finden Sie auf unserer Webseite.

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