Natürlich Linz: Botanik in der Stahlstadt

Flora und Fauna mitten im Stadtgebiet – nicht mehr als ein paar Pflanzen in der Betonwüste? Dr. Friedrich Schwarz vom Botanischen Garten Linz sieht das anders. Er hält in der Reihe „Natürlich Linz“ regelmäßig Vorträge im Deep Space LIVE über die versteckte Tier- und Pflanzenwelt in Linz. Am 19. April 2018 geht es um das Thema Wald – uns hat er vorab schon etwas mehr verraten.

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Credit: Florian Voggeneder

„Darf ich dich noch durch den Botanischen Garten führen?“, fragt Dr. Friedrich Schwarz und geht noch bevor sein Satz zu Ende ist Richtung Gewächshaus. In der winterlichen Kälte lässt sich durch die beschlagenen Scheiben fast nicht erkennen, was uns im Inneren erwartet. Hinter der Türe umschließt uns plötzlich die Wärme: Wir stehen in einem Meer aus Kakteen. Im Nebenhaus wachsen unzählige Orchideen, „meine Lieblinge“, verrät Dr. Schwarz.

Er ist Leiter des Botanischen Garten Linz und ein echter Spezialist, wenn es um Flora und Fauna geht. Sein Wissen teilt er immer wieder gerne mit anderen Interessierten – so auch bei Führungen auf das grüne Dach der Ars Electronica Festivallocation POSTCITY oder bei Vorträgen im Deep Space LIVE im Ars Electronica Center. Der nächste findet am 19. April 2018 zum Thema „Wald“ statt.

Wir haben uns mit Dr. Friedrich Schwarz im Botanischen Garten getroffen und nachgefragt, warum die städtische Tier- und Pflanzenwelt ihn so fasziniert – und was uns beim nächsten Deep Space LIVE erwartet.

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Dr. Friedrich Schwarz. Credit: Vanessa Graf

In deinen Vorträgen im Deep Space geht es um die städtische Flora und Fauna in Linz. Worin liegt für dich hier der Reiz?

Friedrich Schwarz: Die Fauna und Flora im Stadtgebiet Linz ist sehr spannend, weil sehr viel vorhanden ist, das man nicht vermuten würde. Städte sind eigentlich sehr artenreich, was auf den ersten Blick absurd erscheint. Durch die spezifischen Situationen in einer Stadt, seien es die künstlichen Felsen der Gebäudestrukturen, Hausfassaden, die dazugehörigen Freiflächen wie Innenhöfe oder Parkanlagen und Grünstrukturen, auch durch die verschiedenen Nutzungsformen und Bodentypen, von Schotter bis zu Sand bis zu Humus, oder durch die spezielle klimatische Situation in Städten gibt es eine irrsinnig hohe Artendichte. Städte sind sogar sehr oft artenreicher als manche Landgegenden. Gerade als jene, die intensiv landwirtschaftlich genutzt werden oder einer intensiveren Nutzung unterliegen.

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Credit: Vanessa Graf

Was findet man zum Beispiel in einer Stadt, was man nicht erwarten würde?

Friedrich Schwarz: In Linz kommt zum Beispiel eine der seltensten Amphibienarten vor, die es in Österreich gibt. Sie ist nahezu vom Aussterben bedroht. Es handelt sich um die Wechselkröte, die auf Brachflächen in Städten vorkommt, und zwar dort, wo sich durch Bodenverdichtung flache Niederschlagstümpel oder Tümpel bilden, in denen Wasser stehen bleibt. Die Tiere laichen und leben dort. Früher besiedelten sie junge Gewässer, die bei Hochwassern auf Schotterbänken entstanden. Jetzt gibt es solche Tümpel nicht mehr, da die Donau reguliert ist – deshalb sind die Tiere nahezu ausgestorben. Als Ersatzbiotope nutzen sie Lagerplätze oder Schotterflächen, für LKWs zum Beispiel.  Zusätzlich schufen wir künstliche Biotope, weil durch starke Versiegelung von Flächen die Möglichkeiten für Tümpel in Städten immer weniger wurden.

Mitten im Zentrum der Stadt kommen andere Tiere vor, die auch interessant sind. Es handelt sich um die kleinste Fledermaus und das kleinste Säugetier Österreichs, die Zwergfledermaus. Sie lebt sehr versteckt in Ritzen und Spalten in Gebäuden und Fassaden. Dort hat sie ihr Tagesversteck, in der Nacht fliegt sie aus und jagt. Diese Fledermaus passt in eine Zündholzschachtel, sie ist winzig.

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Credit: Florian Voggeneder

Welche Pflanzen kommen in der Stadt vor, die überraschen?

Friedrich Schwarz: Es gibt bemerkenswerte Pflanzen, die man oft mitten im Stadtzentrum finden kann. Sehr interessant sind die alten Mauern beim Schloss, also die Mauerritzen. Dort findet man ganz spannende Pflanzen, zum Beispiel das Zimbelkraut. Es ist eine sehr hübsch blühende Mauerritzenpflanze, die blaue, kleine Blüten hat. Das Zimbelkraut wächst aus den Mauern und formt richtige kleine Teppiche. Nach der Blüte, wenn die Samen reif werden, versenkt die Mutterpflanze ihre Samen aktiv in einer Pflasterritze. Sie wächst mit dem Samenstiel in eine Ritze und lässt dort den Samen fallen. Sie sucht sich also das Keimsubstrat für ihre Kinder, die Samen, selbst. Dabei wächst sie nicht ins Helle, wie es normalerweise eine Pflanze macht, sondern mit dem Blütenstiel in das Dunkel hinein.

Auch den Gelben Lerchensporn kann man an den alten Mauern beim Linzer Schloss entdecken. Es ist eine hübsche Pflanze, die sehr schön blüht. Ihre Samen werden von Ameisen gesammelt, denn sie haben ein ölhaltiges Anhängsel am Samen. Die Ameisen fressen dieses ölhaltige, oder Eiweiß-haltige Anhängsel und den Samen lassen sie in irgendeiner Ritze fallen oder liegen, wo er keimen kann.

Die Stadt ist ja nicht nur Lebensraum, sondern auch oft sehr verheerend für die Umwelt. Wie merkt man zum Beispiel Auswirkungen des Klimawandels in Städten?  

Friedrich Schwarz: Es gibt Indizien, dass der Klimawandel auch in Städten vorhanden oder bemerkbar ist. Der Anteil wärmeliebender Pflanzen und Tierarten wird zum Beispiel höher. Das ist ein Indiz dafür, dass es immer wärmer wird. In Städten ist die Durchschnittstemperatur generell um zwei bis drei Grad höher als im Umland. Das hängt auch mit den Verbauungsstrukturen, also mit der Aufheizung der versiegelten Oberflächen und der Dächer und der Gebäude zusammen. Daher ist der Anteil wärmeliebender Arten in Städten generell höher. Wenn es an solchen Orten noch ein bisschen wärmer wird, dann können wärmeliebenden Arten in Städten früher Fuß fassen als am Land.

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Credit: Vanessa Graf

Wie sieht es mit Insektensterben aus?

Friedrich Schwarz: Viele Insekten sind von entsprechenden Pflanzen abhängig, von denen sie leben, entweder von ihrem Nektar oder Blattfraß. Wenn diese Pflanzen oder diese Strukturen vorhanden sind, in denen sie leben können, dann sind auch in Städten Insekten da. Es ist nicht so, dass Insekten einfach verschwinden, obwohl sie passende Strukturen oder Lebensräume finden. Man muss allerdings der Natur diese Chancen auch bieten, damit Insekten leben können. Städte können natürlich lebensfeindlich sein, das ist keine Frage. Wenn man alles niederputzt und wegräumt und versiegelt, das ist für die Tier- und Pflanzenwelt fatal. Wenn das in einem normalen Rahmen passiert, passiert die Schaffung geeigneter Lebensräume oft automatisch. Genau dort können sich diese Tiere und Pflanzen ansiedeln.

Gibt es Maßnahmen, die hier umgesetzt werden, um die Tier- und Pflanzenwelt zu unterstützen?

Friedrich Schwarz: Auf städtischen Grundstücken, die der Stadt Linz gehören, haben wir in den letzten Jahren einige Maßnahmen gesetzt, um der Natur zu helfen. Zum Beispiel gibt es Nisthilfen für Vogelarten, auch für Fledermäuse und Gebäudebrüter. Wir haben mehrere tausende Nisthilfen für Mauersegler in Linz in Gebäuden eingebaut, gemeinsam mit den Wohnbauträgern. Bei Haussanierungen zum Beispiel wurde besonders darauf geachtet, dass Mauersegler dort nisten können. Auch für Turmfalken wurde einiges gemacht. In den größeren Parkanlagen der Stadt wurden Blumenwiesen angelegt oder beziehungsweise werden Wiesen als Blumenwiesen gemäht. Das heißt, sie werden nicht so oft gemäht wie ein Parkrasen, sondern nur zweimal im Jahr. Dadurch siedeln sich mehr Arten an. Es gibt auch kleinere Maßnahmen, wie ein Asthaufen in einer größeren Parkanlage, wo Igel Unterschlupf finden und überwintern können.

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Credit: Florian Voggeneder

Gibt es auch Maßnahmen, die gegen die steigenden Temperaturen gesetzt werden?

Friedrich Schwarz: Bei der Auswahl der Pflanzen, die in der Stadt gepflanzt werden, in erster Linie bei Gehölzen, Sträuchern und Bäumen, muss man aufpassen, dass man das pflanzt, was auch überleben kann. Idealerweise sind das Pflanzen, die Trocken-, Wärme- oder Hitzephasen aushalten. Hier muss man sicherlich einiges ausprobieren. Städte sind dadurch ein Experimentierfeld für künftige Entwicklungen. Besonders, was Klimawandel betrifft:  Man probiert zum Beispiel neue Baumarten aus, weil in Städten die Bedingungen ohnehin so sind, wie sie sich generell entwickeln werden.

Von der Stadt Linz werden zum Beispiel Dachbegrünungen sehr gefördert – Linz gilt als eine der Vorzeigestädte für Gründächer. Man sieht das nicht von der Straße, aber im Luftbild lässt sich das erkennen. Das macht Sinn, weil eine Grünfläche immer Wert hat. Jeder Quadratmeter, der begrünt ist, wirkt sich positiv auf das Mikroklima, auf die Artenvielfalt und auf die Luftqualität aus. Jedes grüne Blatt hat einen lufthygienischen Aspekt, durch Verdunstung entsteht Luftzirkulation, Feinstaub wird herausgefiltert. Bäume haben die beste Filterwirkung, aber jede Grünfläche hat diesen Effekt, dass sie sich positiv auf die Luftqualität auswirkt.

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Credit: Florian Voggeneder

In den letzten Jahren hast du am Ars Electronica Festival am Dach der Festivallocation POSTCITY gezeigt, wie vielfältig Dachbegrünungen sein können. Was ist dort oben so spannend?

Friedrich Schwarz: Das Dach der POSTCITY ist absolut spannend. Als ich das erste Mal dort war, musste ich staunen. Unglaublich. Es kommen dort nicht nur Pflanzen vor, die man generell auf begrünten Dächern findet, sondern zusätzlich extrem viele Flechtenarten. Das habe ich nicht erwartet. Es gibt dort Strauchflechten, die eigentlich gar nicht vorkommen dürften, weil sie sehr empfindlich gegenüber Luftverunreinigungen sind. Ich habe nicht angenommen, dass dort in der Bahnhofsnähe und durch die stark befahrene Straße Richtung Autobahn, der Waldeggstraße, die Luftqualität so offensichtlich gut sein kann, denn sonst würden diese Flechten nicht vorkommen. Trotzdem, sie kommen in einer Artendichte und einer Individuendichte vor, die ganz erstaunlich ist. Es gibt dort auch trockentolerante Moose, die man wenig oder kaum in so einer Situation findet. Das Dach der POSTCITY sieht sehr schön aus, es ist unglaublich, visuell sehr ansprechend.

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Credit: Vanessa Graf

Wenn man auch während des Jahres erleben möchte, wie du von der Flora und Fauna in Linz erzählst, kann man deine Vorträge im Deep Space LIVE im Ars Electronica Center besuchen. Der nächste dreht sich rund um das Thema Wald – was erwartet uns?

Friedrich Schwarz: Ich habe mir vorgenommen, einen Überblick über die Vielfalt unserer Wälder zu geben. Man glaubt ja, Wald ist Wald und überall gleich. Ich möchte aber einen Überblick geben, welche Waldtypen es überhaupt gibt, was die Unterschiede sind und welche Charakterarten dieser Waldtypen vorkommen. Es wird um Wälder gehen, die man in der nächsten Umgebung oder im weiteren Umfeld Oberösterreich sehen kann. Ich selbst habe meine Dissertation über das Thema Wald verfasst, komme aus der Waldökologie und finde den Wald einfach sehr spannend. Ich halte mich auch sehr gerne in Wäldern auf, weil ich sie faszinierend finde.

Dr. Friedrich Schwarz ist Leiter des Botanischen Garten Linz. Er hält regelmäßig Vorträge zur städtischen Flora und Fauna im Deep Space LIVE im Ars Electronica Center und war in den letzten Jahren auch am Ars Electronica Festival mit spannenden Führungen zu botanischen Themen aktiv.

Der nächste Deep Space LIVE mit Friedrich Schwarz findet am 19. April 2018 statt. Weitere Informationen finden Sie hier.

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