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Featured Artists: Time’s Up

Opening: MI 6.9.2017, 19:00-20:00
DO 7.9.2017, 10:00-21:00, FR 8.9.-MO 11.9.2017, 10:00-18:00
Führungen: WE GUIDE YOU
LENTOS Kunstmuseum
TurntonDocklands_web
Credit: Time´s Up

Time’s Up (AT)

A Future Docking Station: Die Docklands von Turnton 2047

Im Linz der 1990er-Jahre bildete sich eine neue Generation von Künstlern und Künstlerinnen heraus, die sich, wie man es in einer von Schwerindustrie geprägten Stadt erwarten kann, auf die technologischen Veränderungen in unserer Umwelt konzentrierten. Besonders bemerkenswert ist das Kollektiv Time‘s Up, das sein Hauptquartier im „idyllischen“ Linzer Hafen hat. Die Gruppe, die sich weltweit einen Namen gemacht hat, ist „Featured Artist“ des Ars Electronica Festival 2017. Die Arbeiten des Kollektivs werden im LENTOS Kunstmuseum ausgestellt.

Time‘s Up versucht die üblichen konstruierten Grenzen zwischen Kunst, Technologie, Wissenschaft und Unterhaltung zu erweitern und diese Wissensfelder miteinander zu verzahnen. Als „Labor für die Schaffung experimenteller Situationen“ modelliert Time‘s Up Alltagsrealitäten und verbindet sie mit möglichen Zukunftsszenarien. Für Ars Electronica verwandeln Time‘s Up das Untergeschoss des Linzer LENTOS Kunstmuseum in ein „Physical Narrative“, in eine begehbare Situation, die das Leben im Hafenviertel der Küstenstadt Turton im Jahr 2047 darstellt, wo eine Katastrophe unabwendbar scheint. Gemeinsam mit dem Publikum entwerfen die KünstlerInnen gesellschaftspolitische utopische Veränderungen für Turnton Docklands und darüber hinaus.

Null: Zusammenfassend

Wie die Welt von heute aus weitergedacht in 30 Jahren beschaffen sein könnte, so dass man trotz Klimaerwärmung, Artensterben und Co Lust auf Zukunft bekommt: Das zeigt Time’s Up in aller bewussten Unvollständigkeit in einem physical narrative – einer realräumlich im Untergeschoss des LENTOS Kunstmuseum Linz begehbaren Erzählung vom Leben anno 2047 am Schauplatz der Docklands in der fiktiven Küstenkleinstadt Turnton.

Eins: Turbulenzen

Langweilig war’s schon lange nicht und schon lange nicht so turbulent wie jetzt. Krisen aller Art rütteln an den ideellen wie auch materiellen Grundfesten des Daseins, von denen die meisten von uns so wie auch ganze Gesellschaften insgeheim geglaubt hatten, sie wären unkaputtbar. Der saloppe „Ich-krieg‘ die-Krise“-Sager hat sich im Augenblick (und wohl auf Sicht) jedenfalls überlebt. Denn wir haben die Krise gekriegt, und nicht nur eine. Müßig, sie alle aufzuzählen.

Werte wackeln, Kanonisiertes kollabiert, Glaubenssätze und Normen verlieren an Kraft. Wahlergebnisse zeichnen in vielen Ländern das Bild zweier ungefähr gleich starker Kräfte, die in entgegengesetzte Richtungen ziehen. Es sind zum Zerreißen angespannte spannende Zeiten, in denen das Schwarzmalen nicht weiter schwerfällt.

Zwei: Angst und Hoffnung

An der Börse der Zukunftserwartungen schließt die Apokalypse fast täglich mit einem neuen Rekordhoch ab. Die von Angst befeuerten Medien heizen das Klima auf und sättigen durch die Verbreitung von noch mehr Angst ihren eigenen Nährboden noch weiter.

Einen Nährboden, auf dem die zarten Keime hoffnungsvoller Zukunftsbilder nur mit Hilfe liebevoller Hege und Pflege gedeihen und sich zu unwiderstehlichen Träumen, Visionen und Entwürfen einer gewandelten, verantwortungsvollen und gereiften Weltgesellschaft und Weltwirtschaft auswachsen. Dazu bedarf es der richtigen Traumfänger und Werkzeuge, um die Zukunft zu dem zu machen, was sie vor noch gar nicht allzu langer Zeit einmal war: keine Bedrohung, sondern ein Versprechen. Und dazu braucht es vor allem eben Hoffnung. Handlungsstiftende Hoffnung, wie sie Rebecca Solnit in Hope in the Dark beschreibt: “Hope just means another world might be possible, not promised, not guaranteed. Hope calls for action; action is impossible without hope.”

Drei: Die Zukünfte

Sich “die Zukunft” als solche auszumalen, ist eine Ehrfurcht einflößende Aufgabe. Da Ehrfurcht eher zur Erstarrung als zum Handeln verleitet, ist es wesentlich günstiger und leichter, sich stattdessen mehrere intellektuelle Optionen offen zu halten und die Zukunft in der Mehrzahl statt in der Einzahl zu denken. Als Zukünfte also. Zukünfte sind greifbarer, konkreter, gedanklich und gestalterisch leichter zu bewältigen und spielerischer in Erfahrung zu bringen. Und sie machen es leichter, ihnen einfach mit der nächstbesten kleinen, aber eben machbaren Veränderung im eigenen Alltag auf die Sprünge zu helfen, ohne angesichts der schieren Dimension der zu verändernden Größen resigniert meinen zu müssen, dass es auf den verschwindend kleinen eigenen Beitrag ja gar nicht ankomme.

Vier: Erfahrbare Zukünfte

Futuring ist die Disziplin, sich Zukünfte zu denken und sie plastisch vor dem inneren Auge Gestalt annehmen zu lassen. Das erfordert nicht notwendiger- und lehrbücherweise Fachwissen als vielmehr ein vitales Interessiertsein an der Welt im weitesten Sinne. Und eine ungefähre Vorstellung davon, welches Empirie mit Spekulation und Fantasie verbindet . Es setzt bei der simplen und doch alles umwälzenden Erkenntnis an, dass die Zukunft im Jetzt beginnt: Was und wie wir jetzt denken und handeln, bringt die Zukunft hervor. Dass in der neuerdings häufiger gestellten Frage nach der Enkeltauglichkeit unserer Entscheidungen ein Hauch von Pathos mitschwingt, ändert nichts an ihrer Berechtigung. Unzweifelhaft steht jedoch fest, dass nichts von selbst geschieht. Es gibt keine Wirkung ohne Ursache.

Fünf: Unsere einzige Chance

Eine weitgehend krisenfreie künftige Welt braucht eine Ursache, nein, viele Ursachen: Veränderung auf vielen Ebenen, große und kleine. Die erste dieser Ebenen ist das individuelle und in seiner Folge das kollektive Bewusstsein. Jeder Gedanke macht einen zumindest potenziellen Unterschied. Viele kleine Unterschiede machen einen etwas größeren. Und diesen größeren Unterschied gilt es wohl zu schaffen, wenn die Szenarien der Hoffnung gelebte Realität werden sollen.

Welche Zukünfte erschaffen wir uns also, wenn wir uns verändern? Idealerweise solche, in denen die Menschen – und das ist nichts weniger als das Credo von Turnton Docklands – auf die Zehner- und frühen Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts zurückblickend sagen werden: „Change was our only chance.“

Sechs: Physisches Erzählen

Seit 2007, also seit zehn Jahren geht Time’s Up einer speziellen Form des Geschichtenerzählens nach: Dem Entwerfen und Bauen begehbarer Erzählungen oder physical narratives. Physical narratives ähneln Filmsets oder Bühnenbildern. Mit dem Unterschied, dass es dort weder SchauspielerInnen noch anderes leibhaftig anwesendes Personal gibt. Die BesucherInnen finden stattdessen bis ins Detail ausgestaltete Räume mit Spuren von fiktiven Charakteren samt einem Ensemble an Requisiten, Objekten und Medien – Zeitungen, “zufällig” laufenden Radio- oder Fernsehsendungen, Briefe, Tagebücher und dergleichen mehr – vor. Alles, was da ist, darf und soll berührt und untersucht werden. Jedes Element ist ein mehr oder weniger wichtiges Puzzleteilchen, deren Kombination in den Köpfen der Gäste ein Bild ergibt und eine Geschichte erzählt (wenn auch vielleicht nicht immer die von Time’s Up geschriebene). In diesem Sinne haben die von Time’s Up ausgestalteten Schau- und Erzählräume weitere räumliche Dimensionen: Sie sind beziehungsweise stiften auf geistigem Weg individuelle Spiel- und Interpretationsräume.

Erzählte das erste physical narrative von Time’s Up noch eine Crime Story im Stil des Film Noir, sind im Lauf der Jahre Zukunftsszenarien im Wortsinn zum Lieblingsstoff des Kollektivs geworden: Räume, in denen ein sorgsam unter vielen möglichen Zukünften ausgesuchtes Zukunftsbild zur erfahr- und begehbaren Realität wird. Die futuralistischen physical narratives vermitteln einen sinnlichen Eindruck, welche Handlungen jetzt als Ursachen für eine erstrebenswerte spätere Lebensumstandswirkung notwendig sind – und wirken so als mentale Werkzeuge der Veränderung.

Sieben: Dem Wahrscheinlichen ins Auge schauen

Sich positive Zukünfte auszumalen, heißt nicht, roséfarbene Scheuklappen anzulegen und unbequeme Wahrheiten einfach zu leugnen. Die in Gang befindliche Erwärmung der Erdatmosphäre um mindestens zwei Grad samt allen ökologischen und sozialen Konsequenzen lässt sich beispielsweise nicht einfach wegdenken. Aber sie lässt sich als Ausgangspunkt für ein mit vielen Fakten hinterlegtes Gedankenspiel zur Entwicklung jener Strategien nehmen, mit denen die Menschheit in 30 Jahren das Beste aus dem Status quo von 2017 gemacht haben wird.

In dem Zukunftsbild, das Time’s Up für  2047 anbietet, ist der Naturhaushalt aus den Fugen geraten und der Alltag überall auf der Welt von den verheerenden Langzeitwirkungen der Umweltverschmutzung geprägt. Schadstoffbelastungen und Altlasten vergiften Böden und Gewässer. Ganze Ökosysteme sind kollabiert, weite Teile der Ozeane Todeszonen geworden. Die bis Mitte der 2020er Jahre aus politischen Gründen bloß zaghaft bekämpfte globale Erwärmung hat Wetterextreme alltäglich werden lassen und zahlreiche Landstriche und Küstengebiete durch Dürren, Überflutungen und Meeresspiegelanstieg unbewohnbar gemacht.

Das sind die äußeren Umstände, die das Leben auch in Turnton prägen – einer nicht weiter lokalisierten Kleinstadt am Meer, deren Docks aus Anlass des Ars Electronica Festival 2017 temporär im Untergeschoß des LENTOS Kunstmuseum Linz in Form von Hafenviertelmarktplatz, Hafenkneipe und Hafenmeisterei Gestalt annehmen.

Acht: Eine andere Welt war möglich

Der ökologischen Dystopie von Turnton 2047 steht jedoch eine sozioökonomische Utopie gegenüber, die sich den geneigten Besucherinnen und Besuchern der Zukunft und des Hafenviertels von Turnton nach und nach im Detail erschließt. Der Neoliberalismus ist Geschichte, das Wachstumsmantra verstummt, und das entfesselte Freihandelsregime gehört der Vergangenheit an. Stattdessen ist  Wirklichkeit geworden, was jahrzehntelang als politisch, wirtschaftlich oder technologisch nicht umsetzbar abgetan und als naiv belächelt wurde.

Die Rohstoff-, Energie- und Verkehrswende ist so schwungvoll angelaufen, dass sie nicht mehr aufzuhalten ist. Unter Anleitung der General Authority for Sustainability dient die nachhaltige Ökonomie anno 2047 dem Gemeinwohl. Alltagskultur, Produktion und Handel sind der Natur, der Ressourcenschonung sowie den Menschenrechten verpflichtet. Dass es so bleibt, hat sich unter anderem die Global Transparency Agency zur Aufgabe gemacht. Das Center for Advanced Technologies wiederum stellt die entsprechenden Technologien dafür zur Verfügung. Auch jene, mit denen die Menschheit das Ökosystem schrittweise bei seiner Regeneration unterstützt.

In Turnton tut das unter anderem eines von vielen Networked Oceanic Society Laboratories. Die dort gezüchteten und überaus gefrässigen Unterwasserorganismen dezimieren das Mikroplastik im Meer. Das ist ganz nach dem Geschmack von Algenfarmer Hamish Dornbirn, der mit seiner Ocean Recovery Farm an der Küste von Turnton Pionierarbeit bei der sanften Reinigung der verseuchten Strände und Gewässer leistet.

Neun: Migrationsmanagement 2047

Längst hat die klimabedingte Migration ihren Schrecken verloren. Der inter- und transkontinentale Lebensmittelpunktwechsel ist ein von Travel without Borders und dem New Neighbour Integration Bureau gut organisierter Teil der gesellschaftlichen Normalität, in der kulturelle Diversität auf die Habenseite des Wertekontos gebucht wird. Die Wertschätzung neuer Nachbarinnen und Nachbarn drückt sich unter anderem in einem kurz bevorstehenden mehrtägigen Kunst- und Kulturfestival in Turnton aus. Celebrating the strength of diversity lautet sein Motto, das zwanzigjährige Jubiläum des örtlichen New Neighbour Integration Bureau stiftet den Anlass.

Die runden Jahreszahlen sind jedoch nicht der einzige Grund zum Feiern: Mit Travel without Borders hat das Büro jüngst erst einen Bescheid für die Sozialisierung von Lagerhallenleerständen erwirkt, wie sich NNIB-Sprecher Olufemi Badour freut. Somit steht nach entsprechenden Adaptionsarbeiten Raum für die demnächst eintreffenden Menschen zur Verfügung, die aus ihrer Heimat auf einer Inselgruppe im Atlantik evakuiert werden müssen.

Zehn: Nette Neighbourhood

Eine der migrantischen Erfolgsgeschichten von Turnton hat Fenfang Lin geschrieben. Eines Tages hatte die studierte Meeresbiologin genug von Lehrsälen und Labors und tauschte ihre akademische Karriere gegen die Hafenkneipe Medusa ein, in der das Herz des Hafenviertels schlägt. Ihr umfangreiches Wissen in Sachen maritimer Flora und Fauna kommt ihr auch dort zugute: In der Kombüse der Medusa bereitet sie ausgefallene Snacks und Drinks aus dem zu, was Recoveryfarmer Dornbirn entlang der Küste im Wasser erntet. Mit ihm verbindet Lin neben der Handels- eine Liebesbeziehung so wie sie mit der Hafenkoordinatorin Margaret Bloomenfeld eine enge Freundschaft verbindet. Entsprechend zahlreich fallen Bloomenfelds Besuche der Bar aus, die auch die örtliche Pflanzenbestäuberin – sie setzt das Werk der leider fast ausgestorbenen natürlichen BestäuberInnen fort – und den Müllbaron Trashy zu ihren Stammgästen zählt. Der betreibt seinerseits nicht nur das lokale Upcycling-Center, sondern auch die regionalen Recycled Goods Malls: Alternative Einkaufszentren mit ökofairem Sortiment. Was sagt man dazu? – Gekauft.

Turnton Docklands wird durch die freundliche Unterstützung von Bundeskanzleramt Österreich, Linz Kultur, OÖ-Kultur, Linz AG, Valletta 2018, ecoduna, meinklangbett, Lentos Kunstmuseum Linz, Ars Electronica und servus.at ermöglicht.

KomplizInnen: Albert Förster, Alexander Meile, Anat Stainberg, Andrea Strasser, Andreas Kump, Andreas Mayrhofer, Angela Waidmann, Anna Mendelssohn, Antonia Kriegner, Astrid Benzer, Aurel von Arx, Barbara Hinterleitner, Bastian Dulisch, Bronwynn Mertz-Penzinger, Caroline Richards, Christian Haas, Christian Leisch, Christian Scheppe, Christian Strasser, Christian Wellmann, Christopher Hüttmansdorfer, Daniel Steiner, Die Fabrikanten, Dominika Meindl, Doris Schüchner, Elisa Unger, Elke Doppelbauer, Florian Kofler, Florian Sedmak, Freundinnen der Kunst, Gabriele Deutsch, Giles Tilling, Gitti Vasicek, Gunda Schanderer, Helga Schager, Inga Hehn, Jenny Weichert, Joschi Viteka, Jürgen Zauner, KAPU, Katja Seifert, Leo Schatzl, Leonie Reese, Luis Wohlmuter, Lutz Zeidler, Marc Schrögendorfer, Maria Fliri, Mario Habringer, Marion Huber, Markus Zett, Matt Davidson, Matthias Gschaider, Matthias Hack, Maximilian Modl, Michael Smulik, Michael Strohmann, monochrom, Nik Hummer, Nina Pieper, Paul Schaussberger, Peter Woy, Philip Huemer, Philipp Pamminger, qujochoe, radio fro, Robert Zauner, S. Javid Hakim, Sarka Zahálková, servus.at, Sigrid Cakir, Silke Grabinger, Silke Müller, Stefan Füreder, Stephan Rois, Susanne Gschwendtner, Tanja Brandmayr, Tanja Lattner, Thomas Latzel, Thomas Leitner, Thomas Maier, Tim Boykett, Tim Weckenbrock, Tina Auer, Ufuk Serbest, Ushi Reiter, Valarie Serbest, Veronika Platz, Wolfgang Gratt