Wann wird aus einem Irrtum ein Fehler, ein Versagen und wodurch wird er zur gefeierten Quelle unvorhergesehener Ideen und Erfindungen? Wann ist ein Irrtum ein Versehen und wann absichtliche Täuschung, Fake?

Ein Error ist die Abweichung von dem was wir erwarten, eine Abweichung von der Norm … aber was ist die Norm und wer legt sie fest? Ein Error muss kein Fehler sein, er kann eine Chance sein!

Doch wieviel Toleranz bringen wir für solche Abweichungen auf und reicht sie für die nötigen Spiel- und Freiräume, um die darin liegende Produktivkraft für gesellschaftliche und wirtschaftliche Innovation auch nutzen zu können? Oder lassen wir uns von populistischer Angstrhetorik und Social Scoring ins Bockshorn jagen? Beobachtet man die aktuelle Situation, dann kommt sehr schnell der Eindruck auf, dass einiges schief gelaufen ist mit der digitalen Revolution und dem 21.Jahrhundert. Millionen von Menschen fühlen sich um ihre Datenhoheit und Privatsphäre betrogen, Täuschung und Fake sind Alltagsrealität geworden und beeinflussen öffentliche Stimmung und politische Meinungsbildung und über allem schwebt eine diffuse Angst in der rasanten Dynamik der Entwicklung auf der Strecke zu bleiben. War der Traum von der schönen digitalen Welt ein Irrtum und wie können wir diesen Traum retten?

Unsere Zeit ist gekennzeichnet von Perfektionswahn und einer wie es scheint unerschütterlichen Technologiegläubigkeit. Im Wunsch nach Optimierung, Effizienz- und Produktivitätssteigerung und viel öfter noch für das bloße Vergnügen an den Möglichkeiten die uns digitale Technologien und soziale Medien verschaffen, liefern wir uns einer Maschinerie aus, die alles daran setzt, uns zu digitalen Konsum-Lemmingen machen.

Big Data Surveillance spürt präventiv jede Abweichung von unseren Gewohnheiten auf und Social Scoring soll in Zukunft unser Verhalten noch besser an den gesellschaftlichen Normen und Standards optimieren. Umso perfekter und leistungsfähiger die dafür eingesetzten Technologien werden, umso enger wird es für uns. Wer nicht rein passt, fällt raus.

Dabei liegt doch gerade in der Unvollkommenheit das größte Potential für neue Lösungen. Nicht die Optimierung sollte unser Ziel sein, denn sie ist bloß eine bestmögliche Annäherung und Anpassung an das, was wir jetzt denken können und für richtig halten. Optimierung lässt keinen Spielraum für Unerwartetes und damit auch keinen Spielraum um tatsächliche Fehlentwicklungen zu erkennen und zu korrigieren oder mit besseren neuen Ideen, andere Wege einzuschlagen.

Fehlerkultur, Risikobereitschaft und Kreativität sind die vielleicht wichtigsten Zukunftskompetenzen unserer Zeit.

Wieviele Irrtümer musste die Evolution in den genetischen Sequenzen der Lebewesen machen bis aus LUCA (dem Last Universal Common Ancestor vor 3,5 Mio Jahren) Homo Sapiens wurde? Und aus wieviel Irrtümern musste der Homo Sapiens lernen um den heutigen Entwicklungsstand zu erlangen. Um wieviele Erfahrungen und Erkenntnisse wäre die Menschheit ärmer, hätte es immer nur „normale“ Menschen und statistisches Mittelmaß gegeben … keine Andersartigen, Andersdenkenden, Andersfarbigen, Andersgläubigen?

Irren ist menschlich, sagt man. Streben wir deswegen ständig nach Perfektion und glauben immer wieder diese mit Technologie und Wissenschaft erreichen zu können obwohl wir uns dann doch wieder vor nichts so sehr fürchten, als unter die Räder einer perfekten und ohne uns funktionierenden Maschinenwelt zu kommen.

Wie können wir unsere sehr ambivalente Beziehung zu Technologie als treibende Kraft der Gestaltung unserer Zukunft neu denken und welche Irrtümer sollten wir vielleicht nicht wiederholen?

Der Begeisterung für die digitale Welt und künstlicher Intelligenz, stellen wir die Aufforderung zu sozialer Intelligenz zur Seite. Wir propagieren den Mut zur Unvollkommenheit, denn vielleicht ist es ja gerade das, was uns immer von den Maschinen unterscheiden wird?


Gerfried StockerGerfried Stocker (AT) ist Medienkünstler und Ingenieur der Nachrichtentechnik. Seit 1995 ist Gerfried Stocker künstlerischer Geschäftsführer von Ars Electronica. 1995/96 entwickelte er mit einem kleinen Team von KünstlerInnen und TechnikerInnen die richtungsweisenden neuen Ausstellungsstrategien des Ars Electronica Center und betrieb den Aufbau einer eigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilung, des Ars Electronica Futurelab. Unter seiner Führung wurden ab 2004 das Programm für internationale Ars Electronica Ausstellungen aufgebaut und ab 2005 die Planung und inhaltliche Neupositionierung für das neue und erweiterte Ars Electronica Center aufgenommen und umgesetzt. Stocker ist Gastredner auf zahlreichen internationalen Konferenzen und Gastprofessor der Deusto University Bilbao und berät zahlreiche Unternehmen in den Bereichen Kreativität und Innovationsmanagement.

Christine SchöpfSeit 1979 wirkt Christine Schöpf (AT) maßgeblich an der Entwicklung von Ars Electronica mit. Zwischen 1987 und 2003 war sie federführend an der Konzeption und Organisation des Prix Ars Electronica beteiligt und ist seit 1996 gemeinsam mit Gerfried Stocker für die künstlerische Leitung des Ars Electronica Festival verantwortlich. Christine Schöpf studierte Germanistik und Romanistik und war anschließend als Radio- und Fernsehjournalistin tätig. Von 1981 bis 2008 leitete sie das Kultur- und Wissenschaftsressort des ORF Oberösterreich. Seit 2009 ist Christine Schöpf Honorarprofessorin der Kunstuniversität Linz.