Mahlers Auferstehungs-Sinfonie Visionized 2006

Nach dem Pilotprojekt „Das Rheingold – Visionized“ hat das Ars Electronica Futurelab zusammen mit dem Künstler Johannes Deutsch Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 2 c-moll als interaktive Visualisierung im dreidimensionalen Raum umgesetzt. Die Premiere am 01. Januar 2006 im Auftrag des WDR (Westdeutscher Rundfunk) zum Start von dessen 50. Jubiläumsjahr in der Kölner Philharmonie überzeugte als visionäre Aufführungspraxis in einer neuen Dimension. Für die Live-Übertragung im Fernsehen wurde für den WDR ein Konzept erarbeitet, in dem sich das interaktive Environment über vier virtuelle Kameras erschließt.

 

Mahler’s Resurrection Symphony comissioned by the WDR for it’s 50th anniversary.

 

Bei der Visionized-Version der Auferstehungssinfonie wurde eine dreidimensionale virtuelle Bildwelt inszeniert, die mit der im Saal erzeugten Klangwelt in Verbindung stand.

Auf kaum erschlossenem Experimentierfeld in der Verbindung künstlerischer und computertechnischer Ansätze, wurde das klassische Werk Mahlers neu gelesen und interpretiert. Das Wagnis der Visualisierung lag in der innovativen Zusammenführung verschiedener Kunstgattungen in einem neuen Inszenierungskonzept, das die musikalische Komposition im dreidimensionalen Raum visuell umsetzte. Die auf den Entwürfen des Wiener Künstlers Johannes Deutsch basierende Bildwelt wurde mithilfe von Softwareentwicklungen des Ars Electronica Futurelab interpretiert und für die Darstellung im dreidimensionalen Raum adaptiert. Johannes Deutsch hatte das Musikstück einer eingehenden Analyse unterzogen und mit 18 Objekten einen Inhaltlichen Rahmen für die visuelle Umsetzung ausgeführt. Die Gestaltungsideen für die dramaturgischen Transformationen der 3D-Elemente und der Gesamtinszenierung übersetzen das Thema der Auferstehungssinfonie in ein ästhetisches Spiel dynamischer Form- und Farbkompositionen, die eine eigene visuelle Sprache transportierten. Die Verknüpfung von Technologie-Entwicklung (Audio-Analyse, 3D-Grafik, virtuelle Kamera) mit dem Konzept für eine multimediale Klangraum-Visualisierung erschloss so neue Modi der Gestaltung und Rezeption von klassischen Werken und schaffte neue Zugänge.

 

Festkonzert zum 50 jährigen Bestehen des WDR: WDR Sinfonieorchster, Ltg. Semyon Bychkov Gustav Mahler Sinfonie Nr.2 c-moll Medienkünstlerische Gestaltung: Johannes Deutsch und Ars Electronica Futurelab Linz Philharmonie Köln 1.1.2006
50th anniversary concert of the WDR Symphonic Orchestra, conducted by Semyon Bychkov: Gustav Mahler, Sinfonie Nr.2 c-moll
Philharmonie Köln 1.1.2006. Credit: WDR

 

Verbindung von virtueller Umgebung und Klangraum

Das Interaktionskonzept zur Verbindung des virtuellen Raums mit dem Klangraum im Konzertsaal ermöglichte eine computergestützte Interpretation der musikalischen Impulse, die in Echtzeit über 48 Kanäle in die visuelle Darstellung einfließen konnten. Audiosignale wurden nach unterschiedlichen Gesichtspunkten analysiert und mit der visuellen Darstellung verknüpft. Sie beeinflussten sowohl einzelne Elemente als auch die Gesamtinszenierung und führten zu einer Verbindung von der mit dem Spiel der Musiker synchronisierten Modulation des Raumbildes und spontanen Reaktionen der Visualisierung auf ausgewählte Klangereignisse.

Aufführungspraxis “Visionized”

Das Ergebnis war eine visionäre Aufführungspraxis, die, so auch Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma, in “eine neue Dimension der Musik und der optischen Wahrnehmung” führte. Durch stereoskopische Projektion wurden die Bilder in einem dreidimensionalen virtuellen Raum umgesetzt, der sich mit dem realen Raum des Konzertsaals überlagerte und das Publikum umhüllte. So entstand der visuelle Eindruck, dass sich die Gestaltungselemente frei im Raum bewegten und verschiedenste räumliche Perspektiven und Dimensionen – von unmittelbarer Nähe bis scheinbar unendliche Weite – ein- bzw. wahrgenommen werden konnten. Für das Fernseh-Publikum ermöglichte die Ausnutzung des Pulfrich-Effekts ebenfalls die dreidimensionale Wirkung der Inszenierung.

 

Festkonzert zum 50 jährigen Bestehen des WDR: WDR Sinfonieorchster, Ltg. Semyon Bychkov Gustav Mahler Sinfonie Nr.2 c-moll Medienkünstlerische Gestaltung: Johannes Deutsch und Ars Electronica Futurelab Linz Philharmonie Köln 1.1.2006
Credit :WDR/Thomas Kost“

 

Intelligente Technologien

Für die Fernsehübertragung wurde die künstlichen Umgebung durch eine „virtuelle Kamera“ erschlossen. Sie war eine der technologischen Innovationen, die das Ars Electronica Futuralab für das Projekt realisiert hatte. Sie ermöglichte, den fixierten Standpunkt des Publikums zu verlassen und durch die digital konstruierte Welt zu navigieren. Als „intelligente Kamera“ passte sie sich selbsttätig an die Gestaltungskriterien der Visualisierung an und konnte für die Erzeugung des Pulfrich-Effekts über das Fernsehbild genutzt werden.

Schon für „Das Rheingold – Visionized“ wurden unterschiedliche, vom Ars Electronica Futurelab entwickelte Technologien kombiniert, modifiziert, aufeinander abgestimmt und weiterentwickelt. So hatten Spezialisten in einem mehr als einjährigen Prozess ein Computersystem ‚lernen’ lassen, die Musik zu ‚hören’ und die Modulationen der Signale nach gestalterischen Kriterien auszulegen. Das Beschreiten neuer Wege im Folgeprojekt hat wiederum zu neuen technologischen Innovationen und Softwarelösungen geführt.


Project Management:

Pascal Maresch

Research & Development:

Robert Abt, Florian Berger, Peter Freudling, Horst Hörtner, Andreas Jalsovec, Stefan Mittlböck-Jungwirth, Nina Valkanova

Keyresearcher / Virtual Environments:

Christopher Lindinger