About

Videoblog zur Ars Electronica 2010 auf ZEIT ONLINE.

Videos zur Ars Electronica 2010 auf Vimeo und YouTube.

REPAIR sind wir noch zu retten

Die Zeit des Warnens ist vorüber, denn wir stecken schon mitten drinnen: In der Klimakrise, der Überwachungsgesellschaft, dem Bankrott der Finanzwirtschaft … Points of no Return sind überschritten und die Dramatik der Auswirkungen ist klar erkennbar. Unerklärlich daher unsere Lethargie, zumal Ideen, Werkzeuge und Techniken für den Kurswechsel vorhanden sind. Wir müssen einfach nur handeln. Die Ärmel hochkrempeln und in Angriff nehmen, woran sowieso kein Weg vorbeiführt. Wir müssen uns ändern und mit der Reparatur beginnen.

2010 geht das Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft auf die Suche nach Auswegen und wendet sich an die Pioniere unserer Zeit. Keine Abenteurer, die einfach drauflos segeln. Sondern Visionäre, die mit hohem Fachwissen, sehr viel Kreativität und Idealismus an einer alternativen Zukunft arbeiten. repair lautet der Titel eines Festivals, das sich diesen Wegbereitern anschließt und die kollektive Nachahmung empfiehlt …


„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ / Friedrich Hölderlin, Patmos (1804)

“It is too late to be a pessimist“ / Yann Arthus Bertrand, Home (2009)

REPAIR – sind wir noch zu retten

Man sagt, dass alle Menschen zusammen etwa gleich viel Gewicht auf die Waage bringen würden wie alle Ameisen und das, so schätzt man, ist gerade einmal ein halbes Prozent der Biomasse auf diesem Planeten. 6.815.500.000 gibt es schon von uns, und jede Sekunde wächst die Weltbevölkerung um weitere 2,5 Menschen. In den etwa 200.000 Jahren seit seinem Erscheinen hat der Homo Sapiens die Erde rücksichts- und gedankenlos verändert. Richtig begonnen hat es wohl vor gut 10.000 Jahren, als wir sesshaft wurden und mit dem Ackerbau begannen. Doch erst in letzter Zeit haben wir in vielen Bereichen kritische Points of no Return überschritten und es hilft nicht mehr, vor den Gefahren, die uns drohen, zu warnen – wir stehen schon längst mitten drinnen. Das trifft auf den Klimawandel und die Umweltzerstörung genauso zu, wie auf die Arglosigkeit, mit der wir uns in eine digitale Überwachungs- und Kontrollgesellschaft begeben haben.

Sometimes the only way to repair is to restart

Wir können nicht zurückgehen, an den Anfang, sondern müssen dort weitermachen, wo wir stehen. Aber unter anderen Prämissen. Mit dem Mut, die Dinge ganz anders zu tun und Systeme, Verhaltensweisen auch an ihren Wurzeln zu ändern, dagegen zu rebellieren.

Wir müssen uns ändern!

Das Wissen, die Techniken und die Werkzeuge dafür sind vorhanden (darin waren wir Menschen immer schon gut), aber der gesellschaftliche, politische Konsens ist weit davon entfernt, endlich die Wege vorzugeben, von denen wir ohnedies schon wissen, dass wir nicht an ihnen vorbei kommen. Nach dem zu Jahresbeginn in Kopenhagen eindrucksvoll demonstrierten Versagen von Politik und Verwaltung bleibt uns wohl nur die Hoffnung auf die Vernunft des Einzelnen und die Weisheit der Masse. Es bleibt uns nur, endlich die Ärmel hochzukrempeln und mit der Reparatur zu beginnen.

Repair – Rethink – Reinvent

Reparatur nennt man den Vorgang, bei dem ein beschädigtes Objekt in einen Zustand zurückversetzt wird, in dem es die ihm zugedachte Funktion wieder erfüllen kann. Die lateinische Herkunft des Wortes reparare meint aber nicht nur wiederherstellen und ausbessern sondern auch erneuern. Im Reparieren steckt eine hohe innovative Kraft, da es im Gegensatz zum Recyceln die Dinge nicht an den Ausgangspunkt zurückversetzt, sondern auch weiterentwickeln kann. Es ist ein nachhaltiges Konzept, das eine Wertschätzung der uns umgebenden Dinge bedeutet. Davon gehen starke kreative und ökonomische Kräfte aus und nicht zuletzt ist Reparieren eine Fertigkeit, die ein Stück unabhängiger macht.

Do it yourself – Repair it yourself!

Doch damit wir weiterfahren können, müssen wir diesmal nicht nur unseren Karren wieder reparieren, sondern auch unseren Fahrstil und unsere Ziele.

„Repair“, die Bereitschaft, die Fähigkeit, Dinge zu reparieren, ist ein Gegenentwurf zur noch immer dominierenden Vorstellung eines primär auf Wachstum basierten Fortschritts und dem damit einhergehenden Glauben, dass dies Wohlstand für alle sichern würde. Doch nun sehen wir, dass die selbstverständliche Kontinuität von Arbeitsplatz und Rente wohl nur eine kurze Episode der Geschichte war (und das auch nur in einem sehr kleinen Teil der Welt).

Um aus den tiefgehenden Krisen unserer Zeit herauszukommen, brauchen wir Zukunftsmodelle, die auch die Bereitschaft und Fähigkeit zur Reparatur kennen, und das nicht erst, wenn schon alles zu spät ist. Das erfordert Mut, Einfallsreichtum und die Bereitschaft anders zu denken und zu agieren. Eine Bereitschaft, die noch nicht in den Entscheidungsebenen von Politik und Wirtschaft angekommen ist, die aber immer mehr Rückhalt in der breiten Bevölkerung bekommt.

Repair = Regeneration

Repair heißt auch wiedergutmachen und heilen und die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und an die eigene Entwicklungsfähigkeit zu glauben. Wer repariert, hat Zukunft.

Die einmalige Gelegenheit, mit der diesjährigen Ars Electronica das gesamte Gelände der ehemaligen Linzer Tabakfabrik bespielen zu können, wird vor dem Hintergrund dieser thematischen Ausrichtung zu einem tragenden programmatischen Element des Festivals.

Eine Fabrikanlage, die man einst baute, um Arbeitsplätze zu schaffen, die Opfer der Globalisierung bzw. der daraus gezogenen, falschen Schlüsse wurde und die nun als wertvolle Immobilie in zentraler Lage zur Keimzelle neuer Zukünfte dieser Stadt werden soll. Ein Ort für die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Zustand unserer Gesellschaft, wie man sich ihn besser und spannender nicht wünschen könnte.

Die Ars Electronica wird so einmal mehr zum Testgelände, zu einer Werkstatt für die Erprobung neuer Ideen und Handlungsmöglichkeiten und für die Überprüfung der Zukunftsfähigkeit von Visionen und Utopien. Ein Prozess, in dem sich Kunst und Wissenschaft, Design und Engineering auf gleicher Augenhöhe begegnen können.


REPAIR

sind wir noch zu retten

Ars Electronica 2010

Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft.

Linz, 2.-11. September 2010