Aoife Van Linden Tol: Explosionen als schöpferische Kräfte

Es sind heftige Explosionen, die die Künstlerin Aoife Van Linden Tol besonders faszinieren. Im Rahmen der art&science-Residency erhält sie die Möglichkeit, die ESA sowie das Ars Electronica Futurelab zu besuchen, um dabei ausreichend Inspiration für ihr nächstes Projekt zu sammeln. Im Interview spricht sie unter anderem darüber, dass Explosionen weit mehr in sich tragen als die Macht der Zerstörung.

Aoife van Linden Tol
Credit: Aoife van Linden Tol

212 KünstlerInnen aus 45 Ländern haben ihre Ideen zum ersten gemeinsamen Open Call der Europäischen Weltraumagentur ESA und Ars Electronica eingereicht – eine Fachjury hat sich schließlich für die irische Medienkünstlerin Aoife van Linden Tol entschieden. Sie hat nun die einmalige Chance, mit den WissenschaftlerInnen der ESA zusammenzuarbeiten und etwa die Landung der Rosetta-Sonde oder die ExoMars-Mission vor Ort im European Space Research and Technology Centre (ESTEC) in Noordwijk (Niederlande) live mit zu verfolgen. Im Anschluss an den Aufenthalt bei der ESA wird sie nach Linz reisen und hier einen ganzen Monat lang mit Teammitgliedern des Ars Electronica Futurelab an einem vom ESA-Besuch inspirierten Projekt arbeiten.

„Was uns an Aoife van Linden Tol am meisten beeindruckt, ist ihr ganz eigener Zugang zu fundamentalen Fragen rund um unser Universum“, so der Kommentar der art&science-Jury. Ein Zugang, der sich vor allem aus ihrer multidisziplinären Herangehensweise speist, schließlich beschäftigt sie sich als Künstlerin mit einer ganzen Reihe an wissenschaftlichen Disziplinen wie der Chemie, der Physik und der Kosmologie. Aber wie kam es dazu, dass sie ihr Augenmerk vor allem auf Explosionen gerichtet hat? Im folgenden Interview haben wir bei Aoife Van Linden Tol persönlich nachgefragt:

Explosion

Credit: Ed Haynes

Seit 2000 beschäftigen Sie sich mit explosiven Stoffen – wie kam es dazu, dass Sie heute von diesem Thema so fasziniert sind?

Aoife Van Linden Tol: Eigentlich bin ich über einen Umweg dazugekommen, dass ich mich heute mit diesen explosiven Dingen beschäftige. Als ich meine Dissertation an der Central Saint Martins zum Thema Landschaftskunst schrieb, entdeckte ich ein Kunstwerk von Isamu Noguchi. Es stellte ein Gesicht dar, das so gestaltet war, dass es vom Mars aus gesehen werden konnte. Mir fiel dabei auf, dass dies nicht nur als Botschaft an außerirdische Zivilisationen zu verstehen war, die zufällig auf unsere Erde stoßen könnten, so wie es der Künstler eigentlich beabsichtigt hatte. Die eigentliche Macht des Werkes bestand darin, dass es zeigte, wie wir Menschen eigentlich glauben, dass zukünftige Zivilisationen über uns denken, wenn sie uns aus der Ferne wahrnehmen würden. So wie dieser „Overview-Effekt“, den AstronautInnen erleben, wenn sie vom Weltraum aus auf die Erde blicken. Mir wurde damit bewusst, dass die Absicht hinter all dem, was wir tun, unheimlich wichtig ist.

„Ich dachte darüber nach, wie es ist, Bomben in einer Formation auf die Landschaft fallen zu lassen. Die Menschheit hat alle möglichen Arten an Werkzeugen geschaffen, um alle möglichen Arten an Zielen zu erreichen. Ich wollte den Zweck einer Bombe jedoch umkehren. Ich wollte zeigen, dass Macht auch Schönheit und Frieden schaffen kann.“

Von diesem Moment an kamen all die Stränge meiner Arbeit, meiner Forschung und von meinen Interessen zusammen – einschließlich Physik, Chemie, Phänomenologie und weitere. Dieses Projekt war aber viel zu groß für meine Abschlussarbeit, und in der Tat arbeite ich immer noch dabei, es zu verwirklichen. Wie auch immer, das war der Beginn meiner Reise in die Natur, in die Physik und in die Thematik der Explosionen und wie uns dessen Eigenschaften emotional berühren.

Wenn wir das Explosive betrachten, gibt es also mehr als die Macht der Zerstörung…

Aoife Van Linden Tol: Ich glaube schon. An erster Stelle sind Explosionen in der Natur eigentlich schöpferische Kräfte. Joni Mitchell singt „we are star dust, we are golden“. Das ist wahr, denn die Elemente neben Wasserstoff und Helium, aus denen unsere Erde und unsere Körper bestehen, wurden tief im Inneren von Sternen gebildet, die aus gewaltigen Explosionen hervorkamen. Aufgrund meiner Erfahrung mit Explosionen als Kunstform glaube ich, dass Explosionen eine große Bedeutung in sich tragen – jenseits des Physischen. Die menschliche Psyche ist so beschaffen, dass wir unsere eigenen Erfahrungen auf die Dinge, die wir um uns sehen, übertragen oder projizieren. Diese überaus mächtige, unmittelbare und radikale Veränderung, die eine Explosion in der physischen Welt verursacht, hat emotional starke Parallelen für uns Menschen. Sie können für uns Angst, Liebe, Ablehnung oder Neuanfänge bedeuten und uns an große Veränderungen in unserem Leben erinnern lassen. Ich arbeite gerne mit diesem Phänomen, um etwas über die Menschen und die menschliche Natur herauszufinden.

Once Upon A Fraction of Time

Once Upon A Fraction of Time, Credit: Aoife van Linden Tol

Ihre Performance “Star Storm” wird eine Verbindung zwischen der Thematik der Explosionen und dem Universum aufbauen – können Sie uns mehr darüber erzählen?

Aoife Van Linden Tol: Beginnend vom Urknall über Sonneneruptionen bis hin zur Supernova ist das Weltall voll von Explosionen. Bei „Star Storm“ möchte ich Explosionen dazu verwenden, um die Physik der Sterne und unserer Sonne im Speziellen zu beschreiben. Ich habe eine Vorstellung davon, wie ich an die Sache herangehen werde, aber wie ich dieses Projekt dann tatsächlich gestalte, das wird sich direkt aus meiner Forschung an der ESA ergeben. So interessiere ich mich beispielsweise für die Reise des Lichts und anderen Sternenpartikeln, sozusagen für all das, wenn etwas lange Zeit durch das Universum reist und dann mit unserer Atmosphäre und der Erde interagiert. Vielleicht kann ich diese Reise in einer meiner Performances beschreiben.

Was sind Ihre Pläne für die Residency an der ESTEC und am Ars Electronica Futurelab?

Aoife Van Linden Tol: Bei der ESTEC wird sich bei mir sehr viel um das Lernen drehen. Ich werde Informationen aufsaugen, viele, viele, viele Fragen stellen. Ich hoffe, ich werde sie nicht alle damit verrückt machen! All diese Forschung wird mir helfen, ein neues Fundament für meine Arbeit zu schaffen – inklusive für die explosiven Performances, die ich beim Ars Electronica Festival 2017 präsentieren werde. Beim Ars Electronica Futurelab hingegen werde ich mich viel mit dem Experimentieren beschäftigen. Dort werde ich all die Techniken testen, die ich bis dahin skizziert habe – ein sehr großes Ziel. Ich möchte außerdem neue Wege entdecken, um Explosionen auslösen zu können. Mich interessiert besonders, welcher Wendepunkt erreicht werden muss, damit eine Reaktion beginnt. Vielleicht kann ja beispielsweise sogar das Publikum den dafür notwendigen elektrischen Impuls geben.

Sie bezeichnen sich selbst als multidisziplinäre Künstlerin – was ist Ihrer Meinung nach der Unterschied zwischen einer multidisziplinären Künstlerin und einer multidisziplinären Wissenschaftlerin?

Aoife Van Linden Tol: Vielleicht gibt es keinen? Die Art, wie wir uns selbst beschreiben oder wie wir uns selbst Titel verleihen, ist ein einfacher Weg, um anderen zu helfen, uns in einen bestimmten Kontext einzuordnen. Es ist hilfreich für Menschen in der Kunstwelt zu wissen, dass ich mit vielen verschiedenen Materialien und Prozessen arbeite – im Gegensatz zu einer Malerin oder einer Fotografin. Eine multidisziplinäre Wissenschaftlerin zu sein, würde vielleicht bedeuten, dass es sich um eine Wissenschaftlerin handelt, deren Arbeiten einige verschiedene Felder überkreuzt. Wie auch immer, in Wirklichkeit sind wir ein Zusammenschluss aus all dem, das wir je jemals waren oder erlebt haben, und wir können uns so viele Kappen aufsetzen wie wir wollen, wenn wir sie uns aussuchen. Ich war und bin eine Künstlerin, eine Wissenschaftlerin, eine Ingenieurin, eine Designerin, eine Autorin, eine Tänzerin, eine Regisseurin, eine Schauspielerin, eine Kuratorin. Was kommt dabei heraus, wenn man all das zusammenmischt? Nun, das ist ein Experiment, das immer noch stattfindet.

Aoife van Linden TolAoife van Linden Tol wurde 1978 in Irland geboren und hat einen Abschluss vom Central St Martins College für Kunst und Design. Ihre Arbeiten wurden bereits auf internationalen Plattformen (wie zum Beispiel am ICA London, im MOMA und in Berlin) gezeigt. Seit 2002 beschäftigt sich die Künstlerin eingehend mit künstlerischen Formen von Explosionen. In diesem Zusammenhang erforscht sie komplexe Themen rund um Natur, Astronomie, Chemie und Physik. Wissenschaftliche Inspirationen sind bereits jetzt ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. Neben Explosionen umfasst ihr vielfältiges Spektrum auch Performances, Installationen, Malerei, Fotografie und Film. Die Künstlerin schafft abstrakte Werke, die sich mit grundlegenden Konzepten rund um Zeit und Materie sowie tiefgreifende menschliche Gefühle und Motivationen beschäftigen.

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