STARTS Prize 2017: Wenn Kunst in andere Sphären tritt

Welche Überschneidungen gibt es in Wissenschaft, Technologie und Kunst? Was ist Innovation? Und welche technologischen Entwicklungen werden langfristig erfolgreich sein? Gerfried Stocker, künstlerischer Leiter der Ars Electronica, und Veronika Liebl, Projektleiterin des STARTS Prize, haben mit uns darüber gesprochen.

STARS Trophy
STARTS Prize Trophy by Nick Ervinck (BE). Credit: Peter Verplancke

STARTS – Science, Technology, Arts. Bereits zum zweiten Mal schreibt Ars Electronica in Zusammenarbeit mit BOZAR und der Waag Society mit dem STARTS Prize 2017 einen prestigeträchtigen Wettbewerb im Auftrag der Europäischen Kommission aus. Bis 3. März 2017 werden innovative Projekte an der Schnittstelle von Wissenschaft, Technologie und Kunst gesucht – zu gewinnen gibt es in zwei Kategorien eine finanzielle Unterstützung von jeweils 20.000 Euro sowie unter anderem öffentliche Auftritte beim Ars Electronica Festival und bei den Partnern BOZAR in Brüssel und der Waag Society in Amsterdam. Zu Beginn des Open Calls haben wir uns für ein Interview mit Gerfried Stocker, dem künstlerischen Leiter der Ars Electronica, und Veronika Liebl, Projektleiterin des STARTS Prize, getroffen.

STARTS steht für Wissenschaft, Technologie und Kunst – welche Überschneidungen gibt es in diesen drei Bereichen im Jahr 2017?

Gerfried Stocker: Was sich ganz klar abzeichnet ist, dass diese Form des Zusammenarbeitens – des „Zum-Einsatz-Bringens“ von künstlerischer und wissenschaftlicher Arbeit und dessen technische Umsetzung – in den letzten Jahren enorm an Bedeutung, Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit gewonnen hat. Auch 2017, im bereits zweiten Jahr des STARTS Prize, wollen wir die Wichtigkeit dieser Kooperationen ganz besonders hervorstreichen und letztlich mit diesem Wettbewerb unter Beweis stellen, dass enorm viele Initiativen, Aktivitäten und Projekte in diesem Bereich bereits geschehen.

„Der STARTS Prize will diese Arbeiten hervorstreichen und zeigen, dass das Ganze nicht nur ein modischer Hype ist, sondern hier wirklich ganz substanzielle Beiträge für neue innovative Wege und Entwicklungen vorhanden sind. Gerade für uns als Ars Electronica ist es unheimlich spannend diesen Preis der Europäischen Kommission ausrichten zu dürfen. So ein Wettbewerb, so eine internationale Ausschreibung, bringt immer wieder auch für uns überraschende und neue Projekte mit sich.“

Für alle drei Bereiche – ob Wissenschaft, Technologie oder Kunst – trifft es im gleichen Maße zu, dass sie trotz allem viel zu wenig voneinander wissen und dass sich auch in den Überschneidungen dieser Bereiche wieder neue Territorien entwickeln. Was mich und viele andere Leute, mit denen ich darüber sprechen konnte, voriges Jahr überrascht hat, war die Intensität und Vielschichtigkeit bereits bestehender Kooperationen zwischen KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen und IngenieurInnen.

Magnetic Motion

Iris Van Herpen und ihr Team erhielten für „Magnetic Motion“ den STARTS Prize 2016. Credit: Morgan O’Donovan

Kann man sagen, dass neue Technologien heute anders entwickelt werden müssen als vor ein paar Jahren?

Gerfried Stocker: Durch die Natur dieser neuen Technologien, die sehr kommunikativ sind und sich auf den Austausch sozialer Situationen beziehen, treten diese weit mehr in unser Leben ein. In der technologischen Entwicklung hat man sich bisher meist nur darauf konzentriert, dass Produkte gut aussehen, dass ein gutes Image aufgebaut wird und dass sie sich gut verkaufen lassen – das war es letztendlich.

Eine komplett neue Herausforderung ist es heute, so seltsam das für viele von uns noch klingt, dass man gut mit Produkten und Technologien auskommt – im Sinne von Zusammenleben. Es geht nicht mehr nur um den Prozess, einen Kunden bei der Kaufentscheidung zu überzeugen, dann nutzt diejenige Person das Gerät und das war’s.

Das betrifft alle Bereiche – ob selbstfahrende Autos, Smart Technologies und Smart Cities rund um lernfähige Systeme, Assistive Technologies, Social Robotics, also all diese sehr zentralen Schlagwörter, die Synonym für die wirtschaftlichen Chancen der Zukunft sind. All diese Bereiche sind in einer neuen Intensität und Form daran geknüpft, dass man den Menschen als aktiven Teilnehmer in diesem System sehen muss. Da ist es dann eigentlich egal, welchen technologisch-wirtschaftlichen Bereich wir uns dabei ansehen, denn diese Frage, wie wir dieses Verhältnis von Technologie und Mensch neu gestalten, ist überall von entscheidender Relevanz.

„Das ist nicht nur von einer gesellschaftlich-ethisch-moralischen Relevanz, wie das vor zehn Jahren noch diskutiert werden konnte, sondern mittlerweile von einer ganz handfesten ökonomischen Relevanz. Nur die Entwicklungen werden langfristig ökonomisch erfolgreich sein, die diesen Faktor entsprechend berücksichtigen können.“

Genau hier merken wir, dass die professionelle Qualität von KünstlerInnen, sich in dieser Beziehung des Menschen mit seiner Welt und seiner Umwelt zu beschäftigen, einen unheimlichen Stellenwert hat. Es ist besonders spannend zu sehen, wie Kunst plötzlich auch in einer Sphäre außerhalb ihrer eigentlichen Welt liegt und eine große Bedeutung, Wichtigkeit und Einfluss gewonnen hat.

STARTS jury

Im April 2017 trifft eine internationale Jury in Linz zusammen, um die GewinnerInnen des STARTS Prize 2017 zu küren. Credit: Florian Voggeneder

Eine international besetzte Jury wird bei STARTS auch in diesem Jahr in zwei Kategorien GewinnerInnen nominieren. Können Sie uns diese beiden Kategorien etwas näher vorstellen?

Veronika Liebl: Die Kategorie „Innovative Collaboration“ prämiert erstklassige Beispiele für Kooperationen oder kreative Partnerschaften, die zu Innovation führen. Wir suchen hier nach Kooperationen zwischen Forschung bzw. Industrie auf der einen Seite und Kunst oder Kreativität auf der anderen Seite. Im vergangen Jahr hat hier die Gruppe „Artificial Skins and Bones“ gewonnen, eine Kooperation zwischen Fab Lab Berlin, Kunsthochschule Berlin Weißensee und Industrie, im konkreten Fall Ottobock. Sie haben verschiedene Beispiele gezeigt, wie Prothesen durch Analyse unterschiedlicher Funktionen unseres Körpers und durch Zusammenarbeit mit allen Beteiligten anwenderfreundlicher und innovativer gestalten werden können. In der anderen Kategorie, „Artistic Exploration“, suchen wir treffende Beispiele von künstlerischer Erforschung oder Kunst- und Kulturprojekten, die Technologien bzw. deren Anwendung oder Wahrnehmung erneuern. Iris Van Herpen mit ihrem Studio ist das erstklassige GewinnerInnenbeispiel des STARTS Prize 2016, die in ihrer Mode Natur und Technologie so kombiniert, dass neue Produktionsmethodiken, Formen, Technologien und Designs möglich werden.

Der STARTS Prize sucht nach innovativen Projekten in diesem Themenfeld – was verstehen Sie unter „innovativ“?

Gerfried Stocker: Das Wort ist in letzter Zeit deswegen so interessant geworden, weil es nicht darum geht, die komplett neue Killer-Idee irgendwoher zu imaginieren. Der Begriff der „Innovation“ zielt auch nicht nur darauf ab, das nächste Ding zu präsentieren, das man dann als große Überraschung hinstellt. Es geht bei Innovation viel mehr um die große Herausforderung mit diesem riesigen Repertoire an Möglichkeiten, die wir in den letzten zehn bis 20 Jahren auch durch die digitale Technologie bekommen haben, endlich etwas Sinnvolles anzustellen. Und das erfordert neue Wege zu gehen, neue Zugänge zu entdecken und Dinge anders zu denken.

Veronika Liebl: Und es bedeutet auch, dass Technologien oder Fähigkeiten, die schon in kreativen Bereichen vorhanden sind, oder die KünstlerInnen und Kreative bereits einsetzen, auch für andere Branchen und in anderen Disziplinen eingesetzt werden können. Insofern sehen wir in STARTS das Potential, existierende Anwendungen auf Industrie-, Forschungs- und Wirtschaftszweige zu übertragen. Auf genau dieses Potential soll der STARTS Prize aufmerksam machen: die Fähigkeit von KünstlerInnen und Kreativen außerhalb der üblichen Denkmuster zu arbeiten und komplett neue Aspekte und Wege zu Innovation zu ermöglichen. Hier haben wir im vergangenen Jahr bereits ganz viele Beispiele gesehen, die bestätigen, dass es eine große Bandbreite an Bereichen gibt, die bereits solche Potentiale aus dem Kunst- und Kreativitätssektor nutzen: naheliegende wie Design, Architektur oder Fashion, aber auch Medizin, Biologie, Astrophysik, Luftfahrttechnik, Softwareindustrie und, und, und…

STARTS exhibition

„Artificial Skins and Bones“ bei der STARTS-Ausstellung des Ars Electronica Festival. Credit: Florian Voggeneder

An wen richtet sich der STARTS Prize? Wenn wir die Einteilung in KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen erweitern, heißt das dann, dass sich der STARTS Prize an alle wendet?

Gerfried Stocker: Der STARTS Prize richtet sich an alle, die an solchen Kooperationen und Grenzüberschreitungen aktiv beteiligt sind. Innerhalb dieses Kriteriums ist es völlig offen, welche Rolle eine Person oder eine Gruppe einnimmt. Angefangen von den KünstlerInnen, den TechnologInnen, den WissenschaftlerInnen, bis hin zu den Unternehmen, die beim STARTS Prize ihre Projekte einreichen – es kommt nicht darauf an, wer hier im Vordergrund steht. Wichtig ist, dass es Projekte sind, in denen diese Kooperation erfolgreich stattfindet. Von dem her kann man nicht sagen, dass sich der STARTS Prize ausschließlich entweder an KünstlerInnen oder an WissenschaflterInnen richtet.

Man darf auch nicht missverstehen, dass nur Leute einreichen dürfen, die in sich selbst diese verschiedenen Welten vereinen, denn dieser Ansatz ist sehr teamorientiert. Das haben wir auch ganz stark in den Ergebnissen des vergangenen Jahres gesehen. Fast in allen Fällen waren es große Teams oder Kollektive, die von der Jury nominiert und ausgewählt wurden. Und wer innerhalb dieser Kollektive die Initiative der Einreichung ergreift, spielt keine Rolle.

Veronika Liebl: Die Einreichung ist übrigens bis zum 3. März 2017 möglich und ist kostenfrei. Einreichen können Einzelpersonen, Teams, Unternehmen oder Organisationen aus der ganzen Welt. Auch Vorschläge über Twitter sind möglich – mit dem Hashtag #startsprize oder der Erwähnung von @startsprize im jeweiligen Tweet. Alle Details sind online zu finden auf https://starts-prize.aec.at!

Iris Van Herpen

Bei der Ars Electronica Gala im September werden die Trophäen offiziell verliehen. Im Bild: Die Künstlerin Iris Van Herpen und der österreichische Bundeskanzler Christian Kern. Credit: Florian Voggeneder

Auf was können sich die GewinnerInnen bei diesem Wettbewerb freuen?

Veronika Liebl: Pro Kategorie gibt es ein Preisgeld von 20.000 Euro mit dem der Preis honoriert wird, der übrigens nicht nur 2017 ausgeschrieben wird sondern bereits für die nächsten vier Jahre bis 2020 fixiert ist. Und die GewinnerInnen werden hier in Linz im Rahmen des Ars Electronica Festivals präsentiert, wie auch bei unseren beiden Partnern. BOZAR ist ja bereits ein bekannter Partner aus dem Vorjahr. Neu begrüßen dürfen wir die Waag Society in Amsterdam, die gemeinsam mit BOZAR und uns im Auftrag der Europäischen Kommission den Preis ausschreiben und in ganz Europa – in Form von Ausstellungen, Preisverleihung und von Künstlertalks präsentieren.

Gerfried Stocker: 2016 hat bereits eine Reihe von weiteren internationalen Präsentationen wie beispielsweise in Tokio stattgefunden und das wird 2017 so fortgeführt. Auch diese sehr starke, internationale und über Europa hinausgehende Aufmerksamkeit gehört zu diesem Preisgeld dazu.

Alle Infos zur Teilnahme bzw. Einreichung beim STARTS Prize 2017 finden Sie auf https://starts-prize.aec.at. Einreichschluss ist der 3. März 2017. Wenn Sie Fragen zum Wettbewerb haben, senden Sie uns doch eine E-Mail an starts-prize@aec.at!

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