Ist das Kunstwerk wirklich 140 Millionen wert?

Ein Francis Bacon für 140 Millionen, ein Pablo Picasso für 120 Millionen US-Dollar. Sind diese Kunstwerke wirklich so viel wert? Der „Art Retriever“ der Kunst- und Medienstudentin Rosi Grillmair gibt einen Einblick in die Welt des Kunstmarkts.

artretriever_small

Foto: Martin Hieslmair

Wem gehört eigentlich ein Kunstwerk? Der Künstlerin oder dem Künstler, den Sammlerinnen und Sammlern oder gar der Öffentlichkeit? Und wem ist es wie viel wert? Darüber hat sich die 22-jährige Rosi Grillmair Gedanken gemacht. Sie studiert „Zeitbasierte und Interaktive Medien“ an der Kunstuniversität Linz und präsentiert in der Ausstellung „TIME OUT .02“ im Ars Electronica Center ihren „Art Retriever“ – eine Visualisierung, die sich auf die Auktionsergebnisse von aktuellen Kunstversteigerungen stützt und die teuersten Kunstwerke der erfolgreichsten KünstlerInnen der Welt präsentiert.

Vor kurzem ist ein Ölgemälde von Pablo Picasso in New York für über 30 Millionen US-Dollar verkauft worden. Ist ein Kunstwerk wirklich so viel wert?

Rosi Grillmair: Mein Projekt „The Art Retriever“ nähert sich genau diesem Thema des Kunstmarkts und der Frage des Widerspruchs zwischen dem materiellen Wert eines Bildes und seinem ideellen Wert, den alle individuell einem Kunstwerk zuschreiben können. Nach einem Geldwert können sich alle richten und eindeutig festlegen – um ein Werk am Kunstmarkt handeln zu können, muss es auf den einzig vergleichbaren Wert reduziert werden, den es für Kunst gibt: den materiellen Wert. Bei einem ideellen Wert ist der Vergleich weniger möglich. Wie können KünstlerInnen aber bekannt werden, wenn ihre Werke niemand sieht? Wem gehört das Kunstwerk nach seinem Verkauf? KünstlerInnen, SammlerInnen oder – wenn es um einen bekannten Künstler wie Pablo Picasso geht – gar der Öffentlichkeit, wenn wir das Bild als kulturelles Erbe betrachten?

Naiv gesehen, wenn ein Bild einen sehr hohen Wert hat und teuer verkauft wird, dann muss es ja auch ein sehr gutes Bild sein.

Warum sollte man sich sonst darauf einigen, dass es so teuer ist? Und wenn es schon so besonders ist, ist es sicher auch wichtig, dass es auch jeder sehen kann, oder? Aber oft sind diese verkauften Bilder reine Investitionsgüter und landen als Privatbesitz und Anlagegut in Depots bis sie wieder weiterverkauft werden. Und da die Kunstwerke inzwischen einen so hohen Marktwert besitzen, sind Museen und öffentliche Einrichtungen darauf angewiesen, dass sie sich die Bilder von SammlerInnen ausborgen, die das Geld dafür besitzen, oder auf Sponsoren zurückgreifen, die das Geld dazu bereitstellen. Mit dem hohen Preis am Kunstmarkt steigt auch der Marktwert eines Bildes, gleichzeitig sinkt jedoch auch die Möglichkeit, die Bilder öffentlich zu zeigen.

Foto: Rosi Grillmair

Was macht der „Art Retriever“ sichtbar?

Rosi Grillmair: Mein Projekt holt Kunstwerke aus ihrem Dasein als Investitionsgut zurück und macht sie als Kopie in einem großen digitalen Bilderrahmen wieder öffentlich zugänglich – ohne Rücksicht, ob sie vielleicht gerade in diesem Moment von einer Privatperson um Millionen gekauft wurde oder nicht. Je wichtiger und teurer die Kunstwerke sind desto präsenter sind sie in meinem Projekt. Je mehr Daten es über sie gibt, je öfter und teurer sie verkauft worden sind oder je mehr BesitzerInnen es gab desto sichtbarer wird das Bild in der Visualisierung, die sich in einem langsamen Prozess aus Wörtern und Zahlen bildet. Relativ unbekannte und weniger teure Bilder sind auch weniger präsent, ein Picasso, um beim Beispiel zu bleiben, wird hingegen fast komplett sichtbar.

Foto: Martin Hieslmair

Woher kommen diese Daten?

Rosi Grillmair: Die Daten werden tagesaktuell von einer Online-Datenbank abgerufen. Hier werden alle KünstlerInnen aufgelistet, die jemals ein Werk verkauft haben – ihre Reihung wird durch mehrere Faktoren errechnet:  Verkaufspreise und Marktwert der Kunstwerke, Produktivität der KünstlerInnen oder Anzahl der Ausstellungen, in denen die Bilder zu sehen waren. Nacheinander geht der „Art Retriever“ diese „großen“ Namen von Platz 100 bis auf Platz 1 durch und zeigt damit, wie stark Kunstwerke zu Investitionsgütern geworden sind. Von jeder und jedem dieser KünstlerInnen wird schließlich das derzeit teuerste Bild zugeordnet und gezeigt, das am Kunstmarkt verkauft worden ist.

Technisch ist es so, dass ein Skript einmal am Tag über einen Premium-Account auf diese Website zugreift und die Daten aus einer HTML-Seite herausliest. Über eine andere Online-Datenbank beziehe ich weitere Daten über die KünstlerInnen, die auf einem kleinen Bildschirm neben dem eigentlichen Bild angezeigt werden. Hier werden die Karrieren der KünstlerInnen analysiert – wie produktiv ist eine Person das nächste Jahr? Hier können InvestorInnen überlegen, ob man Geld hineinsteckt oder nicht. Die KünstlerInnen werden damit aber auf Produktionsmaschinen reduziert, auf die man dann  fast wetten kann. Wie erfolgreich waren sie wann mit was? Ist es besser, hier in Skulpturen oder in Rauminstallationen zu investieren? Dabei geht es überhaupt nicht mehr um das Kunstwerk an sich.

Rosi Grillmair, Foto: Florian Voggeneder

Wie kam es dazu, dass du dich gerade mit diesem Thema beschäftigt hast?

Rosi Grillmair: Bereits in der HBLA für künstlerische Gestaltung Linz habe ich ein Brettspiel gestaltet, wo die MitspielerInnen Kunstschaffende sind, die es sich zum Ziel gesetzt haben, ihre Kunstwerke in einem Museum auszustellen. Die SpielerInnen konnten Spielkarten und somit auch Stationen ihres eigenen Lebenslaufs sammeln – diese bestimmten, ob man es bis in ein Museum schafft oder nicht. Dann habe ich noch einen Film über eine fiktive Ausstellung produziert, bei dem alle Akteure wie KuratorInnen, KritkerInnen und ProfessorInnen zu Wort kamen aber nicht die KünstlerInnen selbst. Auch hier habe ich mich mit der Frage beschäftigt, welche Personen eigentlich filtern und bestimmen, welche Werke ins Museum kommen und damit der Öffentlichkeit präsentiert werden. Natürlich kann man nicht alles in einem Museum ausstellen und hier gibt es immer wieder Selektionen. Mich hat es beeindruckt, als ich gehört habe, dass 95% aller Kunstwerke der Welt in einem Lager verborgen sind.

Die Ausstellung „TIME OUT .02“ im Ars Electronica Center Linz ist noch bis Ende August 2014 zu sehen. Mehr Infos über den „Art Retriever“ hat Rosi Grillmair auf theartretriever.wordpress.com zusammengestellt.

Join the discussion

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.