Hier werden Töne zu Seifenblasen: Black Hole Horizon

Thom Kubli lässt in seinem Werk Black Hole Horizon Klänge zu dreidimensionalen Objekten werden: Aus großen, schwarzen Hörnern erklingen tiefe Töne, die Seifenblasen erzeugen. Die Arbeit wird beim Ars Electronica Festival 2016 live zu sehen sein. Wir haben uns schon jetzt mit dem Künstler über sein Werk unterhalten.

Thom Kubli Ars Electronica Festival 2016 Exhibition Alchemists
Credit: Thom Kubli

Riesige schwarze Hörner erzeugen mit Druckluft tiefe Klänge, die auf eine feine Membran aus Seifenlauge treffen. Die Schallwellen verwandeln sich in große Seifenblasen, die langsam durch den Raum schweben, bis sie irgendwo zerplatzen. Eines steht fest: Die Installation von Thom Kubli wird auf dem diesjährigen Ars Electronica Festival „RADICAL ATOMS – and the alchemists of our time“ vom 8. bis zum 12. September 2016 nicht zu überhören (oder –sehen) sein.

Wie die Idee für Black Hole Horizon entstand, welche Herausforderungen es beim Bau zu meistern galt und wofür eigentlich der Titel steht, erklärt Thom Kubli hier.

Wie entstand die Idee für Black Hole Horizon?

Thom Kubli: Ein Horn, das durch seinen Klang Seifenblasen entstehen lässt, ist eigentlich ein einfaches Bild. Gleichzeitig hat es etwas kindlich Unreales –ein phantastisches Potential. Es hat mich gereizt herauszufinden, ob es technisch möglich ist, diese Vorstellung in eine physische Realität zu übersetzen. Bei Black Hole Horizon ging es darum, Klang in dreidimensionales Objekt zu transformieren, die den Raum durch ihre Präsenz verändern. Da Riesenseifenblasen eine so phantastische wie flüchtige Erscheinung sind und keine der anderen gleicht, wird der Raum also immer wieder neu definiert. Dadurch werden auch die Besucher dazu aufgefordert, sich selber mit ihrem Körper zu den neu entstehenden Volumen zu positionieren.

Wichtig war mir, dass der Klang eine materielle Entsprechung hatte, keine virtuelle. Ich habe mich lange mit der Übersetzung von Klang in physische Materialien beschäftigt, also z.B. in Biomasse, Flüssigkeit oder Granulat. Diese Art von Verwandlung berührt mich auf eigenwillige Weise, es schafft einen sehr direkten ästhetischen Zugang.

Thom Kubli Ars Electronica Festival 2016 Alchemists

Credit: Klaus Fritze

Können Sie den Entwicklungsprozess etwas beschreiben, die Wahl der Horn-Form, die technischen An- und Herausforderungen?

Thom Kubli: Nachdem die Idee in den Grundzügen formuliert war, wurde sehr bald klar, dass ich Wissen aus sehr unterschiedlichen Gebieten benötigen würde. Ich fand mich schnell im Bereich der Strömungsforschung, der Akustik und des Instrumentenbaus wieder. Da das Horn eine Art Erfindung war, gab es auch keine Beispiele was Form und Materialien anging. Ich hatte das Glück, dass David Jaschik zu dem Projekt hinzukam, der als Mechatroniker arbeitete, und Zackery Belanger, der als Physiker und Akustiker bei EMPAC in New York beschäftigt war.

Mit selbstgebastelten Modellen und improvisierten Testaufbauten haben wir dann versucht herauszufinden, wie die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Ebenen sich verhalten und wie man das Ganze synchronisiert bekommen könnte. Da waren ziemlich abenteuerliche Konstruktionen dabei. Im Grunde war klar, dass ein Horn entstehen sollte, das mit Druckluft betrieben wird. Und, dass es einen Flüssigkeits-Kreislauf geben musste. Und eine Vorrichtung, die aus der Flüssigkeit eine Art feine Membran entstehen lässt, aus der der Klang dann die Seifenblase moduliert.

Die endgültigen Objekte wurden in New York bei EMPAC hergestellt. Dort gab es eine Verbindung zur Architektur-Abteilung der Rensselaer Polytech University, wo wir die Hörner in 3D-Programmen designt haben und mit verschiedenen Materialien experimentiert konnten. Im Grunde galt es herauszufinden: welche Formen kann ich mit meinem Material frei gestalten und was ist durch die technischen Notwendigkeiten schon vorgegeben. Die Tonhöhe eines Horns ist beispielsweise durch die Länge des Rohrs definiert. Andere Teile des Objekts dagegen können nach eher visuellen Kriterien gestalten werden.

Thom Kubli Black Hole Horizon Festival 2016

Credit: Thom Kubli

Black Hole Horizon ist ein thematisch sehr komplexes Werk. Sie befassen Sich unter anderem mit schwarzen Löchern, menschlichem Bewusstsein, Schwerkraft, aber auch Spektakel und Spiel – was verbindet diese Themen für Sie miteinander? Warum wählten Sie diese Themen aus?

Thom Kubli: Natürlich interessiere ich mich als Künstler für das menschliche Bewusstsein, weil es ja mit der ästhetischen Erfahrung in mittelbarem Kontakt steht. Wie also wird mein Bewusstsein beeinflusst? Wie werden wir konditioniert, beispielsweise durch Spiel oder gesellschaftliches Spektakel? Aber auch durch Umstände, die für uns so selbstverständlich sind, dass wir sie als solche gar nicht mehr wahrnehmen, wie zum Beispiel, dass wir mittels einer nicht unerheblichen Schwerkraft von diesem Planeten angezogen werden?

Das Zusammenbringen vermeintlich nicht zusammengehöriger Themenfelder – also eigentlich inkohärenter Ebenen – birgt ein erhebliches Potential. Ich glaube, dass der kreative Umgang mit Inkohärenz die Möglichkeiten einer neuen radikalen Ästhetik erst hervorbringt: Nichtzusammengehöriges zu konfrontieren, es sich gegenseitig modulieren und beeinflussen zu lassen und die Dynamik an Grenzen und Randbereichen inkohärenter Ebenen zu betrachten.

Es geht ja darum, die ausgetretenen Pfade logischer Verbindungen durch die Unmittelbarkeit ästhetischer Erfahrung neu zu definieren oder gleich ganz zu ersetzen. Und das ist, im Zusammenspiel mit der Wissenschaft, eben die Aufgabe der Kunst.

Thom Kubli Ars Electronica Festival 2016 Alchemists

Credit: Thom Kubli

Welche Bedeutung trägt der Titel von Black Hole Horizon im Zusammenhang mit dem Werk selbst?

Thom Kubli: In der Astrophysik gibt es den Begriff des Event Horizon, der ein bestimmtes Raumzeit-Phänomen beschreibt. Sehr vereinfacht gesagt: Wenn die Anziehungskraft der dunklen Materie schwarzer Löcher stark genug ist, lenkt sie auch Lichtstrahlung derart ab, dass sie nicht mehr zu sehen ist. Die Grenze zu diesem Bereich ist der Event Horizon. Dahinter gibt es immer noch Sterne mit immenser Strahlung, die aber aufgrund der Gravitationskraft der Dark Matter visuell nicht wahrnehmbar sind. Sie existieren, wir sehen sie nur einfach nicht. Das ist nicht nur ein phantastisches kosmologisches Phänomen, sondern auch ein großartiges literarisches Bild: Welche Kräfte lassen also welche Art von Wahrnehmung zu in der Dynamik des beständigen Werdens.

Bei der Darstellung von Klang durch Materie gibt es eben auch dieses Moment einer andersartigen Wahrnehmung. Grundsätzlich bringt dieser Moment aber immer auch die schiere Möglichkeit dieser Andersartigkeit zum Ausdruck. Auf mich üben diese Experimente deshalb auch immer eine geheimnisvolle Faszination aus.

Black Hole Horizon Thom Kubli Festival 2016

Credit: Thom Kubli

Das diesjährige Festival-Thema ist „RADICAL ATOMS – and the alchemists of our time“. Welchen Bezug hat Ihr Werk zum Thema?

Thom KubliRadical Atoms beschreibt Atome oder Moleküle mit ›ungepaarten‹ Elektronen. Diese Spezies ist besonders reaktionsfreudig, unstabil und transformierbar, hat also im Sinne des künstlerischen Arbeitens die Eigenschaften unvorhersehbare Prozesse einzuleiten. Diese Art des Entwickelns riskanter neuer Ideen, deren Methode und Effizienz nicht erprobt ist, könnte zu weiten Teilen die Zukunft bestimmen. – Weil sie Kreativität und Innovation verspricht, auch in Anbetracht sehr hoher Komplexität der Anforderungen. Black Hole Horizon ist in diesem Geiste entstanden. Eine Idee, deren Realisierung eine schnelle Interaktion zwischen unterschiedlichsten Wissensgebieten und Arbeitsebenen erforderte. Black Hole Horizon beschreibt aber auch den Prozess des Entstehens in seiner Unvorhersehbarkeit: Keine Seifenblase, die sich realisiert, gleicht der anderen. Sie ist unstabil in ihrer flüchtigen Präsenz. Und der Weg, den sie durch den Raum nehmen wird, ist –in der Reaktion mit der Thermik des Raumes– unvorhersehbar. In diesem Sinne ist jede Seifenblase, die entsteht, eine riskante neue Idee.

Black Hole Horizon von Thom Kubli wird beim Ars Electronica Festival 2016 in der POSTCITY, in der „Alchemists of our Time Exhibition“, von 8. bis 12. September 2016 zu sehen sein. Die Ausstellung ist am Donnerstag, 8.9.2016, bis Montag, 12.9.2016, von 10:00 bis 19:30 Uhr geöffnet. Um mehr über das Festival zu erfahren, folgen Sie uns auf FacebookTwitterInstagram und Co., abonnieren Sie unseren Newsletter und informieren Sie sich auf www.aec.at/radicalatoms . 

thom kubliThom Kubli (CH/DE) arbeitet als Künstler und Komponist in Berlin. Seine Klang-Installationen wurden bereits im New Museum of Contemporary Art (New York), in der Transmediale (Berlin), Ars Electronica (Linz), im Laboratorio Arte Alameda (Mexico City), Eyebeam (New York), EMPAC (EMPAC), in der Akademie der Künste (Berlin) und in vielen weiteren Kunstgalerien ausgestellt. Im Zuge seiner Arbeiten ging er vielzählige internationale Kooperationen mit wissenschaftlichen Institutionen in den Bereichen der Computerwissenschaft, Materialwissenschaft, Biotechnologie, Architektur und Psychiatrie ein. Seine kompositionellen Stücke und experimentelle Radioshows wurden von europäischen Radiosendern wie WDR, ORF, DLRK, DLF und anderen ausgestrahlt. 

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